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Interview / Archiv | Beitrag vom 06.01.2015

EbolaVorbehalte gegen Impfungen abbauen

Ethnologe Hansjörg Dilger im Gespräch mit Nana Brink

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Ein afrikanischer Arzt in Schutzanzug verabreicht einem anderen Mann eine Spritze. (picture alliance / dpa / Alex Duval Smith)
Zentral für mögliche Impf-Kampagnen ist es, die Schlüsselakteure vor Ort zu überzeugen, sagt der Ethnologe Hansjörg Dilger. (picture alliance / dpa / Alex Duval Smith)

Die Ängste vor Impfungen sind in vielen afrikanischen Ländern groß. Trotzdem könnte sich die Bevölkerung in Westafrika für eine mögliche Ebola-Impfung gewinnen lassen, glaubt der Ethnologe Hansjörg Dilger. Man müsse es nur richtig angehen.

Impfen steht in Afrika nicht hoch im Kurs - Ängste, Gerüchte, aber auch schlecht funktionierende Gesundheitssysteme sind dafür der Grund. Trotzdem könnte ein Impfstoff gegen Ebola wohl erfolgreich eingesetzt werden, glaubt Hansjörg Dilger, Professor für Sozial- und Kulturanthropologie am Institut für Ethnologie der Freien Universität Berlin.

Er sei zuversichtlich, dass ein möglicher Impfstoff sinnvoll eingesetzt werden könne, so Dilger im Deutschlandradio Kultur. Die Menschen hätten inzwischen die Erfahrung gemacht, „dass viele Angehörige gestorben sind, dass die Epidemie massiv in ihren Alltag eingegriffen hat". Zentral für eine mögliche Kampagne sei, sich anzusehen, welche Erfolge man bei der Bekämpfung der Seuche erzielt habe, wann die Menschen für Maßnahmen hätten gewonnen werden können, aber auch wann diese für Ablehnung gesorgt hätten. Werde all dies berücksichtigt, ließe sich ein Impfstoff erfolgreich anwenden.

Misstrauen und eine Abwehrhaltung

Die Vorbehalte gegen das Impfen in vielen afrikanischen Ländern hätten nicht nur kulturelle Wurzeln, so Dilger. Ausschlaggebend sei auch die Frage, wie zuverlässig die einzelnen Gesundheitssysteme funktionierten. „Da sieht man eben, dass in den letzten Jahren oder Jahrzehnten diese Gesundheitssysteme einfach nicht stabil aufgebaut worden sind, also, dass sie im Prinzip eine Basisversorgung liefern, aber auch dies nicht immer zureichend." Die Erfahrung, dass ihr Staat nicht richtig für sie sorgen könne, rufe bei vielen Menschen Misstrauen und eine Abwehrhaltung hervor, die dann „auch auf internationale Interventionen umschlägt".

Wichtig für eine mögliche Impf-Kampagne sei auch, die Schlüsselakteure vor Ort zu gewinnen. Dies seien nicht nur die Väter, sondern auch Frauen, Mütter und Großmütter. Hinzu kämen religiöse Führer oder Mitarbeiter von lokalen Nicht-Regierungs-Organisationen, die die Sprache der Menschen sprächen, vor allem aber das Vertrauen der Bevölkerung genössen – damit sie, wenn sie vermittelten, warum die Impfung so wichtig sei, „tatsächlich auch gehört werden".


Das Interview im Wortlaut:

Nana Brink: Die Ebola-Seuche ist bei Weitem nicht unter Kontrolle, bloß, weil wir weniger hören aus Afrika, weil die Infektionszahlen gesenkt werden konnten und weil ein Staat wie Liberia meldet, er sei Ebola-frei. Immerhin, die Weltgesundheitsorganisation hat jetzt berichtet, dass die Zahl der Toten auf über 8.000 gestiegen ist, und jeder, der sich mit der Seuche beschäftigt, weiß, wie schnell sie wieder ausbrechen kann, wie gefährdet die Helfer sind.

