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Feiertag - Kirchensendung / Archiv | Beitrag vom 24.03.2008

Ein Bischof und Vorbild: liebevoll und unbeugsam

Kurt Scharf (1902 – 1990)

Von Wolfgang Fietkau, Kleinmachnow

Wenn andere mit Dienstwagen und Chauffeur auftraten, fuhr Kurt Scharf (1902-1990) nicht selten mit der S-Bahn. Der Pastor und Anhänger der Bekennenden Kirche wirkte auf viele seiner Zeitgenossen als glaubwürdiges Vorbild für eine christliche Existenz. Andere ärgerten sich über ihn und meinten, er sei wohl ein "Roter". Was er dachte und glaubte, sagte er frei heraus, über jeglichen Hohn und Spott erhaben. Von 1961 bis 1967 war Kurt Scharf EKD-Ratsvorsitzender. Sein Amt als Bischof der politisch geteilten Berlin-Brandenburgischen Landeskirche konnte er von 1966 bis 1976 nur in West-Berlin ausführen.

Wolfgang Fietkau berichtet von einem Bischof, dessen Lebensstil und Amtsführung unter Deutschlands Kirchenoberen bis heute keine Nachahmer gefunden hat.



Scharf
"Wir sind auch über Entfernungen hinweg beieinander, um der Stunde in der Weltgschich-te zu gedenken, die das Wesen von Leben und Tod enthüllt hat."

Karfreitag 1976. Auf der Kanzel der St.-Nikolai-Kirche in Berlin-Spandau: Kurt Scharf, Bi-schof der Berlin-Brandenburgischen-Kirche. Seine Gemeinden im Osten kann er nicht besu-chen. Die Behörden dort haben ihn, den DDR-Bürger, im August 1961 ausgesperrt. So spricht er in einem Fernsehgottesdienst zur versammelten Gemeinde im Kirchenraum vor ihm und zur ungeteilten Gemeinde in Ost und West über den Äther. Zur Einheit der Christen in Ost- und Westdeutschland vertrat dieser Bischof radikal christliche Positionen. Gegen alle äußeren Anzeichen sah er diese Einheit als eine Realität. Wir haben zwei Staaten in einem Deutschland – sagte er. Kurt Scharf gründete seine Zuversicht auf die Bibel.

An seinen Visionen und mutigen Überzeugungen hielt er unbeirrt fest. Verblüffend war seine Bescheidenheit. Wo andere mit Dienstwagen und Chauffeur auftraten, fuhr er nicht selten mit der S-Bahn. Viele Zeitgenossen fanden, er sei ein glaubwürdiges Beispiel für gelebtes Chris-tentum. Andere ärgerten sich über ihn und meinten, jedenfalls im Westen, er sei wohl ein "Roter". Was er dachte und glaubte, sagte er. Auch wenn ihm das Nachteile und nicht selten Hohn und Spott einbrachte.

Doch der Reihe nach. Woher kommt dieser Mann? Was hat ihn geprägt? Kurt Scharf wurde 1902 in Landsberg an der Warthe geboren. Sein Vater war dort Buchhändler. Besonders fromm war der Schüler nicht. Trotzdem studierte er Theologie.

Ich wählte dieses Studium, weil ich mich intensiver mit den weltanschaulich-philosophischen Fragen, die damals akut waren, auseinandersetzen wollte, also letztlich nicht aus Glaubens-gründen. Ich fühlte mich als Christ, aber das Motiv zum Studium war eher humanistische Gesinnung. Meine ganze Studienzeit hindurch hat sich diese innere Einstellung kaum geän-dert. Zu einer positiven biblischen Theologie habe ich erst im Kirchenkampf der dreißiger Jahre gefunden.

