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Interview / Archiv | Beitrag vom 23.10.2012

"Ein Angriff auf die Stabilität des Landes"

Der Arabist Stefan Leder zur Lage im Libanon

Moderation: Ute Welty

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Bei einem Terroranschlag in Beirut ist der Chef des libanesischen Polizei-Geheimdienstes,  Wissam al-Hassan, getötet worden. (picture alliance / dpa)
Bei einem Terroranschlag in Beirut ist der Chef des libanesischen Polizei-Geheimdienstes, Wissam al-Hassan, getötet worden. (picture alliance / dpa)

Der Mordanschlag auf den libanesischen Geheimdienstchef trage die Handschrift des syrischen Regimes, sagt Stefan Leder vom Orient-Institut in Beirut. Das Land sei dadurch tief erschüttert worden. Ein Umsturzversuch der Opposition sei jedoch gescheitert.

Ute Welty: Viele Experten haben es seit Langem befürchtet, jetzt scheint es traurige Realität zu sein: Die syrischen Auseinandersetzungen, die Gewalt und die Brutalität greifen immer mehr auf andere Länder der Region über. Seit Tagen herrscht im Libanon bestenfalls gespannte Ruhe, immer wieder aber kommt es zu Zusammenstößen zwischen Armee und Bewaffneten, von denen auch aus Beirut berichtet wird, der Hauptstadt des Libanons, wo sich auch das Orient-Institut Beirut befindet, das über die Max-Weber-Stiftung an das Bundesbildungsministerium angebunden ist. Rektor des Orient-Institutes ist Professor Stefan Leder. Guten Morgen!

Stefan Leder: Guten Morgen!

Welty: Sie haben schon vor Wochen den Libanon als ein Pulverfass beschrieben, von starken Sicherheitsvorkehrungen gesprochen – wie hat sich die Situation, wie hat sich auch ihre Lage in den vergangenen Tagen verändert?

Leder: Gestern sah es sehr unübersichtlich aus. Bewaffnete Auseinandersetzungen in vielen Stadtvierteln, auf einer kleinen Ebene allerdings, ohne Eingreifen der großen bewaffneten Milizen, die Armee hat durchgreifen können, Straßensperren auflösen können, die nach dem Muster des Bürgerkriegs versucht haben, zwischen den Stadtvierteln Grenzen zu ziehen. Im Moment ist die Lage ruhig.

Welty: Um bei diesem Bild des Pulverfasses von Ihnen zu bleiben, wie lang ist denn die Zündschnur noch? Und welche Möglichkeiten gibt es, zu löschen, bevor es zur Explosion kommt? Oder haben wir diesen Moment bereits verpasst?

Leder: Der furchtbare Anschlag hat den Libanon tief erschüttert, das war ein Angriff auf die Stabilität und politische Würde des Landes. Dieser Anschlag wurde dann schnell übersetzt in das politische System und ausgenutzt. Es hat einen Umsturzversuch gegeben von der politischen Opposition, die anti-syrisch aufgestellt ist, das scheint keinen Erfolg zu haben. Der Libanon ist sich als politisches System bei allen Komplikationen sehr bewusst, dass Stabilität im Moment die einzige Überlebensgarantie darstellt, aber gegen Anschläge dieser Art, die die Handschrift – so muss man im Moment ja sagen – des syrischen Regimes tragen, ist niemand gewachsen. Syrien hat, bevor 2005 die syrische Besatzung das Land verlassen musste, hier 30 Jahre gewirkt, und die syrischen Sicherheitsorgane sind immer noch tief eingewurzelt.

Welty: Sie haben es gerade schon angesprochen, die jüngste Eskalation begann mit dem tödlichen Attentat auf den libanesischen Geheimdienstchef. Dahinter vermutet die Opposition syrische Drahtzieher und wirft der eigenen Regierung vor, diese zu decken, also mit dem syrischen Machthaber Assad gemeinsame Sache zu machen. Wie viel Wahrheit steckt in dieser Argumentation, und wie sehr nutzt man dann auch die Gelegenheit für seine eigenen Zwecke?

Leder: Also die politische Konstellation lässt im Moment nicht wirklich einen anderen Schluss zu. Es wird gründlicher Aufklärung bedürfen, es ist amerikanische Hilfe angekündigt und angenommen worden, diese Aufklärung zu leisten und die Täter und ihre Hintermänner zu identifizieren. Möglicherweise werden da noch andere Aspekte eine Rolle spielen. Der Reflex hier war zu sagen, in der Regierung sitzen pro-syrische Kräfte, also ist die Regierung verantwortlich, also muss die Regierung zurücktreten beziehungsweise gestürzt werden.

Das war ein etwas kurzsichtiger Schluss der Oppositionsbewegung – die sogenannte 14.-März-Bewegung –, die auch nicht alle ihre Kräfte sammeln konnte, weil innerhalb der christlichen Bevölkerung und vor allem der christlichen Kirchen doch große Vorbehalte gegen die Rebellion in Syrien bestehen.

Welty: Der ermordete Wissam al-Hassan war sunnitischen Glaubens, wie auch die meisten Aufständischen in Syrien Sunniten sind. Wie stark schätzen Sie die konfessionelle Komponente des Konflikts ein?

Leder: Hier im Libanon besteht ein System des politischen Konfessionalismus. Zivile Einrichtungen, Schulen, Krankenhäuser sind davon getragen, und staatliche Institutionen davon durchsetzt. Immer noch sind religiöse Konfessionen ein ganz wichtiger, wenn nicht der entscheidende Bestandteil politischer Identitäten. Insofern wird das alles, was passiert, und auch die zukünftige Entwicklung immer in dieses Konstrukt hineinzunehmen sein. Man kann jetzt erwarten, dass die Entwicklung darauf hinausgeht, noch mehr Verteilung zu erreichen, noch mehr Gruppen in die Regierungsarbeiten mit einzubeziehen, um sich so zu stabilisieren.

Welty: Heißt das im Umkehrschluss, dass dieser Konflikt nahezu unlösbar ist und dass die schiitische Hisbollah daran auch nicht unbedingt ein allzu großes Interesse hat?

Leder: Ganz gewiss ist die Hisbollah an einem Fortbestand des syrischen Regimes interessiert, ist auch aktiv in die Geschehnisse in Syrien, also in den Krieg involviert. Ich sehe auch für die Entwicklung des Krieges in Syrien keine schnelle Entscheidung auf uns zukommen, und im Libanon sind wir verurteilt, wenn Sie so wollen, dazu, Kohabitation der ganz unterschiedlichen und antagonistischen politischen Kräfte zu kultivieren in dem politischen System, und dabei kann uns die große Politik auch helfen, indem man versteht, dass hier nicht so sehr das Gesetz des entweder oder als vielmehr das Gesetz des sowohl als auch gilt.

Welty: Professor Stefan Leder vom Orientinstitut in Beirut, haben Sie herzlichen Dank für Ihre Einschätzung!

Leder: Danke schön und guten Morgen!

Welty: Guten Morgen auch nach Beirut!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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