Gerade wurde wieder eine indische Krankenschwester, die sich in Sierra Leone infiziert hatte, nach London ausgeflogen. Und es gibt kein Impfmittel gegen diese Krankheit, noch nicht. Die Forschung arbeitet ja fieberhaft daran. Impfung wäre ein großer Fortschritt, so sehen wir das, denn neun von zehn Ebola-Infizierten sterben nach den jüngsten Statistiken. Aber in vielen von Ebola betroffenen Gebieten in Afrika gibt es Ängste, die wir nur sehr schwer verstehen können.

Hansjörg Dilger ist Professor für Sozial- und Kulturanthropologie an der Freien Universität Berlin und beschäftigt sich vor allem mit dem östlichen und südlichen Afrika.

Guten Morgen, Herr Dilger!

Hansjörg Dilger: Guten Morgen, Frau Brink!

Brink: Welche Vorbehalte gibt es denn gegen eine Impfung?

Pharmainteressen und Impfkampagnen

Dilger: Vorbehalte sind unterschiedliche. Gerade in verschiedenen westafrikanischen Ländern kennt man das von Impfungen gegen Kinderlähmung eigentlich sehr gut, dass zum Beispiel Gerüchte entstehen, dass diese Impfungen eingesetzt werden, um junge Frauen zu sterilisieren, dass sie also nicht das eigentliche Ziel haben, Kinder zu schützen, sondern dass diese eigentlich unfruchtbar gemacht werden.

Daher kommt es immer wieder zu diesen Gerüchten. Das kennt man über die ganze Region hinaus. Es ist aber eigentlich auch gar nicht so unähnlich zu den Sorgen oder Ängsten, die man auch aus diesem hiesigen Kontext kennt, aus dem Kontext Deutschland also, wenn Impfungen eigentlich auch unter die Bevölkerung gebracht werden sollen. Also die Impfkritiker sind ja sehr bekannt, die zum Beispiel sich Sorgen gemacht haben auch bei der Schweinegrippe 2009/10: Sind das eigentlich Pharmainteressen, die da dahinterstecken, hinter solchen Impfkampagnen, Pharmafirmen, die dann auch Einfluss auf die Politik nehmen, und nicht sozusagen so sehr die Sorge um die Bevölkerung oder das gesundheitliche Wohlergehen?

Also Gerüchte begleiten eigentlich alle Impfungen weltweit, man kennt das. Gerüchte werden aufkommen, Sorgen, Ängste. Es ist immer die Frage, welche das dann letztendlich sind und wie man sie also in diesem Moment auch hören und ihnen auch begegnen kann, um die Menschen eben davon zu überzeugen, dass diese Impfungen dann auch sinnvoll sind.

Brink: Aber trotzdem hat das ja in Afrika noch andere kulturelle Wurzeln. Sie haben es ja erwähnt - Kinderlähmung. Woher rührt diese Angst dann, dass man denkt, also da kommt jemand und es ist eine Gefahr für uns?

Misstrauen und Abwehrhaltung

Dilger: Das ist noch mal was Besonderes, was nicht notwendigerweise sehr auch mit den kulturellen Zusammenhängen zu tun hat, sondern auch mit der Frage, wie eben Gesundheitssysteme tatsächlich auch vor Ort funktionieren, also wie zuverlässig sind sie? Und da sieht man eben, dass in den letzten Jahren oder Jahrzehnten diese Gesundheitssysteme einfach nicht stabil aufgebaut worden sind, also dass sie im Prinzip oft eine Basisversorgung zwar liefern, auch dies nicht unbedingt immer zureichend, dass aber eigentlich für alle spezialisierteren Behandlungen oder dann eben auch für größere Impfkampagnen immer internationale Gelder benötigt werden oder auch internationale Intervention in Form eben von Gesundheitspersonal.

