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Im Gespräch | Beitrag vom 09.06.2021

Ehemalige UNO-Chefanklägerin Carla Del PonteMutig, gradlinig und gefürchtet

Porträt von Carla del Ponte, die ehemalige Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshof für Verbrechen in Jugoslawien und in Ruanda, 23.02.2018 in Wiesbaden. Dort wurde sie mit dem Hessischen Friedenspreis ausgezeichnet. (imago / epd / Heike Lyding)
Carla del Ponte, Ex-Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs für Verbrechen in Jugoslawien und in Ruanda in Den Haag (imago / epd / Heike Lyding)

Als Staatsanwältin verfolgte Carla Del Ponte Mafiabosse, als Chefanklägerin am Internationalen Strafgerichtshof brachte sie Kriegsverbrecher vor Gericht. Gerechtigkeit für die Opfer herzustellen, war dabei stets ihr Antrieb.

Sechs Jahre, bis 2017, war Carla Del Ponte Mitglied in der unabhängigen UNO-Untersuchungskommission für Syrien. Ihre Aufgabe: Menschenrechtsverstöße und Kriegsverbrechen in Syrien zu untersuchen. Aber sie hat hingeschmissen, die Kommission trage nur Fakten zusammen, bewirke aber nichts, so die Juristin.  

"Ich wollte nicht mehr, natürlich aus Frust, und weil wir eben keinen Erfolg hatten. Wir haben die Verbrechen alle in unseren Berichten aufgelistet, aber der Sicherheitsrat hat sich nicht für einen Internationalen Gerichtshof entschieden. Das wäre die beste Lösung für die vielen, vielen Verbrechen, die im Syrienkrieg begangen worden sind."

"Ich klage an"

In ihrem aktuellen Buch "Ich bin keine Heldin – Mein langer Kampf um Gerechtigkeit" rechnet die streitbare Anwältin mit der internationalen Politik ab. Auch die UNO verschont sie nicht. Um die internationale Justiz sei es nicht gut bestellt.

"Es ist eine Art ‚J’accuse‘, eine Anklageschrift. Denn wie wir alle sehen können: Die ganze Geschichte mit der internationalen Justiz, mit Menschenrechten ist weg vom Schirm – leider. Warum? Ich und meine Mitarbeiter haben schon damals verstanden, dass die internationale Justiz nur möglich ist, wenn der politische Wille existiert. Aber der fehlt inzwischen.

Das frustriert mich, denn damals nach dem Jugoslawien- und Ruanda-Tribunal waren wir froh, dass diese internationale Justiz Fuß gefasst hat und einen großen Beitrag zum Frieden geleistet hat. Aber leider hatten wir nicht recht. Darum habe ich dieses Buch geschrieben."

13 Jahre hat es bis zu Milošević' Verhaftung gedauert

Die engagierte und unbequeme Juristin hat immer wieder gegen Widerstände gekämpft. Sie erlebt Erfolge, als sie Mafiabosse und Kriegsverbrecher vor Gericht bringt.

Und Niederlagen: Zum Beispiel, als der serbische Präsident Slobodan Milošević 2006 vor der Verurteilung verstirbt. Es mache sie wütend, dass er für seine Verbrechen nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden konnte, so Carla Del Ponte.

Dass Milošević sich überhaupt vor Gericht verantworten musste, ist Carla Del Ponte und ihrem Ermittlerteam zu verdanken. Die Hand hätten sie sich nicht gegeben. "Und wenn es doch einmal passierte", so Carla Del Ponte, "dann habe ich sie nachher schnell gewaschen."

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Berichte, die sie während ihrer Zeit als Chefanklägerin am Internationalen Gerichtshof in Den Haag Verantwortlichen vorlegt, werden aufmerksam und ernsthaft zur Kenntnis genommen. Aber es fehle am Willen, daraus Folgen zu ziehen, beklagt Carla Del Ponte.

Als sie mit George Bush, dem damaligen Präsidenten der USA, über die Dringlichkeit sprach, den Serbenführer Radovan Karadžić zu verhaften, glaubte sie an sofortige Unterstützung seitens der USA. Ein Irrtum. "Es hat 13 Jahre gedauert, bis Karadžić verhaftet worden ist. Un muro di gomma, eine Gummiwand."

Die Verurteilung von Karadžić‘ engem Vertrautem Ratko Mladić zu lebenslanger Haft ist erfolgte erst 2017, über 20 Jahre nach dem Völkermord von Srebrenica. Das UN-Tribunal in Den Haag hat das Urteil gegen Mladić gerade bestätigt.

Die Vipern- und Mafiajägerin

Carla Del Ponte lebt heute wieder im Tessin in der Schweiz. Dort ist sie 1947 als Tochter eines Hoteliers aufgewachsen. Schon früh muss sie sich gegen ihre drei Brüder durchsetzen – ein gutes Rüstzeug für später. Mit dem Verkauf von giftigen Vipern bessert sie ihr Taschengeld auf.

Nach dem Jurastudium macht sie sich zunächst als Scheidungsanwältin einen Namen, beschäftigt sich aber bald mit Wirtschaftskriminalität und Mafiastrukturen. "Strafrecht ist mein Lieblingsthema."

Wegweisend ist für sie die Begegnung mit dem sizilianischen Juristen Giovanni Falcone, einer Symbolfigur des Kampfes gegen die Cosa Nostra, die Organisierte Kriminalität auf Sizilien. Von ihm lernt sie, dass die ersten drei Minuten einer Verhandlung die entscheidenden sind.

Carla del Ponte wird zur gefürchteten Mafiajägerin. Bei einem Besuch bei Falcone in Palermo entgeht sie nur knapp einem Sprengstoffattentat. Falcone selbst wird 1992 bei einem Attentat umkommen. Carla Del Ponte überlegt, aufzuhören. "Aber zur Ehre von Giovanni Falcone habe ich weitergemacht."

Endlich kein Polizeischutz mehr

Jahrelang steht die frühere UNO-Chefanklägerin unter Personenschutz, ihr Leben ist immer wieder bedroht. Seit sie ihren Ruhestand genießt, ist damit Schluss:

"Endlich kann ich ein normales Leben führen. Wenn Sie unter Polizeischutz sind, ist die Polizei nur da, wenn Sie arbeiten. Wenn Sie nicht arbeiten, bleiben Sie zu Hause, gehen nicht ins Kino, nicht ins Konzert, nicht mit Freunden aus. Das hatte ich über 20 Jahre nicht."

Nun kann sich Carla del Ponte endlich dem Golfspiel widmen – und ihren Enkeln.  

(svs)

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