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Studio 9 | Beitrag vom 09.08.2014

Ecclestones FreikaufWie sich der Staatshaushalt sanieren lässt

Formel-1-Boss Bernie Ecclestone kauft sich mit 100 Millionen Dollar frei

Von Klaus Nothnagel

Formel-1-Chef Bernie Ecclestone im Landgericht München. (dpa/Sven Hoppe)
Das Münchener Landgericht stellt den Prozess gegen Bernie Ecclestone ein - gegen Zahlung von 100 Millionen Dollar. (dpa/Sven Hoppe)

100 Millionen Dollar zahlt Formel-1-Mogul Bernie Ecclestone, damit seine Anklage wegen Bestechung fallen gelassen wird. Während manche diesen Deal als "staatlichen Ablasshandel" bezeichnen, sieht unser Autor Klaus Nothnagel eher die positiven Seiten.

Dieser kleine, meist mürrische Kerl, an dem selbst feine Maßanzüge wie C&A-Kutten aussehen, dieses leicht spackige Männlein mit merkwürdiger Haarfarbe, immer hinterm Geld und hinter Frauen her. Nein, ich meine nicht Gerhard Schröder- von Bernie Ecclestone ist die Rede, dem Formel-1-Herrscher, der wegen Bestechung angeklagt war und sich für 75 Millionen Euro freikaufen durfte.

Die Beweislage war nicht so, dass man ihn hätte verknacken können, wohl aber hätte das bayerische Gericht den Prozess noch bis Oktober in die Länge ziehen können; also beschloss Ecclestone flotterhand, seine Portokasse leerzukratzen:
75 Millionen Euro - ein echtes Schnäppchen, verglichen mit Börnies 750 Millionen Euro teurer Scheidung 2009!

Zeit für eine Bernisierung der Justiz

Es ist Zeit für eine Bernisierung der deutschen Justiz. Hoeneß zum Beispiel, der einsitzende Ulligarch! Hätte er auf die Selbstanzeige verzichtet, die Anklage abgewartet, dann mit vollen Händen Nebelkerzen geworfen und schließlich bei undurchschaubarer Beweislage eine Freikäufnis für, sagen wir, 70 Millionen Euro ausgehandelt: tadellos!

Es muss doch möglich sein, dass ein Reicher, der "a Fehler gmocht hat" (wie Franz Beckenbauer sagte), anschließend nicht gleich in den Knast muss, sondern in Freiheit "die Scharse" hat (wieder Beckenbauer), weitere Fehler zu machen und so der Staatskasse weitere Millionen einzubringen!

Von der Ecclestone-Summe kann der Freistaat Bayern, so rechnet eine deutsche Zeitung vor, 2700 Streifenwagen, drei Kilometer ICE-Trasse, acht U-Bahn-Züge, sieben neue Grundschulen oder 2500 Erzieherinnen kaufen - wobei Erzieherinnen in Bayern nicht gar so dringend gebraucht werden, wegen der Herdprämie.

800 neue Streifenwagen für Bayern

Was ist jetzt mit Christine Haderthauer, der deutschen Südstaaten-Politikerin? Wenn man jahrelang schicke kleine Automodelle von psychisch kranken Straftätern bauen lässt, fallen da ja so minimale Arbeitslöhne an, dass man heute ohne Probleme 10, 20 Millionen übrig haben sollte, um die Affäre vorgerichtlich zu ersticken. Oder, anders gesagt: nochmal 800 neue Streifenwagen für Bayern.

Und nun nehmen wir die deutsche Gesamt-Staatsverschuldung, 2147 Milliarden. Man würde 42.940 Reiche brauchen, die jeweils 50 Millionen abdrücken, und der Schuldenberg wäre endlich abgetragen.

Wenn wir die Sache mal auf 10 Jahre abschreiben, müssten jedes Jahr rund 4200 Reiche den Standard-Obolus von 50 Millionen Euro in die Freikaufskasse zahlen. Hm. Das zieht sich doch ziemlich hin. Sieht ganz so aus, als wäre es klüger gewesen, bei Bernie Ecclestone gleich das Doppelte abzugreifen.

Mehr zum Thema

Fall Ecclestone - "Das ist ein Offenbarungseid der Justiz" (Deutschlandfunk, Interview, 06.08.2014)
Der Fall Bernie Ecclestone - "Das ist kein Ablasshandel" (Deutschlandfunk, Interview, 06.08.2014)
Fall Ecclestone - "Unser Rechtssystem ist überfordert" (Deutschlandfunk, Interview, 06.08.2014)

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