Als die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht bekamen, trat Kurt Scharf seine 2. Pfarrstelle in Oranienburg nördlich von Berlin an und bezog das Pfarrhaus im Ortsteil Sach-senhausen. Von Anfang an gehörte er zu jenem kleineren Teil der christlichen Gemeinde-mitglieder und Amtsträger, die sich zu einer "Bekennenden Kirche" zusammenschlossen und in Opposition zum braunen System standen. Unter den Männern und Frauen der Bekennen-den Kirche war Kurt Scharf eine Schlüsselfigur. 1935 wurde er zum Vorsitzenden des Bru-derrates in Brandenburg gewählt. Aus dieser Zeit nannten ihn viele noch lange nach dem Krieg respektvoll "Präses", Vorsitzender. Und auf dem Gebiet seiner Gemeinde lag eines der größten Nazi-KZs: Sachsenhausen. Hier wurde der inhaftierte Pfarrer Martin Niemöller 1938 in die Einzelzelle einer Baracke gebracht, als so genannter "Gefangener des Führers". Kurt Scharf konnte ihn dort besuchen; Niemöller war nun sein "Gemeindeglied". Der Theologe Hellmut Gollwitzer erinnerte sich später, 1985, an diese Zeit:

Gollwitzer
"Für uns in Berlin war Kurt Scharf eine zentrale Figur, merkwürdigerweise dadurch, dass er die beste Beziehung zur Gestapo hatte. Die Gestapo sagte mir einmal: Herr Gollwitzer, das ist gelogen und ich sagte, fragen sie Herrn Scharf. Da sagten sie: Ja, das wissen wir, der lügt uns nicht an."

Kurt Scharf erinnerte sich an diesen Zeitabschnitt:

Ich war sieben Mal im Gefängnis, längere Zeit hintereinander in Einzelhaft, einmal zehn Ta-ge lang. Ich bin immer wieder freigekommen, die Einzelhaft habe ich als so bedrückend empfunden, dass ich mich bei meiner ersten Haft 1934 danach sehnte, ins KZ zu kommen, weil ich dachte, dass ich dort mit den Künstlern aus Berlin gemeinsam würde Skat spielen können.

Der Mann, der sich so erinnert, spielte nicht nur Skat, er schrieb auch Kurzschrift. Das war ihm nützlich als er 1941 "eingezogen", also Soldat wurde: Nach der Ausbildung zunächst in Berlin in einer Schreibstube des Berliner Kommandantur-Gerichts und ab 1944 in Italien.

Nach der Entlassung aus amerikanischer Gefangenschaft, im Sommer 1945, war Kurt Scharf zunächst Propst in Berlin-Brandenburg. Er nahm, weil das der Arbeit dienen konnte, seinen ersten Wohnsitz in Ost-Berlin; die Familie blieb im Westen, was 1951 noch keine Affäre war, die Grenze war ja offen und er konnte die Familie besuchen. Er musste aber seinen West-berliner Ausweis abgeben und war nun DDR-Bürger. Mit einem Kollegen aus der Kirchen-verwaltung bezog er eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Ost-Berlin.

Solange ich in Ost-Berlin wohnen konnte, war ich eines der wenigen Mitglieder der Kirchen-leitung, das bei den säkularen Behörden dort als verhandlungsberechtigt galt. So fiel mir auch wieder die Aufgabe zu, mich um die Gefangenen zu kümmern und mit dem Staatssi-cherheitsdienst in der Normannenstraße über die Freilassung verhafteter Pfarrer und Kir-chenleute zu verhandeln.

Als Allerdings 1961 die Mauer gebaut wurde, dauerte es nur kurze Zeit, bis Präses Scharf, wie er noch immer genannt wurde, aus West-Berlin kommend an der Grenze abgewiesen wurde. In dem geteilten Deutschland gab es nun auch zwei Synoden der ebenfalls geteilten Berlin-Brandenburgischen Landeskirche – eine hüben, eine drüben. 1966 wurde Kurt Scharf als Nachfolger von Bischof Otto Dibelius an die Spitze der Berlin-Brandenburgischen Lan-deskirche gewählt. Die DDR-Behörden ließen ihn sein Amt aber auch jetzt im Osten nicht ausüben. So amtierte er bis 1976 gezwungenermaßen nur in West-Berlin als Bischof. Im Osten hatte er zunächst einen Stellvertreter, den späteren Bischof Albrecht Schönherr. Die Erfahrung zeigte aber, dass man, schweren Herzens, doch besser zwei Bischofsämter ein-richten sollte. Bischof Schönherr berichtet:

Schönherr
"Nun war die Schwierigkeit, man muss das mit Scharf besprechen, denn er war ja Bischof für ganz Berlin-Brandenburg. Und das war die Geschichte, dass wir uns in Zürich trafen, um die Sache zu bereden und nahmen dann einen Kahn und sind dann weit rausgefahren auf den Züricher See, beide alleine, und ich hab versucht, ihm das nun klarzumachen, dass das sein müsste. Das hat er durchgesetzt, wahrscheinlich mit einer kleinen Mehrheit bloß, aber er hat´s."

