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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.11.2016

Ecodesign 2016Preis für nachhaltiges Design

Werner Aisslinger im Gespräch mit Nana Brink

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Der Designer Werner Aisslinger (Jens Gyarmaty)
Der Designer Werner Aisslinger (Jens Gyarmaty)

Mit dem Bundespreis Ecodesign soll Design gefördert werden, das nicht nur schön, sondern auch nachhaltig ist. Dabei müsse man auch den Produktionsprozess beachten, mahnt Designer und Jury-Mitglied Werner Aisslinger.

Am Montagabend verleiht Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) den Bundespreis Ecodesign. Damit soll Design gefördert werden, das nicht nur schön, sondern auch nachhaltig ist. In der Jury sitzt auch der Designer Werner Aisslinger, der unter anderem die Innenausstattung des "Hotel Bikini" in Berlin gestaltet hat.

Nachhaltigkeit ist für Aisslinger ein wichtiges Thema. Allerdings sei es schwierig, Nachhaltigkeit in Design umzusetzen, sagte er im Deutschlandradio Kultur: "Das ist nicht immer nur das Produkt, das jetzt anders aussieht." Sondern es gehe dabei auch um den Produktionsprozess.

"Wenn man natürlich jetzt ein Designobjekt macht, wo die Teile, die Bauteile aus der ganzen Welt kommen und eigentlich Zehntausende von Kilometern erstmal hinter sich haben, bevor sie sozusagen in Europa zusammengebaut werden zu dem finalen Produkt. Das versucht man natürlich dann auch zu vermeiden."

Insofern sei es eine "schwere Gratwanderung", als Designer Nachhaltigkeit durchzusetzen. "Oft kommen natürlich dann Kompromisse raus."

Broiler aus Insektenmasse

Dennoch hat Werner Aisslinger in seinen fünf Jahren als Jury-Mitglied beim Ecodesign-Preis viele interessante Produktideen kennengelernt. Sein persönliches Highlight: der Broiler aus Insektenmasse.

"Die Idee ist ja sozusagen, dass man die Welternährungsprobleme nur lösen kann, wenn in Zukunft Insekten gegessen werden, das ist glaube ich faktisch so, aber Insekten sehen natürlich nicht so schön aus. Also, man muss sie praktisch neu verpacken", so Aisslinger. Also habe eine junge Designerin die Insekten zu einer Art Teig eingestampft. 

"Und hat dann wiederum im 3D-Drucker, der sozusagen mit dieser Masse gefüllt wurde, in dem Fall einen Hasen oder ein halbes Hühnchen wieder ausgedruckt, damit praktisch der Essende oder der Consumer wieder was sozusagen an die Hand kriegt, das er schon kennt und wo er keine Angst vor hat."


Das Interview im Wortlaut:

Nana Brink: Stimmt die Verpackung, wird auch das Produkt besser angenommen. Diese Binsenweisheit wird ja in unserer Diskussion um Nachhaltigkeit bisweilen gerne vergessen, denn gerade Designer könnten unser Konsumverhalten und unseren Lebensstil doch maßgeblich beeinflussen – eben genau in Richtung Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit. Seit ein paar Jahren nun wird der Preis Ecodesign vergeben, gestiftet vom Bundesumweltministerium, und heute Abend ist es wieder soweit. Im Rennen sind ganz unterschiedliche Produkte, wie zum Beispiel eine Brille aus dem 3-D-Drucker, das Müllsammelschiff "Seekuh", ein Kiezkaufhaus oder Mode aus biologisch abbaubaren Materialien. Und in der Jury sitzt auch Werner Aisslinger, Designer des Jahres 2014 – von ihm stammt zum Beispiel die Innengestaltung des Berliner 25-hours-Bikini-Hotels, die Bar ist ja ein absoluter Publikumsmagnet. Ich grüße Sie, Herr Aisslinger!

Werner Aisslinger: Ja, hallo, guten Tag!

Brink: Ich hab nun genannt ein paar Stücke, die im Rennen sind um den Preis Ecodesign, was sind denn Ihre Highlights?

Aisslinger: Ich bin ja seit mehreren Jahren in der Jury, es ist immer unterschiedlich, in welchem Jahr man sich befindet. Es gibt manche Jahre, wo man gute, interessante Projekte hat, die aber vielleicht jetzt nicht über die Maßen wahnsinnig außergewöhnlich sind. Ich hab vielleicht dieses Jahr diese, will mal sagen, exzeptionellen Arbeiten oder Einreichungen vermisst, aber ich glaube, die drei Produkte, die Sie ansprachen, das sind auch Projekte gewesen oder Produkte, die eigentlich solche großen Themen auch vorgeben.

