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Zeitfragen | Beitrag vom 14.01.2021

E-ZigaretteAusstiegs- oder Einstiegsdroge für Nikotinsüchtige?

Von Christine Westerhaus

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Ein junger Mann exhaliert den Rauch einer E-Zigarette in Frankfurt am Main in Hessen (imago/Ralph Peters)
E-Zigaretten sind hierzulande deutlich strenger reguliert als in den USA. (imago/Ralph Peters)

Jugendliche in den USA, die E-Zigaretten konsumieren, greifen später häufiger zur normalen Zigarette. Diesen Zusammenhang scheint eine neue Studie zu belegen. Doch Suchtexperten meinen: So einfach ist es nicht. Sie haben genauer hingeschaut.

In den USA greifen Jugendliche, die E-Zigaretten konsumieren, im späteren Leben häufiger zur normalen Zigarette. Das zumindest zeigt die gerade veröffentlichte Studie mit fast 16.000 Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die über mehrere Jahre zu ihrem Rauchverhalten befragt wurden.

"Vor allem die Nutzung von E-Zigaretten steigerte das Risiko, später zum täglichen Raucher von Tabakzigaretten zu werden, um das Dreifache", so das Ergebnis der Studie, die im Fachmagazin "Pedriatrics" veröffentlicht wurde.

Reiner Hanewinkel, Leiter des Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung der IFT-Nord GmbH in Kiel, hält diesen Zusammenhang für sehr nachvollziehbar.

"Die Untersuchungsergebnisse dieser amerikanischen Arbeitsgruppe sind sehr plausibel. Und zwar kann man sich drei Übertragungsmechanismen vorstellen, wo man vom ersten Zigarettenkonsum dann nachher auf reguläre Zigaretten umsteigen würde", sagt Reiner Hanewinkel.

"Das ist zunächst einmal die Sucht. Beide enthalten Nikotin. Und Nikotin macht wahnsinnig schnell abhängig. Der zweite Weg ist so was wie die Erfahrung. Die sehen gleich aus, man hat sie in der Hand, man führt sie zum Mund, man inhaliert und das sehr, sehr häufig. Und der dritte Punkt, warum das plausibel ist, ist doch, dass sie die gleichen Vertriebskanäle haben."

E-Zigarette in Deutschland streng reguliert

Die Daten der Studie auf Deutschland zu übertragen, hält Heino Stöver jedoch für nicht gerechtfertigt. Der Direktor des Instituts für Suchtforschung an der "Frankfurt University of Applied Sciences" verweist darauf, dass E-Zigaretten hierzulande deutlich strenger reguliert sind, als in den USA.

"Eine Affinität ist ja darüber schon gegeben, dass Jugendliche überhaupt an einer E-Zigarette ziehen wollen. Das ist ja mal das Erste und wer zieht an einer E-Zigarette? Das machen Jugendliche, die gerne etwas Verbotenes tun, weil sie dürfen ja unter 18 gar keine E-Geräte kaufen, keine Zigaretten kaufen und keine Liquids erwerben und so weiter", sagt Heino Stöver.

"Da ist ja schon mal eine bestimmte Disposition vorhanden, Grenzen zu überschreiten. Und ob diese Jugendlichen, die Grenzen überschreiten, nicht ohnehin irgendwann auch die Grenze zur Verbrennungszigarette überschritten hätten, ist nicht so eindeutig nachzuweisen oder zu belegen oder kausal zu erklären."

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Ähnlich sieht das auch Daniel Kotz, Suchtforscher am "Institut für Allgemeinmedizin" der Heinrich Heine Universität Düsseldorf. Die Untersuchung aus den USA zeige zwar, dass Jugendliche und junge Erwachsene häufiger zu täglichen Tabakraucherinnen und -rauchern werden, wenn sie verschiedene Tabakprodukte oder alternative Tabakprodukte ausprobieren. Sie sei aber kein Beweis dafür, dass E-Zigaretten den Einstieg in die Nikotinsucht anbahnen.

"Es ist sicherlich so, dass vereinzelt Jugendliche und junge Erwachsene zu Tabakrauchern werden mit der E-Zigarette, was sie vielleicht ansonsten nicht geworden wären. Aber das ist bestimmt kein Massenphänomen. Das untersucht die Studie nicht und andere Studien zeigen das eigentlich auch nicht. Wir sehen, diese Theorie ist eigentlich nicht vereinbar mit dem Rückgang an Tabakkonsum bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die wir in verschiedenen Ländern sehen. Auch in Deutschland."

Verbrennungszigarette auf dem Weg, uncool zu werden

Denn das Rauchen ist inzwischen in vielen Ländern Europas geradezu verpönt. Öffentliche Plätze wie Bahnhöfe oder Bushaltestellen sind tabu.