Albertz
"Eine ganz wichtige Zeit waren die Monate, als Scharf hier auf der Abschussliste stand, von der Morgenpost bis zum Generalsuperintendenten haben sie ja alle seinen Rücktritt ge-fordert, nur weil er eine Gefangene besucht hat, die hieß allerdings Ulrike Meinhof."

… erinnert sich Heinrich Albertz, Altersfreund von Kurt Scharf, ebenfalls Pfarrer und in be-wegter Zeit Regierender Bürgermeister von Berlin West. Kurt Scharf machte keine Ausnah-me: Wenn die Bibel gebietet, Gefangene zu besuchen, tut er das – auch wenn es sich dabei um eine Terroristin handelt. Für ihn war das möglich, auch ohne "Kumpan ihres Tuns" zu sein. - Bischof Scharf hatte sich, nicht nur in der Kirche, immer wieder für Versöhnung und Ausgleich eingesetzt und wurde so auch für viele Jugendliche ein Vorbild und Sinnbild für Glaubwürdigkeit. Kritiker machten ihn dagegen verantwortlich für einen angeblichen "Links-ruck" in der Berliner evangelischen Kirche. Sie hielten ihn wegen seines Engagements in der Friedensbewegung für einen "roten" Bischof. Er war für die Gefangenenhilfsorganisation am-nesty international tätig und Vorsitzender der "Aktion Sühnezeichen/ Friedensdienste". Dabei ließ er an Deutlichkeit oft nichts zu wünschen übrig.

An jedem Tag, an dem weltweit Milliarden Dollar für Rüstung ausgegeben werden, sterben auf unserer Erde Zehntausende von Kindern an Hunger. Das ist ein Gipfel an Gewalttätig-keit, ein unerträglicher Skandal.

Kurt Scharf war nun im politischen Osten offiziell und in großen Teilen der Öffentlichkeit des Westens, zumindest in West-Berlin, ein mehr oder weniger tief verachteter Mann. Wie zuvor in der DDR war er nun auch im Westen ausgegrenzt – wenn auch auf eine andere Weise. Dazu sein langjähriger Mitarbeiter, der Rechtsanwalt Reymar von Wedel:

von Wedel
"Die Motive waren natürlich verschieden: Im Osten fürchtete man, dass er die Kirchen zu-sammenhalten würde und dass er eine starke Opposition bilden würde. Im Westen war das anders, da kam die Unbeliebtheit doch in dem Moment, als die Studentenbewegung anfing als er sich nicht gerade auf die Seite der Studenten stellte, aber Verständnis zeigte, da kam die konservative Presse zu einer Aggressivität gegen ihn."

Kurt Scharf hat christliche Grundpositionen, etwa zum Asylrecht oder zu einem menschen-würdigen Umgang mit inhaftierten Terroristen, oft kompromisslos vertreten. Sein Freund Heinrich Albertz kommentierte das ironisch:

In diesem allerchristlichsten Land war er wirklich ein Christ. Einer, der sich eingelassen hatte auf die evangelische Freiheit, die ihm jede Furcht nahm vor den kleinen und großen Herren und Göttern dieser Welt. Diese Wahrheit ist der Schlüssel zu seinem Leben, zu seinem Wi-derstand unter wechselnden Tyrannen, zu seiner unerschöpflichen Liebe zu den Menschen, zu seiner Phantasie und seiner Fröhlichkeit.

Journalisten, die Kurt Scharf zu Zeiten des kalten Krieges wahrlich nicht immer wohlgeson-nen waren, begrüßte der Bischof auf Pressekonferenzen als "Brüder und Schwestern von der Presse". Im Umgang mit ihm schieden sich jedoch die Geister. Seine Gegner - und dazu gehörten viele einflussreiche Zeitungen - haben ihn verhöhnt, ihn bestenfalls als "politisch naiv" bezeichnet.

