Sonntag, 20.09.2020
 

Zeitfragen | Beitrag vom 10.08.2020

Eheleute Donald und Maria VaughnMit Liebe dem Rassismus trotzen

Von Natalie Putsche

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Maria und Donald Vaughn, beide um die 80 Jahre alt, sitzen auf einem Sofa und lächeln freundlich in die Kamera. Sie ist weiß, er ist schwarz. (Deutschlandradio/Natalie Putsche)
Donald und Maria Vaughn in ihrer Wohnung: "Wir haben wir oft erlebt, dass die Leute auf der Straße Bemerkungen machten." (Deutschlandradio/Natalie Putsche)

In den 50er-Jahren lernte der schwarze US-Soldat Donald Vaughn in Frankfurt seine spätere Ehefrau Maria kennen. Jetzt schreibt er ein Buch über ihre Lebensgeschichte. Bei einem Besuch erzählen die beiden von rassistischen Anfeindungen, die sie erlebten.

Ich sitze mit Maria und Donald Vaughn zusammen am gedeckten Kaffeetisch. Nach fast 60 Jahren Ehe versuchen sie, sich gemeinsam an ihr Kennenlernen zu erinnern. War es 1958 oder 1959? Donald Vaughn ist sicher: Es war 1958 – und zwar "im Jazzhaus. Durch den Jazz sind wir überhaupt erst zusammengekommen. Wenn es den nicht gäbe, hätten wir uns nicht kennengelernt."

Der Vater nannte sie "Mariechen"

Um das Erinnern geht es bei den Vaughns seit Jahren. Bei einem ersten Buchprojekt vor ein paar Jahren vor allem um die Erinnerungen von Donald und jetzt um die seiner Frau Maria: "Aus Briefen kann ich nachweisen, dass besonders dein Vater, bis du 16 warst, dich Mariechen genannt hat."

So lautet auch der Titel des Buches.

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Aber wie ist das eigentlich, wenn der Ehemann sagt: Ich will jetzt auch noch ein Buch über dein Leben schreiben? "Ich war zuerst nicht gerade sehr happy", erzählt Maria. "Aber ich kann eh nichts dagegen machen. Wenn er das macht, macht er das."

Frankfurter Lebenswirklichkeit im Wandel der Zeit

Seit fast zwei Jahren beschäftigen sie sich, und vor allem Donald Vaughn, nun mit dem neuen Buchprojekt, ein Projekt des Historischen Museums Frankfurt: Es heißt "Bibliothek der Generationen".

Frankfurter Künstler und Autoren wurden gefragt, ob sie mit einem Beitrag dabei sind. Der Grundgedanke ist die Abbildung der Lebenswirklichkeit in Frankfurt und deren Veränderung im Laufe der Zeit.

Über 70 Jahre alte Teilnehmer, wie Donald Vaughn, haben drei Jahre Zeit zu schreiben. Donald hatte schnell die Idee, über seine Frau zu schreiben. Gerade sie würde jüngeren Freunden und Bekannten gerne und häufig davon erzählen, wie zum Beispiel die Kriegs- und Nachkriegsjahre in Frankfurt gewesen seien. Es sei ihr so etwas wie ein Anliegen, authentische Informationen über diese Zeit weiterzugeben.

Ein schwarzes Püppchen in der Hand

Donald zeigt mir den frisch ausgewählten Cover-Entwurf. Ein Schwarz-Weiß-Foto der ca. zwei Jahre alten Maria: "Mariechen, sie guckt etwas ängstlich." Und wenn man vor allem auch die gemeinsame Geschichte von Maria und Donald verstehen will, wirkt das Foto, das der 83-Jährige gewählt hat, schon fast symbolisch:

"Sie hat eine schwarze Puppe in der Hand. Man kann reinlesen: Sie hat vielleicht Angst, dass man ihr die Puppe wegnimmt. Oder dass man auf sie böse ist, weil sie die Puppe in der Hand hat."