Und hier verbindet sich dann eben auch die Erfahrung von Bürgern vor Ort, dass ihr Staat eigentlich nur unzureichend für sie sorgen kann. Und darin ist dann oft auch eben dieses Misstrauen oder diese Abwehrhaltung dann auch begründet, die sich dann auch auf internationale Interventionen umschlägt, die nicht unbedingt eben immer so erfolgreich sind, weil sich damit eben auch genau diese Begegnungen eben verbinden, wo man eben weiß, dass auch internationale Gesundheitssysteme es nicht notwendigerweise eben das sehen, die Sprache sprechen der Menschen vor Ort, nicht auf das eingehen tatsächlich, was die Bedürfnisse der Menschen vor Ort sind.

Brink: Aber da können wir ja schon mal einhaken, denn sollte es wirklich zu einem Impfmittel kommen, was ja bevorsteht - und es wäre ja wichtig, wenn das dann auch eingesetzt wird -, wie kann man das dann hinbekommen? Oder gibt es Beispiele von gelungenen Impfkampagnen, wo man sich was abschauen könnte?

Schlüsselakteure gewinnen

Dilger: Ja, das gibt es durchaus. Also es gibt da einige Erfahrungen, zum Beispiel also in Burkina Faso im Zusammenhang auch mit Impfungen an Kindern, wo man eben gesehen hat: Es ist sehr wichtig natürlich, die entsprechenden Schlüsselakteure dann auch zu gewinnen für diese Impfungen, also die sozusagen zu überzeugen, dass eben diese Impfungen für ihre Kinder notwendig sind. Und da hat man sich zuerst dann oft auch an die Haushaltsvorstände gewandt, die in dem Fall oft als die Väter bezeichnet wurden.

Man hat aber dann gesehen, es ist eigentlich ebenso wichtig, dass man sich dann auch an die Frauen und an die Mütter wendet, an die Großmütter, weil natürlich Haushalte immer auch hierarchisch strukturiert sind, es gibt vielleicht einen offiziellen Haushaltsvorstand, das mögen die Väter sein, aber wer denn in der Praxis tatsächlich eben Einfluss nimmt darauf, ob diese Kinder geimpft werden, das waren dann oft die Mütter oder die Großmütter.

Also es ist wichtig, zu sehen ein Stück weit, wie sind die Strukturen vor Ort, wen muss man ansprechen, welche Schlüsselakteure gewinnen für die konkreten Impfungen, einerseits in Familien, und andererseits auf Gemeindeebenen tatsächlich auch Schlüsselakteure definieren, die dann mit eingesetzt werden, um eben die Menschen vor Ort tatsächlich auch für diese Impfungen zu gewinnen, also religiöse Führer zum Beispiel, Mitarbeiter von lokalen Nichtregierungsorganisationen, die eben da schon lange arbeiten, die auch die Sprache natürlich sprechen vor Ort, die aber vor allem das Vertrauen eben der Leute haben, also wenn sie diesen dann auch vermitteln, warum sind diese Impfungen eben so notwendig, dass sie tatsächlich auch gehört werden.

Brink: Sollte es jetzt nun zu diesem Impfmittel kommen - haben Sie begründete Zuversicht, dass das dann auch sinnvoll eingesetzt werden kann?

Dilger: Ja, also ich denke eigentlich schon, weil natürlich die Menschen ja auch jetzt die Erfahrung haben, dass eben viele Angehörige gestorben sind, dass diese Epidemie massiv tatsächlich auch in ihren Alltag eingegriffen hat. Also das Wichtige, denke ich, was sich damit verbindet, ist eben, dass man ein Stück weit auch anschaut, welche Erfahrungen hat man in der Ebola-Epidemie gemacht, welche Maßnahmen oder wie konnten Maßnahmen teilweise erfolgreich umgesetzt werden, wann konnten Leute gewonnen werden, und an welchen Stellen hatten sie eben auch Vorbehalte oder waren sie ablehnend, dass man ein Stück weit aus diesen Erfahrungen lernt und sie dann eben für diese Impfkampagnen auch mit einsetzt. Ich denke schon, dass dann diese Impfungen auch erfolgreich eingesetzt werden können.

Brink: Hansjörg Dilger, Professor für Sozial- und Kulturanthropologie an der Universität in Berlin. Danke, Herr Dilger, für das Gespräch!

Dilger: Danke, Frau Brink!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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