Scharf
"Ich glaube, dass in der bedrohlichen Weltsituation für den Menschen, für die gesamte Schöpfung Gottes, nichts dringlicher ist als sich rückhaltlos einzusetzen für eine totale Abrüs-tung."

Albertz
"So stelle ich mir eben einen Bischof vor. Er ist ja ein Bischof immer noch, so ungefähr der einzige, den ich kenne. Manche nennen sich so."

Kurt Scharf – so viele seiner Zeitgenossen – war in seltener Weise ein Mensch, der tat, was er glaubte. In der Bekennenden Kirche während des Dritten Reiches, später als Bischof von Berlin-Brandenburg und als EKD-Ratsvorsitzender von 1961-1967 setzte er eindrucksvolle Zeichen gewaltlosen Widerstandes aus christlicher Überzeugung. Sein Verhalten als Bischof während der politischen Turbulenzen Ende der 60er Jahre, haben die öffentliche Meinung tief gespalten: Seine Gesprächsbereitschaft für Leute der außerparlamentarischen Oppositi-on oder für radikale Vertreter der Studentenbewegung, nicht zuletzt seine Besuche bei inhaf-tierten Terroristen haben viele irritiert. So hielten ihn die einen für einen vorbildlichen Chris-ten, die anderen für einen Freund von Verbrechern.

In einer Predigt stellte Kurt Scharf einmal dar, wie er den mitmenschlichen Umgang, auch mit Extremisten jeder Couleur, versteht. Er sprach vom Apostel Paulus, der von sich sagte, er sei den Juden ein Jude und den Griechen ein Grieche gewesen. So in einem Brief des Pau-lus an die christliche Gemeinde in Korinth. Das bezog Kurt Scharf dann auf SS-Soldaten, die mit ihm zu Tausenden im Kriegsgefangenenlager waren, und fragte:

Was hat unsere Kirche an diesen versäumt, als sie noch Kinder waren? Was sind wir Pfarrer der Bekennenden Kirche den »Soldaten der SS" schuldig geblieben? ... Es ist nicht »Anpas-sung«, Konformismus, den Rechtsextremen ein Rechtsextremer und den Terroristen ein Ter-rorist, den Regierenden ein Mitregierer und den Rebellen ein Rebell zu werden - im Sinne des Paulus! Vielleicht ist es ein Zeichen rechten »Werdens wie der andere«, wenn der, der dies übt, von allen Seiten gescholten wird.

Doch Bischof Scharf wurde nicht nur gescholten, er wurde auch geehrt: Früh schon, nämlich 1952, mit dem Ehrendoktor der Humboldt-Universität, dann mit der Buber-Rosenzweig-Medaille, mit der Kopernikus-Medaille der Volksrepublik Polen, mit der Ernst-Reuter-Medaille der Stadt Berlin und neben anderen Ehrungen mit dem Gustav-Heinemann-Bürgerpreis der SPD. Nach einem Wort von Heinrich Böll wurde er wie Heinrich Albertz gelegentlich auch "Friedensbandit" genannt.

Scharf
"Wir brauchen eine Umrüstung in der Wirtschaft und vor allem einen Wandel im Bewusst-sein der Menschen, der Bevölkerung in der nördlichen Erdhalbkugel, und im Kampf dafür lasse ich mich dann gern Friedensbandit nennen."

Heinrich Albertz stellte rückblickend über Kurt Scharf fest:

Er war einer von den wenigen Deutschen mit internationalem ökumenischen Weltrang. Einer, der uns zusammenhielt, tröstete, ermutigte durch seinen nüchternen Verstand, durch sein Beispiel karger Bescheidenheit und durch seinen Willen zur Versöhnung. Unsere Kirche ver-dankt Kurt Scharf ihre Glaubwürdigkeit, unser Land ein Stück neue Ehre nach so viel Schmach.

