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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 18.04.2014

Ehe und ErosGrenzenlose Liebe

Jüdisch-christliche Beziehungen in der Literatur

Von Stefanie Oswalt

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Goldene Eheringe liegen in einer blumengeschmückten Schale auf dem Tisch des Standesbeamten im Trauzimmer im Rathaus in Freiburg. (AP)
Mit Einführung der Zivilehe 1874 wurden Eheschließungen über religiöse Grenzen hinweg legalisiert (AP)

Liebesbeziehungen zwischen Juden und Christen waren im 19. Jahrhundert keine Seltenheit mehr. Die Germanistin Eva Lezzi hat untersucht, wie sich die kulturelle Annäherung in der Belletristik jener Zeit abbildet.

Gotthold Ephraim Lessing, Achim von Arnim, Heinrich Heine, Friedrich Schlegel, Henriette Herz, Fanny Lewald, Wilhelm Raabe, Theodor Fontane, schließlich auch Fritz Mauthner, Siegmund Freud und Otto Weininger. Schon der Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt, dass Eva Lezzi sich in ihrer Studie Fragen zuwendet, die die deutschsprachige Literatur von der Mitte des 18. bis zur Schwelle des 20. Jahrhunderts schwer beschäftigt haben.

"Wichtig war mir, ganz unterschiedliche Texte zu haben, was die Autoren anbelangt. Also es sind jüdische Autoren und Autorinnen, es sind bekannte und unbekannte Autoren, es sind bei den jüdischen Autoren auch Autoren unterschiedlicher religiöser Ausrichtung, sodass man eine Vielzahl von Stimmen hat."

Alle diese Schriftstellerinnen und Schriftsteller haben sich in ihrer Literatur mit Liebesbeziehungen zwischen Christen und Juden beschäftigt, ein Thema, das die religiösen, philosophischen und rechtlichen Diskurse des 19. Jahrhunderts erheblich geprägt hat. Denn seit Anfang des Jahrhunderts kam es, man denke nur an die Berliner Salons, zu Annäherungen zwischen jüdischen Frauen und christlichen Männern – und umgekehrt. Aber erst 1874 wurde in Preußen und ein Jahr später im Deutschen Reich die Zivilehe eingeführt, womit Eheschließungen über religiöse Grenzen hinweg legalisiert wurden. Gefragt nach einer Gemeinsamkeit der analysierten Texte antwortet Lezzi:

"... dass in ihnen allen diese Liebesgeschichten oder diese erotischen Beziehungen oder diese sexuellen Verhältnisse eigentlich dem Aushandeln von Differenz dienen. Also obwohl wir es mit Liebe, Erotik, Sexualität zu tun haben, also etwas, was gemeinhin mit Nähe assoziiert wird, mit Vertrautheit, mit Verbundenheit, geht es in den Texten sehr stark darum zu zeigen, was eben die Unterschiede sind zwischen Juden und Christen und warum das eventuell nicht funktionieren kann."

In der Literatur enden die Liebschaften meist tragisch

Eventuell nicht funktionieren kann? Auffälligerweise hat keiner der von Lezzi untersuchten Texte hat ein Happy End.

"Viele Texte enden tragisch mit Selbstmord, auch mit Mord teilweise oder sie enden weniger tragisch, indem eben das Paar auseinander geht und die Kinder in ihre Herkunftsfamilien zurückgehen, oder sich klarerweise für die Herkunftsfamilie entscheiden."

Deutlich wird in Lezzis Studie, wie sehr sich Konzepte von Liebe und Ehe im 19. Jahrhundert unterschieden. Für das Christentum gelte:

"Grundsätzlich ist es so: Romantische Liebe meint Liebe, Begehren erwacht zwischen zwei Individuen vor der Ehe. Zwei lernen sich kennen, verlieben sich – das ist der klassische, aber in dieser Zeit erst entwickelte Liebesbegriff der freien Partnerwahl, die spielt dabei eine große Rolle."

Ganz andere Vorstellungen gibt es im traditionellen Judentum:

"Da kann Liebe durchaus auch erst nach der Eheschließung entstehen. Also ein großes Thema der Literatur vor allem jüdischerseits, ist die sogenannte Konvenienz-Ehe, das heißt die meist väterlich arrangierte Ehe, wo zwar die Kinder ein Veto-Recht hatten. Und das Ideal da von Liebe ist, dass sie innerhalb der Ehe wächst, im gemeinsamen Alltag, in der gemeinsamen auch religiösen Ausrichtung."

Es gehört zu den großen Verdiensten von Lezzis Studie, dass sie die Bandbreite der jüdischen Positionen in Deutschland im 19. Jahrhundert aufdeckt:

"Das faszinierende im 19. Jahrhundert ist tatsächlich die Pluralisierung des Judentums. Wir haben es mit Spaltungen zu tun, einer Neukonsolidierung der Neoorthodoxie und eben des Reformjudentums, die ganz unterschiedliche Absichten mit der Thematisierung von interreligiösen Liebesbeziehungen verfolgen."

Unterschiedliche Vorstellungen von der Liebe

Neoorthodoxe Autoren, sagt Lezzi, versuchten, ihr jüdisches Publikum vor einer Vermischung mit der christlichen Mehrheitskultur zu warnen. Ganz anders positionierten sich Schriftsteller, die dem Reformjudentum nahestanden:

"Aus reformorientierter oder akkulturationswilliger Perspektive wird nicht gewarnt vor solchen Beziehungen. Vielmehr sind sie positiv ein Zeichen für die gemeinsame Annäherung, für die Nähe zur deutschen Kultur, für die Möglichkeiten des Zusammenlebens und für die Gleichheit der Familienkonzeptionen."

Wobei die Hoffnungen auf ein Gelingen der Beziehungen Mitte des Jahrhunderts höher standen als gegen Ende. So beschwöre Fanny Lewald etwa in ihrem 1843 publizierten Roman "Jenny" noch die zukünftige Utopie einer glücklichen christlich-jüdischen Ehe. Fritz Mauthner hingegen schildert in seinem 1881 erschienenen Roman "Der neue Ahasver" das Scheitern der Liebesbeziehung zwischen einem jüdischen, assimilierten Arzt und einer jungen Adeligen. Damals tobte in Berlin bereits der Antisemitismusstreit. Und ein halbes Jahrhundert später wurde mit den Rassegesetzen der Nationalsozialisten jede Möglichkeit einer interreligiösen Liebesbeziehung brutal zerstört.

Eva Lezzi: "Liebe ist meine Religion!" Eros und Ehe zwischen Juden und Christen in der Literatur des 19. Jahrhunderts
Wallstein Verlag, Göttingen 2013
436 Seiten, 29,90 Euro
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