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Länderreport | Beitrag vom 11.11.2019

Ehemaliges "Zonengrenzgebiet"Nach der Grenzöffnung blieben die Touristen aus

Von Michael Frantzen

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Die Burg Lauenstein liegt von Morgennebel umgeben über dem Dorf, darüber der Himmel glüht in den Farben des Sonnenaufgangs. (Picture Alliance / imageBROKER / Andreas Vitting)
Die Burg Lauenstein thront über Ludwigsstadt - im dortigen Ortsteil Lauenstein haben Andreas Bauer und Silvia Schramm ihr Café mit Confiserie. (Picture Alliance / imageBROKER / Andreas Vitting)

Bis zur Grenzöffnung zwischen Thüringen und Bayern war das Café Bauer beliebte Anlaufstelle für Reisegruppen. 30 Jahre später kommen deutlich weniger Busse nach Ludwigsstadt. Die Café-Betreiber stemmen sich dagegen - mit immer exotischeren Pralinen.

"Da war mal einer da, der hat gesagt: Wenn ihr jetzt das Café in Düsseldorf auf der Kö hättet: Dann wärt ihr wahrscheinlich schon Millionär. Hier is' es im Zonengrenzgebiet halt relativ schwierig, ein Geschäft aufrecht zu erhalten."

Er hat ganz schön zu kämpfen: Andreas Bauer, der Inhaber vom "Café Bauer" in Ludwigsstadt, der oberfränkischen 3450-Seelen-Gemeinde unweit der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Vor drei Jahren hat der 46-Jährige zusammen mit seiner Partnerin den elterlichen Betrieb im Ortsteil Lauenstein übernommen.

"Wir haben 'nen halbes Jahr zu tun. Und dann kannste sagen: Ab Oktober bis März is' eigentlich tote Hose" - im ehemaligen Zonengrenzgebiet.

Stress mit Skinheads

Wirtschaftlich über die Runden zu kommen, 30 Jahre nach dem Fall der Mauer: Das ist alles andere als einfach – und nicht die einzige Sorge des Café-Betreibers. Andreas Bauer kommt gerade vom Karate-Lehrgang. Über 30 Jahre übt sich der Mann im olivgrünen Kapuzenpulli jetzt schon in fernöstlicher Selbstverteidigung. Sein schwarzer Gürtel hat ihm schon häufiger aus der Patsche geholfen. Einmal, erinnert er sich, gab es Stress auf dem Schützenfest in Ludwigsstadt, mit ein paar Skinheads. Das andere Mal in Neuhaus am Rennsteig, in Thüringen, bei einem Konzert. Seine Miene verfinstert sich. Mit Springerstiefeln hätten rechte Schläger seinen Kumpel malträtiert. Doch da hatte das Trio die Rechnung ohne ihn gemacht.

"Das war mein Vorteil: der Überraschungs-Moment", erzählt Bauer. "Dass ich mir den gegriffen hab, runtergezogen und hab' ihm halt eine verpasst." Der zweite habe ihn an der Backe erwischt. "Hab' ich danach 'ne Woche Suppe gegessen. War jetzt nicht dramatisch. Und dem hab ich dann auch eine verpasst – zwischen die Klöten." Der dritte sei dann abgehauen, freut sich der Mann mit dem festen Händedruck heute noch.

Es ist später Nachmittag, eine halbe Stunde noch, dann schließt das Café. Dann hat auch Kellnerin Beate Höfer Feierabend. Die 58-Jährige stammt von "drüben". Seit 23 Jahren pendelt sie zwischen ihrer Thüringer Heimatgemeinde Probstzella und ihrem Arbeitsplatz, tagein, tagaus. "Wenn’s mal zwickt auch sonnabends. Oder sonntags." 

Im Sommer weniger Geld

Die Thüringerin ist gelernte "Schokoladen-Facharbeiterin": Da legt sie Wert drauf. Zu DDR-Zeiten hat Beate Höfer bei "VEB Rotstern" in Saalfeld im Akkord Pralinen und Schokoladen maschinell produziert. Bis es die DDR nicht mehr gab und Rotstern zwar die Wende überstand, aber Jobs abbaute. So landete sie im Westen. Jobtechnisch. Gemeckert hat sie noch nie, auch nicht darüber, dass im Sommer, wenn in der kleinen Pralinen-Fabrik oben im ersten Stock kaum etwas zu tun ist, sie weniger verdient, als es ihrem Konto gut tut.

"Da machen wir dann Urlaub. Oder arbeiten freitags dann nicht mehr. Oder auch mal bis mittwochs." Sie müssten dann ihre Überstunden nehmen. "Und wenn die dann alle sind, hat man halt 'ne paar Minusstunden und da a bisschen weniger Geld."

Das Telefon klingelt. "Confiserie Bauer, Schramm. Grüß Gott. Hallo Herr Schmidt."