"Parallel dazu muss man sich immer denken, dass wir ja beim Rauchverhalten der 12 bis 17-Jährigen eine sensationelle Entwicklung in den letzten 20 Jahren zu verzeichnen haben. Also die Jugendlichen, die befragt worden sind: 'Haben Sie in der letzten Woche geraucht?', das sind ja nur noch sieben Prozent der Befragten. Und das war vor 20 Jahren das Dreifache. Vor 40 Jahren das Vierfache", sagt Heino Stöver.

Bei den Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren liegt der Anteil der Rauchenden heute bei 6,6 Prozent. Bei jungen Erwachsenen bis 25 Jahren immerhin noch bei fast 25 Prozent.

"Die Verbrennungszigarette zumindest ist absolut auf dem Weg, uncool zu werden und ist kein Phänomen mehr für Erwachsenen-Darstellung oder erwachsen sein wollen."

Inzwischen rauchen meist nur noch Jugendliche aus bildungsfernen Schichten, deren Eltern selber an der Zigarette hängen, sagt Heino Stöver. Für den überwiegenden Teil der Heranwachsenden sind hippe Smartphones heutzutage wichtiger, um sich zur Peergroup zugehörig zu fühlen.

"Ich finde das gar nicht so abwegig, diesen Gedanken, die Zigarette ist absolut störend dabei. Weil doch das Smartphone der verlängerte Arm der Jugendlichen geworden ist und da scheint die Zigarette, das Abaschen, das Anzünden, das Ausdrücken, irgendwie als störend. Aber natürlich hat auch dieser Niedergang der Popularität der Zigarette bei den Jugendlichen auch mit einem wachsenden Gesundheitsbewusstsein zu tun", meint Heino Stöver.

E-Zigaretten harmloser als herkömmliche?

Ob aber E-Zigaretten so viel harmloser sind, als herkömmliche, muss sich erst noch zeigen, gibt Daniel Kotz zu Bedenken. Denn auch E-Zigaretten enthalten Nikotin und viele weitere Stoffe, die erhitzt werden.

"Kritiker der E-Zigarette sagen auch zu Recht, dass wir noch nicht wissen, was die Langzeitfolgen sind des Konsums von E-Zigaretten. Dafür gibt es die noch nicht lange genug auf dem Markt: Das wird auch noch dauern, bis wir die Studien haben, um das genau zu untersuchen. Also sicher ist, denke ich, zweierlei: Einerseits, dass die E-Zigarette wesentlich weniger gefährlich ist, als die Tabak-Zigarette. Ich denke, das kann man schon schlussfolgern aus den Studien, die es bislang gibt. Aber andererseits auch, dass es nicht ganz risikofrei ist."

E-Zigaretten sollten also keinesfalls unterschätzt werden. Doch momentan wüssten Verbraucher in Deutschland nicht, was sie von den Nikotin-Verdampfern halten sollen, kritisiert Daniel Kotz.

"Wichtig ist meiner Meinung nach zunächst, dass es überhaupt eine gute Kommunikationsstrategie gibt zu diesem Produkt. Das sehe ich im Moment in Deutschland noch nicht so, dass darüber wissenschaftlich fundiert, sachlich aufgeklärt wird", sagt er.

"Das wäre der erste Schritt, hier lohnt sich ein Blick nach Großbritannien, wo ganz klar gesagt wird: Ein paar Punkte sind essenziell. Erstens: Das ist überhaupt kein Produkt für Nichtraucher. Also völlig klar, wer nicht raucht, sollte auf keinen Fall zur E-Zigarette greifen. Zweitens: Es ist nicht risikofrei. Und drittens: Es ist aber höchst wahrscheinlich risikoärmer, als die Tabakzigarette und wenn man sie richtig einsetzt, kann sie den Ausstieg doch erheblich erleichtern."

Hilfe für Nikotinsüchtige

Denn die Nikotinsucht hat viele Menschen fest im Griff. So fest, dass es nur die wenigsten schaffen, ohne Ersatzdroge mit dem Rauchen aufzuhören. Wie groß die Not ist, hat Daniel Kotz erfahren, als er einen Impfstoff gegen Nikotin und Tabaksucht in einer klinischen Studie testete.

"Das war so verheißungsvoll, dass wir angerufen worden von Leuten aus dem ganzen Land, die eigentlich darum bettelten, an der Studie teilnehmen zu können. Wir bekamen auch Anrufe und E-Mails von Leuten, die uns Geld geboten haben, um etwas von dem Impfstoff rauszurücken", sagt Daniel Kotz.

"Und das ist so ein bisschen ein Indiz dafür, in was für einer verzweifelten Lage einige Raucher und Raucherinnen sich auch befinden, die wissen, wie schädlich das ist, die wirklich davon loskommen wollen, es einfach nicht schaffen und die wirklich nach Mitteln und Wegen suchen, um endlich von dem Tabakrauchen loszukommen."

Für diese Menschen kann die E-Zigarette möglicherweise eine Hilfe sein. Doch genau als solche sollte sie in der Öffentlichkeit auch wahrgenommen werden: Als weniger schädliche Ausstiegsdroge für Süchtige. Und nicht als Spaßutensil.

Mehr zum Thema

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(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 30.11.2020)

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