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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 27.05.2011

Ein anderer Umgang mit Geschichte

Die Berliner Stiftung Zurückgeben

Von Otto Langels

Hilde Schramm (hier 1989), Tochter von Albert Speer, hat die Stiftung mitgegründet. (AP)
Hilde Schramm (hier 1989), Tochter von Albert Speer, hat die Stiftung mitgegründet. (AP)

Die Stiftung Zurückgeben will darauf aufmerksam machen, in welchem Ausmaß die europäischen Juden im Nationalsozialismus enteignet und ausgeplündert worden waren. Nun stellten einige Stipendiatinnen ihre Arbeit vor.

"'Ich frage mich, warum?' – 'Warum was?' – 'Warum machst Du das Film? Und so tiefe Fragen hast Du mir gestellt, Judentum, Christentum, das ist so eine tiefe Thema.'"

Ein Auszug aus dem Fernsehfilm "Nicht ganz koscher", den die Regisseurin Ruth Olshan beim Präsentationstag der Stiftung Zurückgeben im Jüdischen Museum Berlin zeigte. Ruth Olshan, ein Emigrationskind aus der Sowjetunion, stammt aus einer jüdischen Familie, deren Großmutter und Mutter aber katholisch getauft wurden, um der Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen. In dem Film spürt sie ihren religiösen Wurzeln nach.

Ruth Olshan: "Es gibt sehr viele Großmütter und Mütter, die nicht genau wissen, zu welcher Religion sie gehören. Zwei Weltkriege, die Shoah, verschiedene Emigrationen. Ich finde die Papiere nicht. Punkt. Und jetzt, was bin ich?"

Die Idee, einen Film darüber zu drehen, stieß bei verschiedenen Fernsehanstalten zunächst auf Ablehnung. Ein kleines Stipendium der Stiftung Zurückgeben als Anschubfinanzierung trug dann aber dazu bei, dass ein Sender den Film in Auftrag gab.

"Die Stiftung Zurückgeben hat das Signal gegeben, da ist auch von der sogenannten nichtjüdischen Welt auch Interesse vorhanden. Ich kannte die Stiftung, ich finde die Arbeit der Stiftung Zurückgeben einfach grandios, und dann habe ich da ganz simpel angefragt, ob die überhaupt Interesse hätten, und das war dann so zum Glück."

Ruth Olshan ist eine von 86 jüdischen Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen, die bisher gefördert wurden. Die Stiftung Zurückgeben wurde 1994 unter anderem von Hilde Schramm, einer Tochter Albert Speers, gegründet. Sie hatte von ihrem Vater einige Gemälde geerbt, die vermutlich aus "arisiertem" jüdischem Vermögen stammten. Sie ließ die Bilder versteigern und das Geld als Startkapital der Stiftung zukommen. Inzwischen hat sich Hilde Schramm aus dem Vorstand zurückgezogen und die Arbeit an jüngere Frauen wie Alina Gromova weitergegeben.

Alina Gromova: "Wir sind bis heute die einzige Stiftung, die sich an diese Zielgruppe wendet. Die Projekte müssen sich allerdings nicht explizit mit jüdischen Themen beschäftigen."

Da die Stiftung über kein großes Grundkapital verfügt, kann sie nur relativ bescheidene Stipendien vergeben. Die Fördersummen liegen in diesem Jahr zwischen 800 und 5000 Euro. Vorstandsmitglied Irmtraut Schmitz rechnet aber mit weiteren Spenden:

"Wir hatten auch Großspenden von über 10.000 Euro im vergangenen Jahr. Das Hauptmotiv ist, gegenwärtige Projekte von jüdischen Frauen zu fördern, und dazu finden sich auch Spender und Spenderinnen bereit."

Zu den geförderten Projekten zählen Filme und Romane, historische Darstellungen und Biografien sowie moderne Kunst zum jüdischen Leben heute. Die Bildhauerin und Keramikerin Rachel Kohn zum Beispiel will neue Formen für traditionelle Kultgegenstände finden:

"Ich habe gerade zu Chanukka, was ja ein Familienfest ist, dachte ich mir, das müsste man irgendwie kindgerecht machen, und deswegen habe ich mir zum Beispiel Puzzles überlegt oder eine Kommode, wo man aus einer Schublade jeden Tag eine neue Flamme herausholen kann."

Die Stiftung Zurückgeben hat Rachel Kohn nicht nur finanziell unterstützt, sie bietet auch die Gelegenheit zum Gedankenaustauch. Denn zwei Mal im Jahr organisiert die Stiftung ein Treffen der Stipendiatinnen.

Rachel Kohn: "Diese Stiftung ist sehr wichtig, dass sie existiert, vor allem auch, dass sie von Hilde Schramm gegründet worden ist, dass ja wirklich ein Zeichen setzt dafür, wie man mit der Vergangenheit umgehen kann und wie man auch mit der Frage einer gewissen Schuld umgehen kann und gucken kann, wie man das in die Zukunft hinein positiv umsetzt. Und das finde ich sehr belebend."

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