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Rang I | Beitrag vom 24.11.2018

Ehrung für den Schauspieler Victor Bodó Ein Preis für die freie ungarische Kunst

Von Michael Laages

Der ungarische Theatermacher Victor Bodó (picture alliance / GEORG HOCHMUTH / APA / picturedesk.com)
Der ungarische Theatermacher Victor Bodó (picture alliance / GEORG HOCHMUTH / APA / picturedesk.com)

Als Schauspieler war Viktor Bodó früh erfolgreich. Dann gründete er eine Art Zimmertheater, das „Szputnyk“-Team. Weil die künstlerische Freiheit in Ungarn massiv bedroht ist, arbeitet er heute oft im Ausland. Nun wird er mit dem Preis des Internationalen Theaterinstituts ausgezeichnet.

Das war ja Teil der Vision vom neuen Europa: einerseits vom globalen Kulturraum zu profitieren und dabei andererseits nicht die Bindung zu verlieren an die engere regionale Heimat.

In diesem äußerst produktiven Widerspruch hat sich das Profil von Viktor Bodó entwickelt: im Budapester Theater-Wohnzimmer der "Szputnyk Shipping Company" und von dort aus speziell auf den Bühnen im deutschsprachigen Raum. Und noch heute, nach so vielen Inszenierungen außerhalb, ist die Dramaturgin Anna Verress immer dabei: als Übersetzerin.

Wie international er auch agiert, bleibt auch dieser Regisseur - wie die Kollegin Bela Pinter und Arpad Schilling - immer eine Stimme aus Ungarn:

"Einerseits mag ich am Theater, dass alles anders passiert als in der Wirklichkeit – eine depressive Wirklichkeit wollen wir nicht."

Er mag es phantastisch und musikalisch überdreht

Szene:  "In diesem Brot ist irgendetwas drin!" / "Was ist denn da drin? Siehst du denn nicht, was das ist?" / "Bin ich denn immer noch besoffen?" / "Das ist eine Nase!"

So begann eine der besonders typischen Bodó-Arbeiten, diesmal am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg: "Die Pension zur wandernden Nase", eine schrille, schräge Grusel-Revue nach Nikolai Gogol. Der Regisseur mag es phantastisch und gern auch musikalisch überdreht.

So entstand am Beginn dieser Saison und mit dem Komponisten Klaus von Heydenaber in Luzern die farcen-hafte Revue "Im Amt für Todesangelegenheiten". Und gleich danach – wiederum in Hamburg – die Wiederbegegnung mit Erna, Grete und Mariedl, den "Präsidentinnen" des früh verstorbenen Werner Schwab:

"Jetzt hab' ich mir einen Fernseher geleistet, auch wenn der Fernseher nur ein gebrauchter Fernseher ist – aber er ist das einzige, was ich mir in meinem Leben geleistet habe für meine Leistung!" / "Meine Tochter ist schon vor acht Jahren ausgewandert – nach Australien! Aber vorher hat sie sich noch ausnehmen lassen, wie 'n Hecht, die Eierstöcke und wasweißich – eben alles was man braucht für die Enkelkinder." / "Die Leute sagen immer: Au, das Klo ist verstopft; schnell, geh zur Mariedl und hol sie her; die macht's auch ohne. Weil die Leute genau wissen, dass die Mariedl keine Gummihandschuhe annimmt wenn sie hinunter greift in den Abort."

Preis für die Freiheit der Kunst in Ungarn

Und wie entstand nun vor zehn Jahren die "Szputnyk Shipping Company"?

"Ich hab‘ ganz viele eingeladen zu kommen, um etwas zusammen zu machen; und dann sind nach ein paar Monaten ein paar geblieben. Und die sind immer noch da. Einmal sind es genau zehn gewesen – da hab‘ ich gesagt: Zehn sind genug."

Und warum bitte ist das eine "Shipping Company"?

"Was ich mache, ist eine Schifffahrt zu organisieren. Wenn wir das Projekt machen, fahren wir 30 Tage los. Ab und zu gibt es mal einen Stopp, damit wir nicht verrückt werden."

In der Idee der Schifffahrts-Kompanie steckt natürlich auch das Wissen darum, dass die kreativen Köpfe der ungarischen Kultur die eigene Kraft und Phantasie nur bewahren können in der international vernetzten Arbeit, sozusagen als reisende Reederei des Theaters – während die Kulturpolitik daheim in Ungarn längst ganz praktisch zu realisieren versucht, was hierzulande die AfD bislang nur androhen kann: die forcierte geistige Verengung des Kultur- und Theateralltags auf finstersten Nationalismus, in dem wahrscheinlich schon Shakespeare oder Moliere tendenziell unerwünscht wären – als Ausländer.

Die ungarischen Künstlerinnen und Künstler aber kämpfen und streiten weiter auch vor Ort, zu Hause – das Bewusstsein von Heimat und eigener Sprache wollen sie sich nicht zerstören lassen von rabiatester politischer Engstirnigkeit. Auch darum ist der Preis des Internationalen Theaterinstituts an Viktor Bodó auch ein Plädoyer für die Freiheit der Kunst, in Ungarn wie in Europa.

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