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Interview | Beitrag vom 22.05.2020

Echte ReisekrankheitenHerzrasen, Schwindel, Übelkeit - und dann auch noch die Nerven

Rainer Erlinger im Gespräch mit Dieter Kassel

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Stadtansicht von Paris bei Nacht - das Foto zeigt den Ausblick vom Triumphbogen Arc de Triomphe. (picture alliance / imageBROKER / Andre Kohls)
Sehnsuchtsort Paris: Ausblick vom Triumphbogen Arc de Triomphe. (picture alliance / imageBROKER / Andre Kohls)

Derzeit reist kaum jemand. Das führt dazu, dass wir die Schattenseiten des Reisens vergessen. Reisekrank kann man durch das Schlingern eines Schiffes werden - aber auch durch große Kunst. Der Publizist Rainer Erlinger über drei besondere Syndrome.

Es war eine Psych​ia​te​rin, die an einem Kran​ken​haus in Flo​renz Erstaunliches beobachtete. Immer wie​der kamen Tou​ris​ten in die Kli​nik, die von der Stadt, ihrem Flair und ihren Kunstschätzen so überwältigt waren, dass es ihnen überhaupt nicht gut ging: Herz​rasen, Schwit​zen, Schwin​del, Pa​nik​at​ta​cken, Hal​lu​zina​tio​nen.

Die Psychiaterin habe dann solche Fälle gesammelt und festgestellt, dass schon der Schriftsteller Stendhal 1911 ein ähnliches Phänomen nach dem Besuch einer Kirche in Florenz beschrieben hatte, berichtet der Publizist Rainer Erlinger.

Von der Schönheit der Kirche überwältigt

Stendhal sei von der Schönheit des Gotteshauses so überwältigt worden, dass er fürchtete, ohnmächtig zu werden und sich hinsetzen musste. Die Psychiaterin habe das Krank​heits​bild deswegen dann "Stendhal-Syn​drom" getauft.

Für Erlinger ist das Syndrom eine echte Reisekrankheit - weil hier das Unwohlsein dadurch entstehe, "dass man etwas Neues erlebt". Die oft als Reisekrankheit gehandelte Kinetose - wenn einem zum Beispiel durch das Schlingern eines Schiffes schlecht wird - ist für ihn mehr eine "Bewegungskrankheit".

Berühmte echte Reisekrankheiten sind auch das Jerusalem- und das Paris-Syndrom. Gläubige Reisende seien in Jerusalem plötzlich am Ziel all ihrer Träume, im Zentrum ihres Glaubens, sagt Erlinger - und entwickelten daraufhin Wahnvorstellungen, hielten sich beispielsweise für Heilige. Sie hätten schwerste Symptome - mit fatalen Folgen. Man vermute, dass einige der Touristen, die im Heiligen Land verschollen sind, im Wahn in die Wüste gegangen seien.

Paris im Schatten von überhöhten Erwartungen

Das Paris-Syn​drom wiederum verursacht bei Kranken keine Allmachtsfantasien, sondern Angst​zu​stän​de oder Ver​fol​gungs​wahn. Und Auslöser sind auch keine positiven Eindrücke, sondern maßlose Enttäuschung. Es treffe vor allem japanische Touristen, so Erlinger - die japanische Botschaft in Paris spreche von einigen Dutzend Fällen im Jahr.

Das romantische Bild von Paris sei in Japan extrem überhöht - und trifft dann auf die Realität einer Großstadt, in der sich Japaner oft auch noch extrem unhöflich behandelt fühlten. Erneut auch hier: Schwindel und Herzrasen, der Kranke schließe sich dann im Hotelzimmer ein.

Erlinger kann das alles gut nachvollziehen. Zwar sei er noch nicht an einem dieser Syndrome erkrankt - Symptome habe er aber auch schon selbst gespürt. Dass man von der "Gewalt, der künstlerischen Kraft" eines großen Kunstwerks oder eines Ortes fast überwältigt werde - das kenne er auch.

(ahe)

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