Ein Preis für Nachwuchs und Industrie

In der Mode wird sehr viel gemacht, auch sozusagen mit neuen Materialien oder Hybridmaterialien, neu und alt und Wiederverwertung und Aufwertung und Upcycling, und dann gibt es natürlich so etwas wie dieses Sammelboot, das sozusagen auf den Weltmeeren den ganzen Plastikschrott einsammelt. Das sind natürlich reale Probleme, und das jetzt auch technisch anzugehen, das ist natürlich immer ein relevantes Thema.

Brink: Zumindest der Name "Seekuh", Müllsammelschiff "Seekuh", das ist ja schon mal ein sehr origineller. Das Letzte, was Sie auch genannt haben, die Mode aus biologisch abbaubaren Materialien und noch andere Projekte in diesem Bereich, das ist von Studenten. Das fand ich ganz interessant, Sie haben Studenten und Unternehmer eingeladen, sich daran zu beteiligen. Warum?

Aisslinger: Es geht natürlich darum, dass man diese Thematik beim Nachwuchs, also bei den Studierenden und auch bei den Jungdesignern gerade gegründeter Büros verortet und auch forciert, was bearbeitet wird, und natürlich sollte er aber auch kein Preis sein, der sich nur um den Nachwuchs, um die Studenten kümmert, sondern es soll ja auch ein Preis sein für die Industrie. Das ist auch das Schöne an so einer Jury, dass man sozusagen von der konzeptionellen, utopistischen Studentenarbeit bis zum, sagen wir mal, Hardcore-Industrieprodukt, was eben was verbessern kann, das ist das Spektrum, da ist eigentlich alles dabei.

In Deutschland Nachhaltigkeit "fast religiös betrieben"

Brink: Sitzen Sie deshalb drin, in der Jury, weil auch Nachhaltigkeit so Ihr ganz großes Thema ist?

Aisslinger: Ja, also so eines meiner Themen, ich glaube, das ist so ein bisschen natürlich auch so ein nordeuropäisches Thema. Würden wir jetzt in Spanien telefonieren oder in Italien, da wird meiner Meinung nach Nachhaltigkeit als eine Modeerscheinung gesehen. Das passt auch sehr zu Deutschland, wo das, finde ich, fast schon religiös betrieben wird.

Brink: Da müssten Sie es eigentlich ganz einfach haben, auch bei Ihren Produkten das Thema irgendwie durchzusetzen. Ich weiß, das ist jetzt eine echt schwierige Frage, aber mich interessiert es trotzdem: Wie setzen Sie denn das Thema in Design um?

Aisslinger: Ja, im Design ist es natürlich so, dass das schon schwierig ist. Im Design spielt halt auch viel das Thema rein, wie sind die Prozesse, Zuliefererprozesse, wie kann man eben auch Arbeitsschritte, sagen wir mal, ökologisieren und ökonomisieren. Das ist nicht immer oft nur das Produkt, das jetzt anders aussieht. Wenn man natürlich jetzt einen Designobjekt macht, wo die Teile, also die Bauteile aus der ganzen Welt kommen und eigentlich irgendwie Zehntausende von Kilometern erst mal hinter sich haben, bevor sie sozusagen in Europa zusammengebaut werden zu dem finalen Produkt, das versucht man natürlich dann auch zu vermeiden, dass man sagt, Local Sourcing, dass man eben die Bestandteile aus dem Umfeld sourct.

Also, das ist schon eine schwerere Gratwanderung, dass man nachhaltige Produkte jetzt als Designer so durchsetzen kann, wie man es gerne wollte. Oft kommen natürlich dann Kompromisse raus, aber das ist in der angewandten Kunst sozusagen, in der man sich als Designer bewegt, sowieso immer so. Man macht nicht, was man will, wie ein Künstler, sondern man macht eigentlich das, was im Pingpong-Spiel der Produktentwicklung über ein, zwei, drei Jahre – so lange dauert der Entwicklungsprozess meistens mit den Herstellern … Das, was da rauskommt, ist dann auch oft ein Kompromiss. Es muss kein schlechter sein, kann auch ein guter sein, aber es ist auf jeden Fall nicht einfach, das immer durchzusetzen.

Günther Bonin, Vorsitzender des Umweltschutz-Vereins "One Earth - One Ocean", steht auf einer Werft in Lübeck neben dem Rohbau eines Rumpfes für das Müllsammelschiff "Seekuh". (picture alliance / dpa / Christian Charisius)Günther Bonin, Vorsitzender des Umweltschutz-Vereins "One Earth - One Ocean", steht auf einer Werft in Lübeck neben dem Rohbau eines Rumpfes für das Müllsammelschiff "Seekuh". (picture alliance / dpa / Christian Charisius)

Brink: Aber dann ist sozusagen wie das Hotel, was ich genannt habe, was ja wirklich ein Publikumsmagnet ist in Berlin, das 25hours Bikini, das ist dann so ein Kompromiss?

