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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.07.2013

Ein anständiger Krieger

Karl Marlantes: "Was es heißt, in den Krieg zu ziehen", Arche Verlag, Zürich 2013, 319 Seiten

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US-Soldaten bei der Landung in Da Nang in Südvietnam (AP Archiv)
US-Soldaten bei der Landung in Da Nang in Südvietnam (AP Archiv)

Er wusste, wie man tötet, aber nicht, was danach kommt. Karl Malantes war Soldat im Vietnamkrieg. Jahre später holen ihn die Erlebnisse ein - Flashbacks, Albträume, Gewaltausbrüche. Zum Pazifisten ist der trotzdem nicht geworden.

"Das Marine Corps hatte mir das Töten beigebracht – aber nicht, wie mit dem Töten umzugehen war."

Gut 40 Jahre, bevor Karl Marlantes dieses Fazit zieht, war er der Eliteeinheit beigetreten, mit zwanzig, als Collegestudent. Marlantes, Jahrgang 1944, aufgewachsen als Sohn kleiner Leute mit skandinavischen Wurzeln im ländlichen Oregon, ist damals ein "tough guy", der im rauflustigsten Sport der Welt glänzt: Football.

Die Männer um ihn herum haben im Zweiten Weltkrieg gekämpft und können mit Stolz auch vom Töten und dessen Grauen erzählen. Die Frauen lehren ihn mit handfestem Utilitarismus, mit dem Schmerz umzugehen, als selbst Kälbchen Ferdinand, das er liebevoll gepäppelt hat, geschlachtet wird. Er wird auch ein glänzender Yale-Student und sitzt 1968 mit dem allerfeinsten Rhodes-Stipendium im britischen Oxford.

Seit drei Jahren sind die USA in Vietnam massiv militärisch aktiv und hallt die westliche Welt wider von ebenso massivem Widerstand gegen diesen Krieg. Junge Amerikaner verbrennen ihre Einberufungsbescheide oder flüchten nach Kanada. Marlantes meldet sich zum Kriegsdienst. Warum?

Aus einer "sehr gegensätzlichen Mischung aus Patriotismus, Sehnsucht nach Überhöhung und Flucht aus dem Einerlei, dem Bedürfnis, meine Männlichkeit zu beweisen, Selbsterprobung und Neugier", resümiert er.

Ab Oktober 1968 führt er einen Zug von 40 Marines, sie alle blutjung wie er. Ein Jahr später kommt er zurück mit dem Verwundetenabzeichen Purple Heart und zwölf Tapferkeitsorden vom Feinsten. Ein "hero", aber in einem Krieg, der für viele Landsleute überhaupt nicht fein ist. Er wird bespuckt, gemobbt, als "babykiller" beschimpft. Er schweigt, studiert zu Ende, beginnt eine Karriere.

Wie "unfein" der Vietnamkrieg war, weiß er nur zu gut: von innen. Er hat das nackte Grauen selbst erlebt – und zugefügt. Jahre später holt es ihn ein. Flashbacks, Albträume, Gewaltausbrüche. Die Posttraumatische Belastungsstörung zerstört seine Ehe. Mit Stolz erzählen kann er nichts, er tut es trotzdem, 30 Jahre lang, in der einzigen Form, in der er seine Wahrheit verarbeiten kann: fiktionalisiert zum Roman "Matterhorn".

"Was es heißt in den Krieg zu ziehen" ist sein zweites Buch, eine Mischung aus Autobiographie und radikaler Reflexion über den Krieg, also über Leben, Tod, Menschsein. Er ist kein Pazifist, für ihn wird es Krieg und also Krieger geben, solange die Welt nicht nur von guten Menschen bewohnt wird. Aber ein anständiger Krieg(er) braucht einen Moralkodex, kurz gesagt: ethisch zu rechtfertigen ist nur defensive Gewalt. Der "präventive" Irakkrieg etwa ist so moralisch wie ein Lynchmob.

Marlantes entwickelt konkrete Vorschläge, wie aus dem Moralkodex Praxis werden kann. Sie reichen von der Kindererziehung über eine veritable Revolution des Militärs bis zu einer neuen "Kriegsmythologie". Für deutsche Leser mit der europäischen Aufklärung im Gepäck mag das oft (und nicht immer zu recht) auftauchende Wort "spirituell" nach Esoterik klingen. Marlantes ist kein Esoteriker, sondern einer, der sensibel und aus Erfahrung über Krieg nachdenkt.

Leider ist sein Buch in unnötig zähes Deutsch übersetzt, schlecht lektoriert und enthält ärgerliche Fehler. Trotzdem sollte es auch hierzulande gelesen werden, nicht nur von Soldaten und deren Kriegsherren. Als Taschenbuch, gesponsert vom Verteidigungsministerium, statt Drohnen.

Besprochen von Pieke Biermann

Karl Marlantes: Was es heißt, in den Krieg zu ziehen
Aus dem Amerikanischen von Werner Löcher-Lawrence
Arche Verlag, Zürich 2013
319 Seiten, 19,95 Euo

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