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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.03.2012

Ein ärgerlich grandioser Abend

Luigi Nonos "Al gran sole carico d'amore" in der Staatsoper Berlin im Heizkraftwerk Mitte

Von Jürgen Liebing

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Neue Stadt, neue Inszenierung - oder? (Stock.XCHNG)
Neue Stadt, neue Inszenierung - oder? (Stock.XCHNG)

Bei den Salzburger Festspielen von der Kritik vielfach gefeiert, bringen Regisseurin Katie Mitchell und Ingo Metzmacher als musikalischer Leiter das monumentale Stück "Al gran sole carico d'amore" in Berlin auf die Bühne. Das Setting ist denkbar anders, die Umsetzung ästhetisiert und recycelt zugleich.

Der Kontrast könnte kaum größer sein: In Salzburg die Große Felsenreitschule, versehen mit dem Flair der Festspiele, in Berlin ein Industriedenkmal, das entkernte Heizkraftwerk Mitte, in dem wirklich gearbeitet und geschwitzt wurde, die Aura echten Lebens.

Dort, wo sich einst die Turbine befand, das Kraftzentrum also, befindet sich jetzt die Bühne. Ein Tribüne für über 900 Personen aus Aluminiumrohren ist in die gewaltige Halle gebaut, und der Besucher, der ein lange Treppe hinaufsteigen muss, durchschreitet den alten roten Vorhang aus der Staatsoper Unter den Linden, den der Technikchef gerettet hat und jetzt zeigen kann, wozu er noch gut ist. Das Ganze ist schon eine organisatorische und logistische Meisterleistung, darüber könnte man beinahe das, worum es eigentlich geht, vergessen.

Es gibt noch einen entscheidenden Unterschied zu Salzburg: Dort ergab sich durch die Breitwandbühne eine Art Wimbledon-Effekt, wie die Regisseurin Katie Mitchell es nannte, also ein hin und her wie beim Tennisspiel. Hier im Heizkraftwerk befindet sich die riesige Leinwand, die mit Packpapier beklebt ist, so dass die Bilder eine besondere Anmutung bekommen, oberhalb der fünf Zimmer, in denen die fünf Frauen, deren Schicksale im Mittelpunkt dieses szenischen Oratoriums stehen, so dass der Zuschauer die reale Situation und die gefilmte gleichzeitig sehen kann.

Der Kollege Frieder Reininghaus hatte bei der Premiere in Salzburg davon gesprochen, dass die Bilder ein wenig so aussehen wie alte holländische Meister. Da man gleichzeitig sieht, wie die Bilder entstehen, gibt es eine besondere Spannung zwischen Nähe und Distanz.

Bei Luigi Nono gibt es keine klassischen "Personen", sondern nur Stimmen und den gewaltigen Chor, und das Ganze ist eine Textcollage von Karl Marx bis Che Guevara, von Lenin bis Bertolt Brecht, von Louise Michel, die Communardin, bis zu "Tanja" Tamara Bunke, die Revolutionärin an der Seite von Che Guevara.

Die Regisseurin Katie Mitchell und ihr Filmregisseur Leo Warner versuchen nun, diesen Stimmen Leben zu geben. Ob das Luigo Nono gefallen hätte, mag man bezweifeln. Gewiss geschieht hier eine zusätzlich Ästhetisierung, aber schon das Original ästhetisiert einen politischen Kampf, der Vergangenheit ist. Nono steckt in dem Dilemma aller engagierten Kunst. Wie weit kann Kunst eingreifen? Niemand verlässt den Saal als Revolutionär mit geballter Faust in der Tasche.

Zumal es mehr ein Requiem ist. Wenn am Ende gesungen wird "Keine Sklaven und keine Herren mehr. Auf zum Kampf!" ist das sehr verhalten, fast verstummend.

Ingo Metzmacher hatte schon die musikalische Leitung in Salzburg, dort mit den Wiener Philharmonikern, auch hier wieder gelingt es ihm grandios, Nonos Musik mit der Staatskapelle in den Raum zu stellen und auch der Chor unter der Leitung von Eberhard Friedrich leistet Grandioses. Aber manchmal degeneriert die Musik zur Filmmusik, und das ist schon problematisch. Man ertappt sich bei dem Zwiespalt zwischen Empathie und Beobachtung des Entstehens von Kunst.

Manche haben kritisiert, dass Jürgen Flimm, dessen erste Operninszenierung Nonos "Al gran sole" war im Jahr 1978, und der als Salzburger Festspielchef diese Produktion verantwortet hat, zu viel "recyceln" würde.

Gewiss leben Festivals von Exklusivität, aber mittlerweile ist es Gang und Gäbe, dass Stücke koproduziert werden, dass Frank Castorfs Volksbühne ihre Premiere zuerst bei den Wiener Festwochen oder zeigt - aber dies ist ein besonderer Fall, denn diese Inszenierung ist so einzigartig, dass es schade gewesen wäre, wenn sie nur die wenigen Festspielbesucher in Salzburg hätten sehen können.

Klar, es ist ein Event und die Eventisierung der Kunst nimmt zu. Dieser Abend ist ärgerlich und grandios zugleich.

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