Herr Schmidt ist Stammkunde. Aus Schwaben. Der ruft schon seit 20 Jahren an, erzählt die Lebensgefährtin von Andreas Bauer, Silvia Schramm - und bestellt seine zwei Kilo Pralinen für die Kinder und Enkelkinder. Sie reißt einen Zettel vom Notizblock. Montagfrüh geht die Sendung raus.

"Wenn wir mal öfters solche Tage hätte, dann wär' das Auskommen leichter. In den Sommermonaten is' halt Pralinen wenig. Café mehr. Nur Pralinen: Dann müssten wa mindestens fünf Mann entlassen. Dann wär das nicht finanziell tragbar."

Immer abgefahrenere Pralinenmischungen

Noch aber kann Silvia Schramm ihre zehn Angestellten halten, investiert sie, so gut es geht: in immer abgefahrenere Pralinenmischungen, neue Bezüge für die Stühle und Tische im Café. Nur die Fotos über der Theke sind dieselben geblieben. Von früher. Vier Aufnahmen von der innerdeutschen Grenze. Mit Stacheldraht und allem drum und dran.

Schüler halten Begrüßungstransparente für die Bürger der DDR in die Höhe. (Picture Alliance / dpa / Reinhard Kemmether)Blick in die Geschichte: Festakt aus Anlass der Öffnung des Eisenbahn-Grenzübergangs in Ludwigstadt in Bayern und Probstzella in Thüringen am 15. November 1989. (Picture Alliance / dpa / Reinhard Kemmether)

Ihre Gäste kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

"Dann darf ich sie alle erst mal ganz herzlich in unserem Café begrüßen. Schön, dass sie da sind."

Eine Ladung Rentner - das ist ganz nach ihrem Geschmack. Jetzt muss alles zack, zack gehen. Busgruppen, weiß die 58-Jährige aus Erfahrung, haben es eilig.

"Die kommen, essen, trinken und wollen eigentlich schon wieder gehen."

Windbeutel im Minutentakt, Apfelmus und Eierlikör 

Windbeutel im Minutentakt: Dick mit Sahne. Silvia Schramm und ihr dreiköpfiges Team wissen, was Rentnern schmeckt.

"Wir haben die weiße Frau zum Beispiel, mit Apfelmus und Eierlikör. Unsere Schoko-Bombe mit Nougat-Krokant-Eis. Und dann haben wir noch unseren Maxi – der is' gefüllt mit Kirschen und Himbeer."

Die Frau mit den kleinen Lachfalten hat sich hinter die Theke gestellt: Ihre "Kommando-Zentrale", wie sie das nennt. Von hier hat sie alles in Blick: das Café samt Wintergarten, die kleine Küche, das Treppenhaus mit dem Durchgang zum Pralinen-Eldorado oben.

Bis zur Grenzöffnung seien jeden Tag bis zu vier Busse gekommen, erinnert sich Silvia Schramm. "War immer volles Haus. Weniger mit den Bussen is' es eigentlich erst geworden, als die Grenzen dann auf waren."

Früher oder später landete man am Stacheldraht

Wenn man so will, hatte das bayrische Nest bis zur Wende eine Art Alleinstellungsmerkmal: Lauenstein war quasi umzingelt von der DDR. Egal, ob man sich gen Norden, Westen oder Osten aufmachte: Früher oder später landete man am Stacheldraht. 

"Der Eiserne Vorhang: Der war ja einfach nicht für jeden sichtbar. Wenn jetzt jemand in München wohnt - der konnte mit der Grenze ja gar nix anfangen. Solche Gruppen kamen dann auf sogenannten "Grenzinformationsfahrten". Übernachtet hätten sie unten im Ort im "Post-Hotel" - und bei Silvia Schramm im Café Kaffee getrunken. "Es war immer was los hier. Der Parkplatz war immer voll."

Volle Parkplätze gibt es nicht mehr

Volle Parkplätze: Das war einmal. Erst recht vorm "Post-Hotel", einem 70er-Jahre-Kasten mit verwelkten Pflanzen im Schaufenster und schummrigen Licht im Foyer. Silva Schramm verzieht das Gesicht: schlechtes Thema - das Hotel hat gerade dicht gemacht, wohl für immer.

"Wenn jetzt der Andreas und ich in zehn Jahren sagen: Jetzt is' gut - dann is' es gut", sagt Silvia Schramm. 30 Jahre Grenzöffnung: Morgen wollen sie das in Ludwigsstadt und Probstzella feiern – grenzüberschreitend. Silvia Schramm hat auch davon gehört. Ob sie hingeht, weiß sie noch nicht. Zeit hat sie eigentlich keine. Schließlich muss der Rubel rollen. Im bayrisch-thüringischen Grenzbereich. "Wir existieren jetzt und was in zehn Jahren is', da sehen wir weiter."

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