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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 23.01.2012

Edeltropfen statt Massenwein

Die israelische Revolution in der Flasche

Von Sebastian Engelbrecht

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Made in Israel: Staatspräsident Simon Peres schenkt Angela Merkel in Jerusalem reinen Wein ein (dpa / picture alliance / Rainer Jensen)
Made in Israel: Staatspräsident Simon Peres schenkt Angela Merkel in Jerusalem reinen Wein ein (dpa / picture alliance / Rainer Jensen)

Vor 20 Jahren war israelischer Wein ungenießbar: zu süß, lieblos und in Massen produziert. Heute werden israelische Winzer zu internationalen Wettbewerben um die edelsten Tropfen eingeladen. 200 Keltereien produzieren vor allem Rotwein.

Der Weinberg von Jair Margalit und seinem Sohn Asaf liegt in der fruchtbaren Küstenebene am Mittelmeer, 50 Kilometer nördlich von Tel Aviv, 20 Kilometer südlich von Haifa. Die Familie Margalit baut hier auf einem Land von zehn Hektar Größe die Rebsorte Cabernet Frank an. Jair Margalit, ein pensionierter Chemie-Professor, Mitte 60, trägt ein schwarzes ärmelloses Hemd, er läuft an den Reben vorüber, zupft ein Blatt ab, ordnet einen Zweig zurecht:

"Ich habe damals in den späten 70er-Jahren in Kalifornien gearbeitet und habe da gesehen, was Wein ist, was mir sehr gefallen hat. Und ich kam zurück nach Israel und wollte selber Wein produzieren."

Margalit war einer der ersten Israelis, die die Weinkultur nach Israel zurückbrachten, ins älteste Wein-Anbaugebiet der Erde. Zur Zeit Jesu wurde in der römischen Provinz Judäa überall Wein angebaut. In den Jahrhunderten der muslimischen Herrschaft aber geriet die Wein-Kultur in Vergessenheit. Die Zionisten begannen in den 1880er-Jahren wieder mit dem Weinbau, aber die Ergebnisse waren dürftig. Bis in die 1980er-Jahre hatten die Israelis keinen Sinn für Wein, zumindest nicht für guten. Ein süßer Massenwein beherrschte den Markt, der billig exportiert wurde. In den 80ern pflanzte Jair Margalit, der Pionier, seinen ersten Weinberg, und Sohn Asaf, heute 42 Jahre alt, half mit:

"Es war eine Kombination von mehreren Dingen. Es gab die neuen Keltereien, und die Leute hatten mehr Geld, konnten nach Europa fahren und sich die Welt ansehen, neue Dinge aufnehmen, auch gutes Essen. Also diese Kombination: gutes Essen und das wachsende Interesse – damit war die Öffentlichkeit interessiert, das war der richtige Moment."

In den vergangenen 20 Jahren folgten viele dem Beispiel von Jair und Asaf Margalit. Sie fuhren in die USA, nach Frankreich und Australien, lernten dort das Winzer-Handwerk, begannen mit dem Weinbau in Israel und gründeten eigene Keltereien. Heute produzieren 200 Betriebe in Israel Wein. Viele produzieren wie die Margalits in kleinen Mengen. 20.000 Flaschen im Jahr sind der Ertrag der Familie. Ihr Spitzenwein: Der "Bordeaux Enigma", ein Verschnitt aus Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon und Merlot. Mindestens 200 Schekel, umgerechnet 40 Euro, kostet die Flasche.

Die Bedingungen für den Weinbau sind ideal in Israel, von den bergigen Regionen in Galiläa, in den eigentlich zu Syrien gehörenden Golan-Höhen und um Jerusalem, in der Küstenebene und sogar in der Negev-Wüste. Dunkle, schwere, ausdrucksstarke Rotweine sind typisch für das Land. Das haben auch die Deutschen schon entdeckt. Die Margalits exportieren zehn Prozent ihrer Produktion, unter anderem nach Deutschland. Bei der Vermarktung arbeiten Yair und Asaf Margalit mit einer Kelterei an der Mosel zusammen:

"Sieben israelische und sieben deutsche Keltereien sind Partner – wie Partnerstädte, und es gibt eine Art Zusammenarbeit zwischen der deutschen und der israelischen Kelterei bei der Werbung, bei der Vermarktung, beim Austausch von Wissen, in allen möglichen Bereichen."

Auf einen "Koscher"-Stempel des zuständigen Rabbinats verzichten die Margalits. Vater Jair winkt ab:

"Ich mache Wein für Menschen, und es interessiert mich nicht, ob sie an das Judentum glauben oder an Jesus oder an Mohammed. Was geht mich das an? Damit möchte ich gar nicht erst anfangen."

Die Tür zur Kelterei von Jonathan Goldmann, in Kadita bei Zefat, zehn Kilometer entfernt von der Grenze zum Libanon. Goldmanns Weingut ist noch kleiner als das der Margalits. Er produziert jährlich 2000 Flaschen seines "Kadita Cabernet Merlot". Im bergigen Anbaugebiet des Oberen Galiläa wächst der Wein in roter lehmiger Erde:

"Es ist ein Verschnitt aus 60 bis 70 Prozent Cabernet Sauvignon und 30 bis 40 Prozent Merlot, der zwei Jahre oder etwas länger in französischen Eichenfässern gelagert wird und anschließend etwa noch ein Jahr in der Flasche."

Seit zwölf Jahren schon baut Jonathan Goldmann seinen Wein an. Als 13-Jähriger fing er auf dem Gut der Eltern an, mit den Reben zu "experimentieren". Heute ist er 27, studiert Denkmalschutz und Archäologie. Sein Wein ist durch das Feinschmecker-Restaurant der Eltern in ganz Israel bekannt geworden. Auch Goldmann kann 40 Euro pro Flasche verlangen:

"Ein sehr voller, sehr schwerer Wein, was typisch für diese höheren Regionen des Landes ist. Das gehört zu unserem Charakter, und darum bemühen wir uns auf unseren Weinbergen. Um einen konzentrierten Wein zu produzieren, muss man hart arbeiten: Man muss den Weinberg eng bepflanzen, die Trauben sehr ausdünnen, und man hat weniger Ertrag."

Jonathan Goldmann bewässert seinen Weinberg fast gar nicht, wie übrigens auch die Margalits, die ganz darauf verzichten – in einem Land, in dem von Mai bis September kein Tropfen Regen fällt. Der Verzicht auf die Bewässerung ist eines der Rezepte der erfolgreichen israelischen Winzer: Je weniger Wasser, desto konzentrierter und ausdrucksvoller der Wein.

Übrigens gehört auch der Wein aus Kadita zu den nicht-koscheren Produkten aus Israel. Jonathan Goldmann erklärt, warum:

"Im gesamten Produktionsprozess, angefangen beim Pressen des Weins, darf kein Nichtjude den Wein berühren – und auch kein Jude, der das jüdische Religionsgesetz nicht einhält, zum Beispiel ich. Er darf weder den Wein berühren noch den Stahltank, in dem der Wein vergoren wird."

Aber ein Winzer wie Goldmann liebt seinen Wein, von der Rebe bis zur Flasche. Er will die Handgriffe nicht an einen streng religiös lebenden Juden delegieren – und verzichtet auf den Stempel des Rabbinats.

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