Aisslinger: In den Hotel war das nicht jetzt die Aufgabe zu sagen, machen Sie mal das nachhaltigste Hotel der Welt oder das ökologischste Hotel, das ist so ein Mischmasch aus vielen Stilrichtungen und vielen Denkrichtungen, und Nachhaltigkeit und Ökologie ist eben auch dabei.

Insektenpüree aus dem 3D-Drucker

Brink: Nun sind wir ja dann schon gespannt, was heute Abend dann wirklich prämiert wird, was den Ecodesign bekommt. Sie sitzen ja schon, wie Sie gesagt haben, länger in der Jury. Was war denn das tollste Produkt in den letzten Jahren, was, wo Sie sagen, das hat mich echt am meisten überzeugt und das hat es auch auf den Markt geschafft?

Aisslinger: Da hat eine junge Designerin einen 3-D-Drucker entwickelt, der sozusagen aus Biomasse, die man wiederum aus Insekten gewinnt – das hieß "Der falsche Hase" … Die Idee ist ja sozusagen, dass man die Welternährungsprobleme nur lösen kann, wenn in Zukunft Insekten gegessen werden. Das ist, glaube ich, faktisch so, aber Insekten sehen natürlich nicht so schön aus, also man muss sie praktisch neu verpacken. Und die Dame hat praktisch so eine Masse eingestampft, zu so einem Art Teig, die Insekten, und hat dann wiederum im 3-D-Drucker, der sozusagen mit dieser Masse gefüllt wurde, in dem Fall einen Hasen oder so ein halbes Hühnchen wieder ausgedruckt, damit praktisch der, der das essen würde, der Consumer, wieder was an die Hand kriegt, das er schon kennt und wo er keine Angst vor hat. Und das fand ich eigentlich ein super Projekt, wo man eben das Nützliche mit so einer Art Hightech-Verarbeitungsmethode, also in 3-D gedruckt, wiederum auch so anwendet, dass man sagt, das könnte dann auch funktionieren, weil die Leute das akzeptieren und absorbieren.

Pinakothek der Moderne in München (imago / Westend61)Pinakothek der Moderne in München (imago / Westend61)

Brink: Ich muss mir ehrlich gesagt vorstellen, wie die Heuschreckenmasse dann sozusagen in einer mir angenehmen Form irgendwie zu essen ist. Da muss man wahrscheinlich auch noch ein paar Gedankenleistungen spielen. Apropos Gedankenleistung und das, was Sie sich wünschen würden: Von Ihnen gibt es ja gerade eine Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne, "House of Wonders" heißt es. Haben Sie denn da umsetzen können, was Ihnen wirklich wichtig ist?

Aisslinger: Das ist ja so eine Art Rundumschlag, diese Ausstellung, wo es darum geht, wie man in Zukunft wohnen oder arbeiten würde, und da gibt es auch Upcycling – wir stellen da so eine Autohülle aus. Wenn man alle drei Jahre ein neues Hybridauto kauft, ist die Ökobilanz nach 30 Jahren natürlich schlechter oder der CO2-Footprint, wie wenn jemand 30 Jahre lang irgendein altes Auto ewig fährt. Das wird natürlich von der Industrie nicht so gesehen oder das wird natürlich auch nicht besprochen, aber es ist natürlich faktisch so, dass die Umweltbelastung bei der Produktion maximal ist. Und deswegen ist meine... oder jetzt auch in der Ausstellung, da gibt es eben diese schwebende Autohülle, wo man sagt, wenn jeder in der Garage sozusagen so eine Art Kleidungsstück für sein Auto hätte und würde das Auto öfters umdekorieren, dann würde es ihm nicht so langweilig werden, dann würden die Lebenszyklen praktisch verlängert werden. Jeder würde begeistert sein Auto länger fahren, weil er es eben öfters mal anders anzieht – natürlich ein bisschen ironisch gemeint –, und dadurch würde man sozusagen die Autos länger auf den Straßen halten und der CO2-Footprint wäre auf dem Long-Run besser.

Wenn die Drohne die Wäsche aufhängt

Aber wir zeigen da natürlich vor allem auch dieses analoge Leben versus digitale Errungenschaften, und es gibt auch eine Drohne, die beim Wäscheaufhängen hilft – der Roboter hat so ein Westchen an, also so ein Strickwestchen. Dann wären das nette Haustiere, diese technologischen Errungenschaften, und machen eben irgendwas, was sonst wir machen würden an Hausarbeit. Aber man bewundert Technik nicht und man integriert sie eben relativ lässig in den Alltag, das spielt da auch ein bisschen mit. Es ist auf jeden Fall, glaube ich, interessant, so eine Welt zu erleben.

Brink: Wie gesagt: Stimmt die Verpackung, wird auch das Produkt besser angenommen. Herzlichen Dank, Werner Aisslinger, Jurymitglied des Ecodesign-Preises! Der wird heute Abend verliehen, und die Ausstellung "House of Wonders" ist noch bis Ende September 2017 in der Münchner Pinakothek der Moderne zu sehen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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