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Echtzeit | Beitrag vom 08.12.2018

Ecstatic DanceTranszendenz und Sinnlichkeit

Christoph Schäfer im Gespräch mit Marietta Schwarz

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Frauen, die vor dem Sonnenuntergang tanzen. (Unsplash / Levi Guzman)
Tanzende Frauen vor dem Sonnenuntergang: Ecstatic Dance wurzelt in einer Bewegung-Meditation aus den 1970er Jahren. (Unsplash / Levi Guzman)

Freier, entgrenzter Tanz: das traut sich nicht jeder. Es kann aber eine neue Körpererfahrung bringen und einen neuen Kontakt zum eigenen Selbst. Unser Autor Christoph Schäfer hat sich getraut und war bei einer "Ecstatic Dance"-Party in Berlin.

Marietta Schwarz: Tanzen kann sinnlich und besinnlich sein. Aber: Tanzen kann auch rauschhaft sein, transzendent, man tanzt sich in Trance, in Ekstase, so wie das viele Völker taten und tun, die noch etwas mehr mit ihrem eigenen Sein verbunden sind als wir. Womit wir uns hier beschäftigen, ist jetzt nicht der übliche Verlauf eines Clubbesuchs. Sondern das nennt sich "Ecstatic Dance" und ist so etwas wie ein neuer Party-Trend. Und mein Kollege Christoph Schäfer hat sich dem mal hingegeben, quasi als Selbstversuch. Hallo Christoph!

Was war anders bei diesem Experiment "Ecstatic Dance"?

Christoph Schäfer: Als ich auf der Party ankam, hat mich einer der Organisatoren erstmal umarmt – wir hatten vorher miteinander telefoniert wegen meines Besuchs – aber ich war doch überrascht, dass wir direkt so herzlich miteinander sind. Aber Gemeinschaft und Nähe sind für Marius beim Ecstatic Dance einfach wichtig:

"Die Leute die hier herkommen, haben die Möglichkeit, bewusst miteinander in Kontakt zu treten. Das ist ein bisschen anders als im Club zum Beispiel. Und ich will auch das im Club Feiern gar nicht schlecht reden. Aber das hat den feinen Unterschied dass man hier nüchtern ist und damit hat man ganz andere Möglichkeiten miteinander in Kontakt zu treten, sich auszutauschen. Und dieser Vibe, der erzeugt einfach ein Zugehörigkeitsgefühl und dieses Gemeinschaftsgefühl ist auch ein Grund dafür, dass die Leute so glücklich sind bei dieser ganzen Geschichte."

Marietta Schwarz: Also das Gegenteil von Vereinzelung, wie man sie normalerweise von der Tanzfläche im Club kennt…

Christoph Schäfer: So habe ich es auch empfunden. Und was es damit auf sich hat, dazu habe ich auch rumgefragt – nicht auf der Tanzfläche, weil dort ist miteinander reden verboten – sondern im Vorraum, wo die Menschen miteinander entspannen: bei Tee, Wasser oder Kakao. Und ein Partygast meinte zur mir:

"Also, ich glaube, wenn man das allererste Mal hier ist, dann kann das auch auf einen wirken: hier das rote Licht und irgendwie alle sind kontaktfreudig. Aber trotzdem: es überschreitet nicht irgendwie so einen gewissen Grad an Esoterik, sondern ich finde, es hat hier noch für mich ein gesundes Maß: hier wird nicht die ganze Zeit irgendeine Spiritualität heraufbeschworen oder kosmische Kräfte, sondern das ist einfach so."

Die Gäste sind zwischen 20 und 60 Jahre alt

Marietta Schwarz: Also insgesamt eine sehr entspannte Atmosphäre. Dazu hat wahrscheinlich auch die Musik beigetragen…

Christoph Schäfer: Die Musik ist schon sehr unterschiedlich: Denn es geht um sogenannte Waves. Also die DJs legen zuerst ruhige Musik auf – wie wir sie eben gehört haben. Die Menschen sitzen oder liegen dann anfangs auf dem Boden. Die sind alle zwischen Anfang 20 und knapp 60 Jahre alt, die einen waren so angezogen, als ob sie direkt von der Arbeit oder von der Uni kämen, andere waren in sportlicher Tanzkleidung, wieder andere hatten Rastalocken, manche hatten gar keine Haare. Und auch an Männern und Frauen fand ich es sehr ausgewogen.

(Deutschlandradio / Christoph Schaefer)"Niemand starrt auf sein Smartphone" - Ecstatic Dance ist eine Möglichkeit, wieder Kontakt zum eigenen Selbst herzustellen. (Deutschlandradio / Christoph Schaefer)

Marietta Schwarz: Und das Ganze ist auf Steigerung angelegt?