Schwarzweißfoto eines kleinen Mädchen, das eine schwarze Puppe in Händen hält. (Foto: privat)Das Kindheitsfoto mit dem schwarzen Püppchen aus Maria Vaughns Fundus. Das Bild wird auf dem Buchcover zu sehen sein. (Foto: privat)

Ob sich das bereits darauf bezieht, was dann in Marias Leben kommt? "Das habe ich vielleicht unbewusst empfunden: Sie braucht Schutz. Sie braucht auch Schutz für diese Puppe."

"Sie hat mich geschützt vor dieser Art Verbalrassismus"

Bereits in seiner Biografie erzählt Donald vom alltäglichen Rassismus, den seine Frau und er eben auch als Paar und später Familie erlebten. "Das haben wir oft erlebt, dass die Leute auf der Straße Bemerkungen machten", erinnert sich Maria Vaughn. "Donald hat das alles nicht mitbekommen, Gott sei Dank."

Auch das Wort "Ami-" oder "Negerflittchen" sei in ihre Richtung immer wieder gefallen. Sie habe "dann meistens nicht reagiert".

Auf dem Laptop von Donald schaut mir das Kleinkind mit der schwarzen Puppe entgegen. Maria erinnert sich nicht, woher die kam. "Die muss mir irgendwer geschenkt haben."

Wenn er zu irgendeiner Amtsstelle musste, war Maria immer dabei, erinnert Donald sich: "Sie stand neben mir, bereit einzugreifen. Weil ich diesen Unterton nicht bemerkte. Sie hat mich geschützt vor dieser Art Verbalrassismus."

Nachlassbriefe verschaffen Klarheit

Sicherlich kommen auch andere Themen in dem Buch vor. Vor allem Kindheit und Jugend von Maria Vaughn:

"Dein Konflikt mit Deiner Mutter ist ein großes Thema. Und wir haben Glück, im Nachlass Briefe von ihr und ihrem damaligen Verlobten zu haben. Das sind über 100 Briefe gewesen. Und das Verhältnis zwischen ihr und ihrer Mutter können wir aus diesen Briefen lesen. Aber wir sind wirklich mittendrin. Wir haben knapp 100 Seiten und es sind so viele Themen."

Eine Wohnung zu finden war schwer

Das Thema Rassismus kommt immer wieder während unseres Gesprächs, etwa bei der Wohnungssuche: "Da hat uns zum Beispiel eine Frau gesagt: Sie können am Montag kommen, um den Vertrag zu unterschreiben", erzählt Maria. "Rufen Sie mich an wegen einer Uhrzeit. Dann rief ich an, und dann sagte sie mir: Ich kann Sie leider nicht nehmen, eine Mitmieterin sagte mir: ‚Sie werden uns doch keinen Neger ins Haus setzen.‘ Da habe ich das erste Mal geheult."

Und Donald "hat das Gefühl, dass es wieder kommt, aber auf einer höheren Ebene. Anscheinend dort, wo die Gefahr besteht, dass sich etwas ändert, was unser demokratisches Leben beeinflussen wird."

Und Maria ergänzt: "Ich habe auch schon drüber nachgedacht, wo könnten wir hingehen? Frankreich? Auch nicht so toll. Holland? Ist sehr klein. Werden viele hingehen wollen. Dann habe ich den Gedanken weggesteckt."

Auch weil Frankfurt schon so etwas wie eine internationale Insel sei, sagt sie. Mit buntem Leben auf der Straße und Menschen aus über 170 Nationen. Ich führe das Gespräch mit den beiden kurz vor dem fremdenfeindlichen Anschlag im nur 25 Kilometer entfernten Hanau.

Neue Bilder – auch nach 60 Jahren Ehe

Eigentlich will Donald ein Buch über seine Frau Maria schreiben. Aber wie bei seinem ersten Buch lässt sich Rassismus aus dem Leben der Vaughns nicht ausklammern.

"Ich rechne damit, dass wir es vielleicht im November dieses Jahr herausbringen. In jedem Fall als gemeinsames Geschenk zu unserem 60. Hochzeitstag."

Wenn er über das, was seine Frau ihm erzählt, reflektiert, sieht er dann auch nochmal ganz neue Seiten? "Ich erlebe sie neu, weil ich die Bilder bekomme - von den Kinder- bis zu den Jugendtagen."

Und die kannte er noch nicht. "Die Bilder haben es sozusagen vollendet."

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