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Lesart / Archiv | Beitrag vom 09.05.2020

Edgar Bérillon: "Die Psychologie der deutschen Rasse"Auf der Geisterbahn des Rassismus

Von Sieglinde Geisel

Buchcover zu Edgar Bérillons "Die Psychologie der deutschen Rasse". (Wallstein Verlag)
Die antideutschen Pamphlete des Pariser Psychiaters Edgar Bérillon gelten heute als warnender Beleg dafür, wie schnell Wissenschaft in trübe Gewässer abdriften kann. (Wallstein Verlag)

Edgar Bérillons pseudowissenschaftlicher Vortrag von 1917 ist eine Wortmeldung aus der Mitte der damaligen französischen Gesellschaft. Nun gibt es den Text auf Deutsch – auch aus dem Abstand von über hundert Jahren gibt er uns zu denken.

Edgar Bérillons Vortrag "Die Psychologie der deutschen Rasse" ist ein bemerkenswertes Dokument. Denn der Text zeigt, was im Jahr 1917 in Frankreich über die Deutschen sagbar war:

"Um anzunehmen, dass ein Deutscher ein Mensch wie jeder andere sei, darf man niemals Gelegenheit gehabt haben, ein Exemplar dieser Rasse eingehender zu studieren."

Was Bérillon zur Mentalität der Deutschen sagt, erschöpft sich in Klischees wie fehlendem Humor und deutscher Gründlichkeit. Schockierend ist allerdings das, was er über den Körper der Deutschen sagt. Man erinnert sich an die Sätze des Juden Shylock in Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig". Shylock verweist auf das, was alle Menschen teilen: "Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht?"

Bösartige Fixierung auf die Leiblichkeit

Bei Bérillon gibt es nichts Verbindendes: "Das Fleisch eines Deutschen ist nicht wie das eines Franzosen; es ist andersartig." Die Deutschen sind plump, hässlich und plattfüßig, sie vermitteln "einen Eindruck des nur grob Behauenen, schlecht Ausgeführten". Ihren Augen fehlt der Glanz, die Ohren sind "längliche, schlecht geformte, hervorspringende Hörner". Und weil ihre Nase eingedrückt ist, mögen die Deutschen keine Lorgnons, sie tragen Brillen.

Bérillon belässt es nicht beim unästhetischen Äußeren, er schreibt geradezu mit Gusto:

"Alle, die schon einmal eine deutsche Hand berührten, haben die Erinnerung an dieses weiche, feuchte und fette Fleisch zurückbehalten, an diese Wurstfinger, die sich nicht biegen lassen." Und wie bei jedem Rassismus spielt der Geruch eine Schlüsselrolle: "Es steht außer Zweifel, dass von den Deutschen ein spezifischer Geruch ausgeht und dass dieser Geruch ausgesprochen stinkend, widerlich, durchdringend, beständig ist."

Zu den von Bérillon ins Feld geführten Eigenschaften der Deutschen gehört die Gefräßigkeit. Die Deutschen ernähren sich vornehmlich "brassikär und porcophil", Bérillon kleidet seinen Rassismus in wissenschaftlich klingende Termini.

Vulgo: Der Deutsche liebt Kohl und Schwein. In Frankfurter Würstchen soll sich, nebst Pferd und Hund, mitunter auch Rattenfleisch finden. Berillon meint zu wissen, dass die Deutschen selbst vor Kannibalismus nicht halt machen.

Natürlich hat diese Gefräßigkeit Folgen: Geradezu hingebungsvoll widmet sich Bérillon den Ausscheidungen der Deutschen. Für deren "übertriebenes Darmentleerungsbedürfnis" hat er den Fachbegriff "Polychesie", und er geizt nicht mit Beispielen. 500 deutsche Kavalleristen haben, nach drei Wochen in einer Papierfabrik, 30.000 Kilo Fäkalien hinterlassen! Die Stadt Lüttich wurde von Exkrementen überschwemmt, nachdem sie 180 Deutsche hatte beherbergen müssen!

"Ethnochemie" sollte Rassismus wissenschaftlich belegen

Dies alles sei streng wissenschaftlich erforscht, beteuert Bérillon, der als Psychiater ansonsten Studien zu Hypnose und Alkoholismus publizierte.

Er will eine neue Forschungsrichtung begründen: Die "Ethnochemie" soll die "chemische Zusammensetzung der Säfte und Gewebe" verschiedener Menschenrassen untersuchen. Französisches Blut beispielsweise sei hochwertiger als deutsches, weil es mehr rote Blutkörperchen enthalte. Der Urin der Deutschen wiederum habe einen höheren "urotoxischen Koeffizienten": Um ein Kilo Meerschweinchen zu töten, genügten 30 Kubikzentimeter deutscher Urin, während dazu von französischem Urin 45 Kubikzentimeter nötig seien.

Die Lektüre dieses Textes gleicht einer Fahrt auf der Geisterbahn des Rassismus. Man lacht über die Abstrusität der "Argumente" und schüttelt den Kopf über die Pseudowissenschaft – doch zugleich läuft es einem kalt den Rücken hinunter. So also fühlt sich Rassismus an, wenn man ihn als Zielobjekt erfährt. Dabei lesen wir aus sicherer Distanz: Wir müssen nicht in einer Gesellschaft leben, in der diese Dinge sagbar waren.

Dass dieser Text erst jetzt auf Deutsch erscheint, liegt an Edgar Bérillons Erben. Der Übersetzer Ralf Pannowitsch war bereits Ende der Neunzigerjahre auf den Text aufmerksam geworden, doch die Erben hatten den Nachdruck verboten, und die Schutzfrist lief erst Ende 2018 ab.

Druckverbot der Erben

Edgar Bérillon war kein Außenseiter, sondern Mitglied in mehreren wissenschaftlichen Gesellschaften. Der Text, den seine Erben nicht mehr gedruckt sehen wollten, kam also aus der vielzitierten Mitte der Gesellschaft. Hundert Jahre später ist Bérillons Machwerk nur noch ein Kuriosum, wenn auch ein gruseliges. Seine Wirkung hat sich ins Gegenteil verkehrt: Heute lässt sich dieser Text nur noch als ein Manifest gegen den Rassismus lesen.

Edgar Bérillion: "Die Psychologie der deutschen Rasse nach ihren objektiven und spezifischen Merkmalen oder Von Vielfraßen, Fettwänsten und Stinkstiefeln"
Aus dem Französischen übersetzt und herausgegeben von Thomas Höpel und Ralf Pannowitsch
Wallstein Verlag, 2020
138 Seiten, 18 Euro

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