Christoph Schäfer: Genau – der DJ spielt immer mehr Beats, das Tempo erhöht sich – bis hin zum Dub Step oder zum Techno. Und der DJ soll dann mit diesen Waves das Publikum in eine Ekstase führen können.

Irgendwann wird die Musik dann auch entschleunigt, alle werden ruhiger, entspannen und sind wieder auf dem Boden. Bei dieser Veranstaltung gestern war es so, dass das auch mit Live-Musik geschah – das nennt man den Live Chillout.

Marietta Schwarz: Und wie sieht das aus?

Alle tanzen barfuss oder auf Socken. Niemand starrt auf sein Smartphone. Das alles gehört zum Regelwerk der Ecstatic Dance Party. Und mir ist auch aufgefallen, dass viele unterschiedlich tanzen: die einen bleiben in sanften Bewegungen, die anderen tänzeln zwischen den Partygästen herum, andere bewegen sich sehr sportlich. Viele bleiben für sich, manche tanzen zusammen.

Marietta Schwarz: Wie hat sich eigentlich die Ekstase gezeigt?

Christoph Schäfer: Die Menschen haben wild getanzt. Als es später auch heißer wurde im Raum, alle geschwitzt haben, haben sich Männer und Frauen die T-Shirts ausgezogen, manche hatten auch nur noch eine Boxershorts an. Wie ekstatisch die Menschen innerlich waren, das kann ich nicht beantworten. Ich habe aber schon gemerkt, dass sie sich immer noch gegenseitig zugelächelt haben, also mental noch bei sich waren, vermute ich.

Einen Glücksmoment erleben

Marietta Schwarz: Der freie, entgrenzte Tanz – ist auch etwas, das sich nicht jeder zutraut. Scham und so. Geht es um eine neue Körpererfahrung?

Christoph Schäfer: Das habe ich so manche gefragt:

- Tanzen, einfach freier Tanz, deshalb bin ich hier.
- Ich bin hier, um mal los zu lassen von meinem Alltag und mal richtig schön tanzen zu gehen.
- Also, es ist eine vollkommende Ekstase möglich und das ganze ohne Drogen.

Ekstase finde ich jetzt ein bisschen hoch gegriffen, aber mich berauschen oder beglücken für einen Moment – ja. Aber für mich, ganz für mich alleine. Und vielleicht, wenn es passt, auch mit jemand anderem in Kontakt zu kommen.

Marietta Schwarz: Wie viele waren da?

Christoph Schäfer: Etwa zwei Stunden nach dem Start sollen so 140 Menschen da gewesen sein – das habe ich an der Kasse erfahren.

Marietta Schwarz: Woher kommt eigentlich der Ecstatic Dance?

Christoph Schäfer: Der Ecstatic Dance von den Partys geht auf einen Tanz oder eine Bewegung-Meditation aus den 1970er Jahren zurück. Bei dem tanzt man sozusagen auch in verschiedenen Stadien von sanft bis wild. Und im Jahr 2000, 2001 in Hawaii ist dann der Ecstatic Dance, wie ich ihn gestern erlebt habe entstanden. Für den hat ein gewisser Mark Fathlom halt diesen bewussten Tanz mit elektronischer Musik von DJs kombiniert.

In Jeans ist ecstatic dance gar nicht so einfach

Marietta Schwarz: Also Ecstatic Dance gibt es schon länger und ist gar nicht so neu?

Christoph Schäfer: In Berlin gibt es den Tanz schon seit etwa acht Jahren – die Partyreihe von gestern etwa zweieinhalb Jahre. Und warum Ecstatic Dance gerade zum Trend avanciert, das habe ich gestern auch Marius gefragt, den Mitorganisator der Party:

"Das ist eine Sache, die Menschen berührt. Das ist ein lang vermisstes Bedürfnis: Zu Musik authentisch zu tanzen ohne sich wegzubraten. Deshalb nennen wir es auch modernes, urbanes Tanzritual, wenn man so möchte."

Marietta Schwarz: Und dieses Tanzritual ist dann an gehetzte Großstadt-Menschen addressiert?

Christoph Schäfer: Marius hat mir erzählt, dass eigentlich alle willkommen sind, die sich an einer friedvollen Stimmung beteiligen wollen. Und das seien halt querbeet alle Menschen, aus allen Ecken der Gesellschaft.

Marietta Schwarz: Christoph – wirst du wieder zum Ecstatic Dance gehen?

Christoph Schäfer: Ich habe es versucht – aber geklappt hat es leider nicht. Und das hängt ganz stark von der Kleidung ab, vermute ich: In Jeans ist das ekstatische Tanzen nicht ganz so einfach. Dann doch lieber Jogginghose oder Leggings. 

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