Wie sah Kurt Scharf die religiöse Entwicklung in Deutschland? Im Frühjahr 1989, noch vor dem Mauerfall, bevor Deutschland langsam zusammenwachsen konnte, zog er eine Bilanz:

Ein Rückblick auf die Jahre, die hinter mir liegen, zeigt neben der zunehmenden Säkularisie-rung auch ein neues, ernstes Fragen nach der Rolle der Kirche unter denen, welche die Kir-che als Amtskirche und Organisation ablehnen. Heute wendet sich die Jugend anderen An-geboten zu: Sektenfrömmigkeit, New Age, Okkultismus, Spiritismus. Die Frage nach dem Sinn des Lebens - einem über den Tod hinausreichenden Sinn - ist aktuell. Aufs Ganze ge-sehen habe ich den Eindruck, dass wir die interessanteste Epoche der Weltgeschichte erle-ben.

Als 1976 das Ende seiner Amtszeit bevorstand, sagte er vorausschauend:

Bisher ist es mir in meinem Leben immer so gegangen, dass ich vor jedem neuen Abschnitt, wenn er ins Blickfeld trat, Sorge gehabt habe. Und nachher ist er dann je der schönste Ab-schnitt meines Lebens geworden. … Meine natürliche Veranlagung ist eine kräftige Portion Faulheit. Im Ruhestand werde ich ihr nachgeben dürfen. Ich habe die ununterbrochene Inan-spruchnahme durch Aufgaben niemals gesucht; ich habe sie als Pflicht genommen, der ich nicht ausweichen durfte.

Als Kurt Scharf im März 1990 mit 87 Jahren stirbt, sitzt er in einem Berliner Bus der Linie 10 im Unterdeck, mitten unter Menschen, den Kopf an die Scheibe gelehnt, bis einer merkt, dass dieser Fahrgast nicht schläft, sondern tot ist. Der alte Bischof war auf der Fahrt zu einer langjährigen Mitarbeiterin. Heinrich Albertz damals:

Ein Nachruf? Ach, was ist zu rufen? Und wer wird nun alles rufen? Auch viele, die ihm sein Leben schwergemacht haben. Für die er nur ein Unbequemer war, bestenfalls ein Träumer, einer, der sogar sagte, was er dachte und glaubte, und schlimmer noch, der tat, was er sag-te. Ja, er war häufig sehr allein. Am schlimmsten nach seinem Gefängnisbesuch 1974 bei Ulrike Meinhof. Ein Staatsanwalt hatte den traurigen Mut, ihn vorzuladen als eine Art Kolla-borateur der Terroristen. Und er ging sogar hin und ließ sich verhören. Und der Senat von Berlin schwieg. Bei der Trauerfeier für den ermordeten Kammergerichtspräsi¬denten von Drenkmann ließen die feinen Herren der Stadt ihn allein stehen. Ein leerer Raum war um ihn in der dichtgedrängten Menge. Es gibt ein Bild von dieser Szene. Da steht er unbeugsam. Seiner Sache sicher.

Auch weit über Deutschland hinaus, gab es ein Echo auf die Haltung dieses Zeitgenossen. So sagte Anfang der 80er Jahre der afrikanische Bischof Desmond Tutu, der spätere Frie-densnobelpreisträger.

Männer wie Bischof Scharf sind eine überzeugende Werbung für den christlichen Glauben, der Bedeutung für die Frömmigkeit des Einzelnen hat und zugleich auf die Gesellschaft ein-wirkt.

Kurt Scharf hat nicht nur seine Weggenossen aus der Zeit der Bekennenden Kirche, sondern auch viele jüngere Menschen stark beeindruckt. Das zeigte sich, wenn er als alter, manch-mal auch als zorniger alter Mann vor großen Versammlungen sprach. Vielen war er ein Vor-bild, gerade auch jenen, die gegenüber kirchlichen Persönlichkeiten eher kritisch und skep-tisch waren. In seinen Predigten und geistlichen Betrachtungen finden sich Gedanken, die heute besonders aktuell sind:

