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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.05.2008

Edelboulevard mit gut gelaunten Stars

Kevin Spacey und Jeff Goldblum spielen bei den Ruhrfestspielen eine Satire auf das Filmgeschäft

Von Stefan Keim

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Ein internationales Staraufgebot konnten die Ruhrfestspiele in Recklinghausen zur Eröffnung bieten: Kevin Spacey und Jeff Goldblum sind die Protagonisten in David Mamets Satire "Speed-the-Plow". In einer eher mittelmäßigen Inszenierung gibt Spacey mit Verve den Underdog und Goldblum einen manipulierbaren Filmproduzenten.

Er wolle dieses Buch verfilmen, sagt Filmproduzent Bobby Gould. Er glaube daran. "Ich glaube auch an das Telefonbuch", antwortet sein Freund und Untergebener. "Aber deswegen mache ich noch lange keinen Film daraus."

Natürlich ist so ein Dialog ein sicherer Lacher. Umso mehr als hier zwei Hollywoodstars der A-Klasse die Filmindustrie auf die Schippe nehmen. Jeff Goldblum und Kevin Spacey spielen eine Satire von David Mamet, "Speed-the-Plow". Wie man das übersetzen soll? "Gib Gas beim Pflügen?" Eher nicht. Der deutsche Titel heißt: "Die Gunst der Stunde".

Doch deutsch wird natürlich nicht gesprochen, sondern nur übertitelt, wenn das Old Vic Theatre aus London einen seiner seltenen Abstecher auf das Festland macht. Kevin Spacey leitet das renommierte Haus, an dem schon Alec Guinness, Laurence Olivier und Antony Hopkins arbeiteten, seit fünf Jahren und hat seinen Vertrag schon bis 2015 verlängert. Trotz mancher Kritik, die dem Amerikaner in Großbritannien entgegenschlug.

Behutsam sucht Spacey Wege zwischen Tradition und Moderne, wobei der englische Begriff von zeitgenössischem Theater ein sehr konservativer ist. Immerhin nehmen Spacey und Goldblum den Titel ihrer neuen Produktion so ernst, dass sie Mamets Dialoge in rasantem Tempo von der Zunge jagen.

Aber dass hier ein Regisseur bestimmte Themen erkannt und fokussiert, vielleicht sogar Brüche und Abgründe in den Figuren gesucht hätte, ist nicht zu erkennen. Matthew Warchus hat inszeniert - oder auch nicht. Er ist in England nicht unbekannt, hat zum Beispiel den "Herrn der Ringe" auf die Bühne gebracht. Hier dient er den Stars, die an ihrem fröhlichen Treiben sichtbar Spaß haben.

Charlie Fox (Spacey) glaubt, den Knüller seines Lebens an der Angel zu haben. Ein berühmter Kinostar will mit ihm seinen neuen Gangsterfilm drehen. Charlie kann sich kaum beherrschen, hüpft vor Freude, der Mann mit den beigefarbenen Socken träumt von Ruhm und Reichtum. Umso größer ist seine Enttäuschung, als Bobby Gould (Goldblum) plötzlich lieber einen Katastrophenkunstfilm über den Weltuntergang drehen will. Weil ihn seine Aushilfssekretärin (blass Laura Michelle Kelly) mit einem Beischlaf beglückt hat.

Charlie schäumt, tobt, wütet und verprügelt seinen Boss. Bis diesem mit dem Blut aus der Stirn auch die Vision aus dem Hirn zu tropfen scheint. Der letzte Akt hat Tempo, Witz und Biss. Obwohl Autor Mamet die Frau zynisch-chauvinistisch abservieren lässt. Doch mittendrin hängt das Stück entsetzlich durch. Und weil niemand richtig inszeniert hat, schlägt die Schwäche des Textes auf die Aufführung durch.

Zwischendurch unterhalten lautes Schreibmaschinengeklapper und Videocollagen mit Sätzen, die durchs Bild fliegen. Schon beim ebenfalls eher schlappen Shakespearedrama "Richard II.", mit denen das Old Vic vor zwei Jahren in Recklinghausen gastierte, gab es eine illustrierende mediale Sättigungsbeilage.

Doch solche halbherzigen Anleihen beim Regietheater bringen ebenso wenig wie der Versuch, den mauen Mamet mit dessen berühmter Fäkalsprache, dem Mamet-Talk, aufzurauen. "Speed the Plow" hat 20 Jahre auf dem Buckel und war schon damals kein toller Text. Natürlich wird trotzdem gejubelt, schließlich muss das Publikum laute, rhythmisch prägnante Applausmusik übertönen, die eine größere Energie entfaltet als weite Teile der Aufführung.

Doch auf künstlerische Qualität kommt es diesmal nicht so an. Spacey und Goldblum stehen für Glamour und die weite Welt, das lieben die Sponsoren. "Evonik Industries", die ehemalige RAG und ein wichtiger Kulturförderer im Ruhrgebiet, gibt sein Geld nicht mehr an die Ruhrtriennale, sondern an die Ruhrfestspiele. Mit dem Argument, man wolle vor allem internationales Profil fördern.

Dass die Ruhrtriennale eigene Produktionen bis nach New York schickt, ist für die Evonik-Verantwortlichen weniger international, als sich für eine Woche zwei Hollywoodstars zu mieten. Natürlich kann jedes Unternehmen sein Geld ausgeben wie es will, es sollte nur nicht so niedlich unbedarft argumentieren.

Nach dem Prominentenkuscheln wird bei den Ruhrfestspielen noch richtig Theater gespielt. Themenschwerpunkt ist Amerika, wobei Jan Bosses Adaption von "Anna Karenina" mit Fritzi Haberlandt wohl die größte Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird. Der Kartenvorverkauf ist sehr gut, die Ruhrfestspiele sind längst dem finanziellen Castorf-Tief entsprungen, und Leiter Frank Hoffmann wird bestimmt so lange im Amt bleiben wie Kevin Spacey in London.

So lange den nicht die Theaterlust verlässt. Aber die Gefahr scheint nicht zu bestehen. In "Speed-the-Plow" spielt Spacey mit Verve den Underdog, der um seinen Traum vom großen Geld kämpft. Es gibt ja auch Schlimmeres als ein bisschen Edelboulevard mit gut gelaunten Stars. So lange das niemand für große Kunst hält.

"Speed-the-Plow"
Von David Mamet
Inszenierung: Matthew Warchus
Ruhrfestspiele Recklinghausen

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