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Im Gespräch | Beitrag vom 20.05.2021

Ehemaliger USA-Korrespondent Thilo Kößler"Im Grunde meines Herzens bin ich ein Reporter"

Moderation: Susanne Führer

Porträt des ehemaligen USA Korrespondenten Thilo Kößler. (Deutschlandradio)
In den USA habe er sich vor allem als Trump-Korrespondent gefühlt, sagt Kößler. (Deutschlandradio)

Fünf Jahre war Thilo Kößler USA-Korrespondent - eher “Trump-Korrespondent”, sagt er in Anspielung auf den raumgreifenden Ex-Präsidenten. Jenseits der Berichte über notorische Lügen, Pandemie und Rassismus fand er ein faszinierendes Land - und eine großartige Klavierlehrerin.

"Ich habe immer versucht, Geschichten zu erzählen. Im Grunde meines Herzens bin ich ein Reporter." Wahrscheinlich erinnert sich Thilo Kößler auch deshalb besonders an Bill Shipley zurück: Den Farmer aus Iowa besuchte er während seiner fünf Jahre als USA-Korrespondent mehrfach.

Der Sojabauer erzählte, "wie ihm der Handelskrieg mit China zusetzt und kaputtmacht. Ein reizender Mensch, Trumpwähler, der dann vorsichtig auf Distanz zu Trump ging. Kurz bevor ich das Land verließ habe ich ihn noch mal angerufen und erfahren, dass er an Corona gestorben ist".

Für Thilo Kößler ist der Farmer zu einer Art Symbolfigur geworden. "Für all das, was in diesem Land so Schreckliches in den letzten Jahren passiert ist."

"Ich lag komplett daneben"

Kößlers Arbeit in den USA, das gibt er offen zu, begann 2016 mit einer Fehleinschätzung. Trump als Präsident? "Niemals", so behauptete er in seinen ersten Berichten. "Ich lag komplett daneben." Damals habe er noch kein Gespür für die Situation im Land gehabt, erzählt der Journalist.

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Fortan habe er sich vor allem als Trump-Korrespondent gefühlt, Recherchereisen im Land seien kaum möglich gewesen. "Trump hat uns alle vor sich hergetrieben. Er hat das Tempo bestimmt. Es war ein kompletter Paradigmenwechsel, eine einzige Abfolge von Tabubrüchen."

Über einen Mann zu berichten, der "das Prinzip Lüge als politisches Mittel eingeführt hat", so Kößler, sei eine extreme Herausforderung gewesen. Als langjähriger Journalist habe er seine Arbeit noch einmal überdenken müssen. Die üblichen Standards, unter Trump wären sie kaum anwendbar gewesen.

Wut auf Trump

"Es gibt ja diesen berühmten Satz von Hajo Friedrichs, der gesagt hat, kein Journalist sollte sich gemein machen mit irgendje mandem. Ich habe gemerkt, in dieser Schlichtheit, stimmt dieser Satz einfach nicht. Man muss Stellung beziehen, wo die Demokratie angegriffen wird, wo die Menschenrechte über Bord geworfen werden. Natürlich bekenne ich mich zum journalistischen Wahrheits- und Objektivitätsgebot. Aber in diesem Augenblick habe ich gemerkt, dass eine saubere Trennung zwischen Bericht und Kommentar fast nicht mehr möglich ist."

Wenn der ehemalige USA-Korrespondent beschreiben soll, mit welchem Gefühl er auf diese Präsidentschaft zurückblickt, dann vor allem mit "Wut". Aber in das Land und seine Menschen, "habe ich mich verliebt".

Vom Jazzkritiker zum Reporter

Thilo Kößler begann seine Laufbahn als Jazzkritiker für die "Nürnberger Zeitung". Ein Zufall machte Ende der 1970er aus dem Printjournalisten einen Reporter.

Ein Damm des Rhein-Main-Donau-Kanals war gebrochen. Kößler und ein Übertragungswagen des Bayerischen Rundfunks hatte es noch zur Unglücksstelle geschafft, der eingeplante Reporter aber nicht mehr. "Und auf einmal kam der Techniker zu mir. `Hier ist das Mikrofon, fangen wir mal an.` Und ich habe dann in den nächsten Stunden 20 Live-Schalten gehabt."

In den 1990er Jahren ging Thilo Kößler als Korrespondent nach Kairo. Auch hier erinnert er sich vor allem an die Geschichten, die der Journalist auf der Straße erlebte.

Pianist aus Leidenschaft

"Ich weiß noch, ich habe eine Reportage aus der Müllstadt gemacht. Wo Kinder im Müll leben und sich die Hände am Glas blutig schneiden. Und sie sprachen alle davon, dass sie sich wünschen, in die Schule zu gehen, einen richtigen Beruf zu haben. Das hat mich wahnsinnig beeindruckt."

Hätte es mit dem Journalismus nicht geklappt, das erzählt Thilo Kößler ein wenig verlegen, dann wäre er gern Pianist geworden. Als Kind, mit fünf Jahren, habe er angefangen Klavier zu lernen, bis heute ist es seine Leidenschaft. In Washington hatte er noch einmal Unterricht genommen, vielleicht auch ein Art Ablenkung von Trump.

 "Ich habe eine fantastische Jazzpianistin kennengelernt. Ich habe mit ihr Jazzharmonik gelernt. Und das war so fantastisch. Sie wurde dann an eine Jazzschule nach New York abgeworben. Und von da an haben wir das virtuell gemacht. Bis heute habe ich bei ihr Unterricht, sie in New York, ich in Berlin."

(ful)

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