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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.07.2011

Ein Appell für mehr Stil

Nadine Barth (Hg.): "German Fashion Design 1946-2012", Distanz-Verlag, Berlin 2011, 320 Seiten

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Ein Model auf der Berliner Fashion Week (AP)
Ein Model auf der Berliner Fashion Week (AP)

Welchen Stellenwert hat Mode in Deutschland? In diesem Sammelband begeben sich 24 Autoren auf eine Spurensuche durch sechs Jahrzehnte - mit aufschlussreichen Interviews, Porträts und grandiosen Bilderstrecken.

"Sachlich, elegant, tragbar”: Mit dieser Formel eroberte die erste deutsche Modekönigin Jil Sander Ende der 1970er-Jahre die internationalen Laufstege. Ihr puristischer Stil prägt bis heute die Wahrnehmung von Kleidern made in Germany – dabei tüfteln längst neue Generationen von Designern an einer bunten, vielfältigen Mode.

Schade nur, dass die deutsche Öffentlichkeit diese junge Mode kaum beachtet – geschweige denn bereit ist, dafür zu zahlen. "In anderen Ländern hat Mode einen kulturellen Stellenwert", schreibt Peter Bäldle vom Deutschen Mode-Institut in der Einleitung des Buches, "bei uns wird Mode als Wirtschaftsfaktor gesehen." Warum sorgen innovative Designer und Labels wie "Talbot Runhof" oder "Mongrels in common", Patrick Mohr oder Vladimir Karaleev nicht für Debatten in deutschen Feuilletons? Woher kommt das "gewisse Nichts", das die Deutschen in Sachen Fashion und Glamour zu charakterisieren scheint?

Das Buch "German Fashion Design 1946-2012" besticht mit einer historischen Deutung. Die 24 Autoren um Herausgeberin Nadine Barth begeben sich in zehn Kapiteln mit aufschlussreichen Texten, Interviews, Porträts und grandiosen Modestrecken auf eine Spurensuche durch sechs Jahrzehnte deutschen Modedesigns. Schnell wird klar: Das zwiespältige Verhältnis der Deutschen zur Mode ist untrennbar verbunden mit der gebrochenen Biografie ihres Landes. Es ist ein langer Weg von den "Goldenen 20er-Jahren", als Berlin das größte Textilzentrum der Welt war und auf Augenhöhe mit Paris konkurrierte, zum heutigen Berlin.

Dazwischen liegen historische Rückschläge, Zäsuren, Katastrophen, nach denen Mode in Deutschland immer wieder neu erfunden werden musste. Internationale Ausstrahlung erreichte sie erst wieder Mitte der 1980er-Jahre, als die Messe Düsseldorf die "deutschen Designer" ausrief: Wolfgang Joop, Uta Raasch oder Reimer Claussen. Doch der kurze Boom war schon wieder vorbei, als 1989 die Mauer fiel - und die Modewelt erneut nach Berlin pilgerte. Dort hieß es: Alles zurück auf Anfang.

"German Fashion Design" führt zweisprachig durch die Geschichte des deutschen Modedesigns, alle Texte sind ins Englische übersetzt. Daneben beleuchten einzelne Kapitel die "Big Five" der deutschen Mode - Hugo Boss, Escada, Strenesse, Joop! und Rena Lange -, außerdem werden "Die zehn besten Designer in Berlin" vorgestellt, die neue Trends setzen. Das Kapitel "Wirtschaftsmacht Mode" belegt, dass deutsche Mode heute ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist - doch der Gewinn sprudelt wegen der Konfektion: verlässliches Handwerk statt eigenwilliger Stil.

Leider vermeidet Nadine Barth, die Erkenntnisse und Konsequenzen der einzelnen Textbeiträge zusammen zu fassen. So bleibt es einem selbst überlassen, die eingangs gestellte Frage nach dem kulturellen Stellenwert von Mode in Deutschland zu beantworten. Dessen ungeachtet ist "German Fashion Design" ein hintergründiges Lesebuch und flammendes Plädoyer zugleich: Ein Appell für mehr Stil - und weniger "modischen Mainstream" in Deutschland.

Besprochen von Tabea Schmitt

Nadine Barth (Hg.): German Fashion Design 1946-2012
Distanz-Verlag, Berlin 2011
320 Seiten, 44 Euro

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