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Buchkritik | Beitrag vom 16.06.2020

Eileen Chang: "Die Klassenkameradinnen"Langsame Entfremdung im Exil

Von Katharina Borchardt

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Das Cover zeigt eine Asiantin, die sich die Haare hochsteckt. Auf ihrem blauen Oberteil sind gelbe Drachen abgebildet. (Ullstein / Deutschlandradio)
Eileen Changs Bücher zählen zu den modernen Klassikern der chinesischen Literatur. Die neueste veröffentlichtung "Die Klassenkameradinnen" hätte eigentlich gar nicht erscheinen sollen. (Ullstein / Deutschlandradio)

Zwei Chinesinnen aus ganz unterschiedlichen Gesellschaftsschichten sind "Die Klassenkameradinnen" in Eileen Changs Roman. Beide emigrieren in die USA - und entfremden sich. Ihre Dialoge sind meisterhaft, doch das Werk hat auch eine große Schwäche.

Eigentlich sollten "Die Klassenkameradinnen" gar nicht veröffentlicht werden. So hatte es die Autorin Eileen Chang verfügt. Einige ihrer Bekannten hätten sich allzu leicht in den Figuren wiedererkennen können, denn die Geschichte ist stark autobiografisch gefärbt. Deswegen waren Eileen Changs Fans sehr beglückt, als das Original 2004 posthum erschien. Da zählten ihre Bücher längst zu den modernen Klassikern der chinesischen Literatur.

In der Volksrepublik aber lebte die Autorin schon seit 1955 nicht mehr. Leicht erkennt man sie in der Hauptfigur Zhao Jue, einer der "Klassenkameradinnen". Zhao Jue entstammt – wie Eileen Chang – einer begüterten Familie und geht im Shanghai der 1930er Jahre auf ein christliches Mädcheninternat. Dort ist sie mit Enjuan befreundet, die aus einfachen Verhältnissen stammt.

Entfremdung und unbehagliche Besuche

Nach dem Schulabschluss heiratet Enjuan einen der jüdischen Flüchtlinge, von denen damals viele in Shanghai Zuflucht finden. Zhao Jue bleibt allein und bringt sich als Schwarzhändlerin durch die schwere Zeit der japanischen Besatzung. Nach Gründung der Volksrepublik emigrieren die Freundinnen – getrennt voneinander – in die USA. Dort treffen sie sich in größeren Abständen wieder. Während sich Zhao Jue als Übersetzerin durchschlägt, bekleidet Enjuans Mann bald eine hochrangige Position in der amerikanischen Politik. Jetzt ist Enjuan die Wohlhabende, und Zhao Jue muss knapsen.

Es gelingt Eileen Chang hervorragend, die zunehmende Entfremdung zwischen den beiden Freundinnen zu beschreiben. Zwar können sie nicht voneinander lassen, doch ihre Besuche verlaufen unbehaglich. Schon bei der Begrüßung scannt Zhao Jue stets Enjuans aktuelle Figur, Frisur und Kleidung ab – unverblümt beschrieben von Eileen Chang, die neben dem Schreiben auch Modezeichnungen anfertigte. Ihre Gespräche verlaufen steif und unfroh. Diesen Eiertanz aus argwöhnischen Fragen, feinen Unterstellungen und überdeutlichen Feststellungen hat Chang erstklassig eingefangen. Hervorragend verzahnt sie die hakeligen Dialoge der beiden Frauen mit den Überlegungen zu Enjuan, die Zhao Jue derweil durch den Kopf gehen.

Erzählerische Raffungen sind der Schönheit abträglich 

Allerdings hat die 80-Seiten-Geschichte auch eine Schwäche: Sie ist zu kurz geraten. Immer wieder fasst Eileen Chang die kurzen Treffen und Zhao Jues Entwicklung in den langen Jahren dazwischen straff zusammen. Dem psychologisch komplexen und auch polithistorisch gewichtigen Stoff hätte mehr Raum gutgetan.

"Die Klassenkameradinnen" erscheinen zu Eileen Changs 100. Geburtstag in diesem Jahr. Als letztes Prosawerk der Autorin ist die Geschichte bemerkenswert, zumal sie zum Teil in den USA spielt. Ihre vorherigen Erzählsammlungen sowie ihr einziger Roman erzählten von China. Aufgrund der erzählerischen Raffungen aber gehören "Die Klassenkameradinnen" nicht zu Eileen Changs schönsten Werken. Man darf Eileen Chang, deren bekannte Geschichte "Gefahr und Begierde" 2007 auch meisterhaft von Ang Lee verfilmt wurde, auf keinen Fall verpassen. Doch sollte man zunächst zu ihren anderen Büchern greifen.

Eileen Chang: "Die Klassenkameradinnen"
Aus dem Chinesischen von Susanne Hornfeck und Wang Jue
Ullstein Verlag, Berlin 2020
96 Seiten, 18 Euro

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