Gier, Machtgier, Sucht, Rachsucht, Gier nach Genuß und Sucht nach Geltung sind Waffen des Todes. Sie sind die Kampfesweisen, mit denen der Tod die Revolution Christi, die Revo-lution gegen die Machthaber auf Erden, niederzuhalten sucht. Der Tod ist der große Konter-revolutionär gegen die christliche Revolution.
(Kurt Scharf, aus: "Sich auf Gott verlassen", Hg. Von Rudolf Walter, Herderbücherei, 1980)

So der Bischof in einer 1980 erschienenen Aufsatzsammlung mit dem Titel "Sich auf Gott verlassen".

von Wedel
"Alles, was er tat, war irgendwie motiviert aus der Bibel. Biblisch-theologisch war er ein Konservativer, ein ganz frommer, (bewegter), innerlich bewegter, gefühlsbetonter frommer Christ. Das war das Eigentliche an dem ganzen Mann."

Kurt Scharf: Sein Lebensstil und seine Amtsführung hat unter Deutschlands Kirchenoberen kaum Nachahmer gefunden. Die Betrachtung seines Beispiels führt zu der Frage, ob evan-gelische Christen in diesem Lande ihre Chancen richtig ausschöpfen: Wäre da nicht oft mehr "drin": Durch ein Leben, das im Sinne der biblischen Botschaft liebevoll und genauso gut anstößig ist. Kurt Scharf wollte, als er achtzig war, noch eine allgemeine Bemerkung zum Begriff "Kirche" machen:

Die Kirche ist nicht die Institution, und die Kirche sind nicht die leitenden Gremien, sondern die Kirche, das sind die aktiven "vom Geist getriebenen" Minderheiten in der Kirche.

Inzwischen ist es still geworden um ihn. Die Patmos-Gemeinde in Berlin-Steglitz, in der er oft gepredigt hat, bemüht sich seit Jahren darum, eine Straße nach ihm benennen zu lassen: Bisher vergeblich. Der brüderliche, sanftmütig-unbeugsame Typ, den er verkörperte, ist auch auf den Rängen kirchenleitender Personen nun wieder selten. Das Sagen haben Theologen, die sich als Macher verstehen und oft wie Politiker oder Wirtschaftsbosse reden. Kurt Scharf hingegen, fragte in den heikelsten Situationen nicht, was taktisch klug sei oder mehrheitsfä-hig oder durchsetzbar. Er fragte nur, was aus biblischer Sicht geboten ist. Das sagte er dann und tat es: Unerschrocken, aber nicht verbissen. - Bleibt eine Frage: Warum bringen die christlichen Kirchen so wenige Persönlichkeiten hervor, die glaubwürdig sind wie dieser Mann? Sie haben doch zu Millionen dasselbe Buch in der Hand wie er. Kurt Scharf wies gern auf ein biblisches Leitwort aus dem Brief des Paulus an die christliche Gemeinde in Rom hin, das seit Jahrhunderten in der Familie Scharf gilt:

Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen.



Musik 1
Für diesen und die weiteren 5 Musiktakes: Tonträger CD "Junge Töne", eine Edition der braunschweigischen Landeskirche,
Moritz Helmstädter, Orgel. Thomas Beerbom, Trompete. Hier: Nr. 18, Guiseppe Torelli, Sinfonia D-Dur für Trom-pete und Orgel, aus: 2. Adagio-Allegro

Musik 2
Siehe Musik 1. Hier: Nr. 18, Guiseppe Torelli, Sinfonia, D-Dur für Trompete und Orgel, aus: 2. Adagio-Allegro

Musik 3
Siehe Musik 1. Hier: Nr. 18, Guiseppe Torelli, Sinfonia D-Dur für Trompete und Orgel, aus: 2. Adagio-Allegro

Musik 4
Siehe Musik 1. Hier: Nr. 4, Johann Sebastian Bach "Wachet auf, ruft uns die Stimme"

Musik 5
Siehe Musik 1. Hier: Nr. 3, Henry Purcell, Sonata D-Dur für Trompete und Orgel, Allegro

Musik 6
Siehe Musik 1. Hier: Nr. 3, Henry Purcell, Sonata D-Dur für Trompete und Orgel, Allegro



Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Pfarrerin Petra Schulze, evangelische Senderbeauftragte der EKD für Deutschlandradio und Deutsche Wel-le.

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