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Reportage / Archiv | Beitrag vom 26.01.2013

Ehrenamtlicher Pionier von Detroit

Tom Nardone mäht das Gras auf öffentlichen Spielplätzen

Von Nadine Wojcik

Ehemalige Industrieanlage: Detroit gilt als zerfallene Stadt. (Marietta Schwarz)
Ehemalige Industrieanlage: Detroit gilt als zerfallene Stadt. (Marietta Schwarz)

Detroit hat seine besten Jahre wohl gesehen. Mit dem Niedergang der Autoindustrie zerfiel die Stadt, und die Verwaltung steht bis heute vor unbewältigten Herausforderungen. Gleichzeitig finden sich immer mehr Pioniere und Ehrenamtler - wie Tom Nardone mit seiner Rasenmäher-Gang.

Tom Nardone ist in allem etwas schneller als andere. Auch nach Feierabend hat er es eilig. Er will seine Mowergang, seine Rasenmäher-Gang, nicht warten lassen.

Tom Nardone: "”Heute fahren wir zu einem wirklich netten Spielplatz. Aber es kümmert sich niemand darum. Dabei leben in der Gegend eine Menge Kinder.""

Zwei Rampen führen in das Innere seines verbeulten, ockerfarbenen Trucks. Zielsicher und recht schwungvoll fährt Tom Nardone den grün-gelben Rasenmäher-Traktor hinein. In den USA ist bekanntermaßen alles etwas größer dimensioniert, dementsprechend gibt man sich auch nicht mit plumpen Rasenmähern zum Schieben zufrieden.

Tom fährt aus dem Industriegebiet, in dem sein Büro und seine Lagerhalle liegen. Geboren und aufgewachsen in Massachusetts an der Ostküste, kommt Tom Nardone vor einem Jahr nach Detroit, arbeitet zunächst in der Autoindustrie. Nebenbei startet er in den 90er-Jahren einen Internetversand für Sexspielzeug und Vibratoren.

Ein Geschäft, das im Gegensatz zur Autoindustrie boomt - heute ist Tom Chef von zehn Mitarbeitern. Tom Nardone ist - wie sein italienischer Familienname verrät - ein südländischer Typ mit einem gepflegten Kurzhaarschnitt und trägt jetzt, nach Feierabend, ein graues T-Shirt mit einem Totenkopf und dem Schriftzug "Mowergang". Er lebt nicht in der City von Detroit, sondern in einem Vorort, einer von unzähligen rund um die Motorcity.

Tom Nardone: "”Wir mähen die öffentlichen Plätze in Detroit, weil es hier in den Vororten keinen Bedarf gibt. Die Spielplätze in meinem Vorort sind wunderbar.""

Detroit hat kein Geld, ist gefährlich. Wer kann, zieht weg. Die Vororte hingegen sind hübsche, friedliche Kleinstädte der weißen Mittelschicht.

Tom hat sich durch den Berufsverkehr geschlängelt, hinter einem Autobahnkreuz und damit hinter den Vororten, ist der Highway plötzlich leer. Nach ein paar weiteren Meilen fährt Tom an einer überdimensionierten Ausfahrt ab.

Tom Nardone: "”Das also ist jetzt Detroit. Wir sehen eine Menge verlassener, leerstehender Häuser, verwahrloste Parkplätze, zugemüllt. Gleichzeitig gibt es aber immer noch die gleiche Anzahl an Parks und Spielplätzen.""

Seit zwei Jahren mäht Tom ehrenamtlich und auf eigene Faust Rasenflächen rund um Spielplätze, repariert Schaukeln und sammelt Müll ein. Jeden Mittwoch, nach der Arbeit. Per Facebook gibt er seiner Gang, der Detroit Mower-Gang, Bescheid, welcher Spielplatz in dieser Woche dran ist.

Nick ist schon da. Ebenfalls mit eigenem Rasenmäher. Das trockene, verdorrte Gras reicht ihm fast bis zur Hüfte. Neben dem Spielplatz steht ein verwahrlostes, ehemaliges Jugendzentrum. Eingeschlagene Fenster, ausgehebelte Türen. Eine Horde Jungs rennt immer wieder rein und raus - kreischt, schmeißt Steine durch die Gegend, kichert.

"Ich kümmere mich nur um den Rasen", kommentiert Tom. Dann fachsimpelt er mit Nick weiter über ihre Maschinen. Beide sind nicht nur Ehrenamtler, sie stehen definitiv auch auf Männerspielzeug.

Susan ist zum ersten Mal dabei. Als sie vor fünf Jahren nach Detroit zieht - vielmehr in einen Vorort - schütteln ihre Freunde den Kopf: Was willst Du denn da? Susan zieht sich energisch ein Paar Arbeitshandschuhe über, schnappt sich einen riesigen Plastikbeutel und sammelt leere Plastikflaschen und Bonbonpapier ein.

Susan Davis: "”Hier in diesem Stadtteil war ich noch nie. Ich wusste noch nicht einmal, dass er existiert und musste im Stadtplan nachgucken. Aber der Spielplatz hier ist wirklich nett.

Viele Wohnviertel in Detroit brauchen unsere Hilfe. Wenn ich hier mithelfe, den Spielplatz auf Vordermann zu bringen, kann ich ja zumindest schon einmal einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass sich die Stadt verändert.""

Tom sitzt bereits auf. Um Nase und Mund hat er sich ein Tuch gebunden - das trockene Gras wirbelt durch die Luft. Jetzt sieht er tatsächlich ein bisschen wie ein Bandenmitglied aus. Den Rasen rund um sein eigenes Haus mäht er übrigens nicht - dafür lässt er jemanden kommen.

Plötzlich kommt ein kleiner Junge auf ihn zu - will mitmachen. Tom zieht ihm Arbeitshandschuhe über, viel zu groß für den Kleinen, doch der strahlt und sammelt stolz den Müll auf. Auch Susan bekommt Untersützung.

Susan Davis: "”So you just decided seeing us working hard out here you wanted to help? Yeah. That’s awesome. What is your name? Josh. I am Susan.”"

Der Spielplatz füllt sich weiter. Ein Pärchen sitzt auf dem Klettergerüst und schaut Susan interessiert beim Aufräumen zu, vier Mädchen drehen mit ihren Fahrrädern ihre Runden. Die Zehntklässlerin Jayla passt auf ihre Neffen und Nichten auf, die die Schaukeln in Beschlag nehmen.

Jayla: "Früher war das Gras hier richtig hoch. Das war gefährlich, weil die Kinder da ja nicht einfach durchlaufen können wegen Glas oder Scherben. Jetzt ist es sicherer."

Die weißen Vorstädter kreisen mähend um eine mittlerweile größere Gruppe afroamerikanischer Kinder und Jugendliche. Manchmal treffen sie etwas unbeholfen aufeinander, winken sich kurz zu.

Tom Nardone hievt den Jungen mit den großen Handschuhen auf seinen Traktor, dreht mit ihm eine extra Runde. Einmal war das Gras hier so hoch, dass er mit seiner Gang ein Labyrinth reingemäht hat, erzählt er.

Tom Nardone: "”Erwachsene können selbst ihren Müll aufheben. Aber Kinder können nicht selbst den Rasen rund um die Spielplatz-Schaukeln mähen. Sie brauchen unsere Hilfe. Wenn wir dann gemäht haben und die Kinder kommen auf den Spielplatz und spielen - das ist wirklich das Beste an der ganzen Sache.""

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