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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 19.04.2018

Ehemaliger Gefängnisarzt Karlheinz Keppler"Leute mit Suchtdelikten nicht in Haft stecken"

Karlheinz Keppler im Gespräch mit Nana Brink

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Der Gynäkologe und Suchtmediziner Karlheinz Keppler (Foto: M.Runn/Süddeutscher Verlag/dpa)
Der Gynäkologe und Suchtmediziner Karlheinz Keppler (Foto: M.Runn/Süddeutscher Verlag/dpa)

Deutschland müsse sich vom Betäubungsmittelgesetz verabschieden und sollte stattdessen alle harten und weichen Drogen freigeben, fordert der ehemalige Gefängnisarzt Karlheinz Keppler. Ein Phänomen wie Sucht könne man nicht gesetzlich regeln.

Keppler hat 25 Jahren als Gefängnisarzt in der Frauenjustizvollzugsanstalt Vechta in Niedersachsen gearbeitet. 2014 erschien sein Buch "Frauenknast. Welt mit eigenen Regeln. Ein Gefängnisarzt packt aus".

"Es gibt auf der ganzen Welt kein einziges drogenfreies Gefängnis", sagt Keppler. Das könne man nicht erreichen und sei das falsche Ziel: "Das Ziel sollte meiner Meinung nach sein, dass man sich vom Betäubungsmittelgesetz verabschiedet. Dass man sich von der Vorstellung verabschiedet, man könne ein Phänomen wie Sucht in irgendeiner Form gesetzlich regeln. Und wenn wir das tun würden, hätten wir statt ungefähr 65.000 Gefangenen nur noch 40.000 wahrscheinlich."

Keppler kritisiert auch die Medien: In der Zeitung stünden jedes Jahr groß und breit die etwa 1.000 Drogentoten, von den 400 Nikotintoten jeden Tag rede fast kein Mensch mehr. "Wenn man Drogen verbieten wollen würde, die häufig und gefährlich sind, müsste man Alkohol und Nikotin verbieten."

Ein weiteres Problem in Deutschland: Ein Drittel der Arztstellen im Justizvollzug sind bundesweit nicht besetzt. "Kein Mediziner will wirklich mit Überzeugung und Leidenschaft im Vollzug arbeiten."

Mehr Kontrolle bringt nichts

Seiner Meinung nach müsste bei Heroinabhängigen mehr substituiert werden: "Es gibt, was die Substitutionsbehandlung in Gefängnissen angeht, ein Nord-Süd-Gefälle. Also im Norden wird mehr substituiert als im Süden, es gibt ein West-Ost-Gefälle, also im Westen wird mehr substituiert als im Osten. Und es gibt ein Stadt-Land-Gefälle."

Kepplers Fazit: Mehr Kontrolle in den Gefängnissen bringt keine drogenfreieren Gefängnisse. "Meiner Ansicht nach kann man durch eine Inhaftierung, durch Haft ein Phänomen wie Sucht nicht beeinflussen. Man sollte Leute, die mit Suchtdelikten oder mit suchtassoziierten Delikten auffallen, nicht ins Gefängnis stecken, sondern sollte sie in irgendeiner Form therapeutisch behandeln. Warum wollen Sie die Leute einsperren?"

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(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 19.4.2018)

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