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Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.08.2010

Edinburgh leuchtet

"The Sun Also Rises" zu Festivalbeginn uraufgeführt

Von Ulrich Fischer

Die  Bar wird in John Collins Inszenierung zur Metapher des Stillstandes. (Stock.XCHNG / Dan Mulligan)
Die Bar wird in John Collins Inszenierung zur Metapher des Stillstandes. (Stock.XCHNG / Dan Mulligan)

In der Bühnenadaption von Hemingways Roman wird das öde Ennui der wohlhabenden Nichtstuer alles andere als langweilig dargestellt. Das Ensemble des Elevator Repair Service konnte am Firth of Forth zum Auftakt des Edinburgh International Festival begeisterten Beifall verbuchen.

Edinburgh verwandelt sich im August jedes Jahr wieder zur Kulturhauptstadt der Englisch sprechenden Welt. Das Fringe übertreibt nicht, wenn es sich als "größtes" Festival der Welt bezeichnet: Freie Gruppen treten an allen möglichen und unmöglichen Podien auf, von morgens bis in die Nacht, drei Wochen lang. Ein Filmfestival, ein Buch- und ein Jazzfestival ziehen viele Interessierte an, aber im Zentrum steht das Edinburgh International Festival, ebenso wichtig wie Avignon und Salzburg auf dem Kontinent.

Konzert und Oper, Tanz und Schauspiel der Weltklasse werden präsentiert – das Schauspiel begann gleich mit einer Uraufführung: "The Sun Also Rises", eine Bühnenfassung des gleichnamigen Romans von Ernest Hemingway, bei uns bestens (auch vom Film her) bekannt unter dem Titel "Fiesta".

Das Ensemble des Elevator Repair Service (dt.: Aufzug-Reparatur-Dienst) lehnt seine Adaption eng an Hemingways Roman an: Dialoge werden teilweise wörtlich übernommen, das Handlungsgerüst, vor allem aber die Figuren:

Im Mittelpunkt steht Brett Ashley. Lucy Taylor, eine brillante Aktrice mit knabenhafter Figur, spielt die britische Aristokratin, die Mitte dreißig ist, als attraktive Neurasthenikerin. Die Lady lebt in Paris und zieht Männer an wie Motten das Licht.

Jake ist ihr guter Freund, die Liebe muss platonisch bleiben, weil Jake im Krieg verletzt wurde, er ist impotent (virtuos zwischen Erzähler und Spielfigur hin und her wechselnd: Mike Iveson). Mike ist gekränkt, weil Brett sich von ihm ab- und Robert zugewandt hat.

Robert stammt aus einer angesehenen jüdischen Familie in New York mit altem Geld. Er bleibt in der Gruppe trotz massiver antisemitischer Anfeindungen (Matt Tierney zeigt, wie Robert darunter leidet, sich nicht von seinen Peers trennen zu können). Er kann von Lady Ashley nicht lassen, nachdem sie auch ihn durch einen Nachfolger ersetzt hat.

John Collins legt mit seinem frappierend leistungsfähigen und durchweg präsenten Ensemble in seiner Uraufführungsinszenierung Wert darauf, das öde Ennui der wohlhabenden Nichtstuer kritisch darzustellen. Es gibt zwar lebhafte Szenen, aber im Grunde verändert sich nichts. Stillstand.

Wie im Roman vertun die nicht mehr ganz jungen Leute ihr Geld und ihre Zeit mit Restaurantbesuchen, bei denen heftig gezecht wird. Oft sind sie betrunken oder haben einen Kater. Sie schreiben, behaupten sie; einer ist Journalist, verfügt aber über verdächtig viel freie Zeit. Mit Eifersucht machen sie sich ihr Leben zur Hölle – trotzdem leiden sie unter Langeweile. Um etwas Abwechslung zu haben, fahren sie nach Spanien. Dort lockt eine Fiesta.

Sie wird zum Kern der Aufführung. Der Elevator Repair Service, der zusammen mit dem New York Theatre Workshop die Uraufführungsinszenierung auf die Beine gestellt hat, gilt in den Vereinigten Staaten als Avantgardetheater. Es sucht nach neuen Möglichkeiten der Darstellungen – und das ist ihm mit "The Sun Also Rises" geglückt, denn die Liftreparateure verschmelzen gekonnt Momente des epischen mit denen des Illusionstheaters.

Ausstatter David Zinn hat detailgetreu das Interieur einer Pariser Bar mit Flair auf die Bühne gestellt. Auf den obersten Bord stellt der Bühnenbildner weit über hundert leere Flaschen. Sie bekommen noch mehr Präsenz, weil die Getränke für die zechfreudigen Amerikaner aus leeren Flaschen eingeschenkt werden. Dabei gluckert es – vom Band. Alles lacht.

Der Effekt ist nicht nur komisch, er weist auch darauf hin, dass Hemingway hier mehr liefert als eine einfache Beschreibung ungezügelter Trinkgewohnheiten: Sie werden zum Symbol, zum Sinnbild für das Vertun des Lebens. Hier bekommt der Ensemblename "Elevator" seinen Sinn: Es gelingt den Theaterleuten, Hemingways Kunstmittel und Intentionen sichtbar zu machen und damit das Zuschauerbewusstsein auf eine höhere Ebene zu heben.

Auch die Schankstube für die gehobenen Stände verliert rasch ihren naturalistischen Charakter: Denn hier ist auch das Taxi, die Wohnung – und in Spanien findet eben da der Stierkampf statt. Das Wirtshaus wird als Simultanbühne zum Bedeutungsträger: Hier verplempern Leute Geld und Leben. Sie existieren in der Kneipe – immer. Das ist eine angemessene Würdigung von Hemingways Stil: Er ist, wenn er seine genauen Beobachtungen zum Symbol verdichtet, ein Realist.

Die Distanz der Inszenierung zum Text und zur rein deskriptiven Ebene ist nicht nur witzig und unterhaltsam, sie entspricht auch der Intention Hemingways. Der Autor ist alles andere als identisch mit dem Icherzähler. Hemingway hat einen kritischen Abstand zu ihm wie zu allen anderen Figuren. Er stellt dar, wie Leute ihr Leben nicht leben, obwohl sie die besten Voraussetzungen hätten. Diese kritische Distanz Hemingways zu seinen Figuren entspricht auf der Bühne das epische Spiel, der Abstand der Schauspieler zu ihren Rollen. Der Witz hat aufklärerische Funktion: Denken, das Spaß macht. Brecht wäre hellauf begeistert gewesen.

Wie das Publikum. Die Schotten verlangen vom Theater Humor und Kurzweil, Tiefgang und Erkenntniszuwachs. Sie fühlten sich bestens bedient, die Amerikaner lösten die Quadratur des Kreises mit Spielfreude, souverän. Sie können begeisterten Beifall am Firth of Forth verbuchen.

Dieses Jahr ist ein großartiges Jahr für die Festivals – überall. Edinburgh ist offenbar fest entschlossen, das von Salzburg und Avignon vorgegebene Niveau nicht zu unterschreiten.

Link zum Thema
Homepage des Edinburgh International Festival

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