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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.08.2015

DVD-Tipp "Olive Kitteridge" Mini-Serie mit Kino-Qualität

Von Michael Meyer

(dpa/ picture-alliance/ Claudio Onorati)
US-Schauspielerin Frances McDormand spielt die Hauptrolle in "Olive Kitteridge". (dpa/ picture-alliance/ Claudio Onorati)

Der US-Bezahlsender HBO hat mit der Romanverfilmung "Olive Kitteridge" einen weiteren Hit gelandet. Die Mini-Serie mit Star-Besetzung ist eine kleine Perle und jetzt auf DVD erschienen.

Eine verwirrt aussehende ältere Frau läuft durch den Herbstwald. Plötzlich bleibt sie stehen. Legt ihre Tasche ab. In einem Handtuch hat sie eine Pistole eingewickelt. Sie breitet das Tuch auf der Erde aus, schaltet das Radio ein, klassische Musik erklingt - daneben deponiert sie einen Abschiedsbrief. "To whom it may concern" - "wen es betrifft" steht auf dem Umschlag. Olive Kitteridge schaut hinauf in die Bäume, in die Vogelnester - und lädt ihre Waffe. Das ist der Spannungsmoment, auf den die Geschichte hinstrebt

Rückblende. 25 Jahre früher. Olive Kitteridge lebt mit ihrem Mann, einem Apotheker und ihrem Sohn in einem kleinen idyllischen Ort an der Küste in Maine. Die Sommer sind hier wunderschön, die Winter bitterkalt. Kalt ist auch das Verhältnis zwischen Olive, einer Mathelehrerin, ihrem Mann und ihrem Sohn. Gleich in der ersten Szene der Rückblende sieht man, wie Henry, ihr Mann, ihr eine Pralinenschachtel zum Valentinstag mitbringt. Olive registriert es zunächst gar nicht, sondern macht stoisch ihren Morgenkaffee.

Olive Kitteridge macht ihren Mitmenschen das Leben zur Hölle

Olive Kitteridge ist eine der wohl interessantesten Rollen für eine Schauspielerin. Was daran so faszinierend ist, ist die Vielschichtigkeit der Olive, glänzend gespielt von Frances McDormand: Sie sucht nach Liebe, macht aber mit herunterhängenden Mundwinkeln, strengem Blick und einer unterschwelligen, manchmal auch offenen Aggression das Leben aller ihr nahe stehenden Menschen zur Hölle. Das ihres Mannes sowieso, aber auch das ihres prä-pubertären Sohnes, den sie für einen Loser hält:

"Er kriegt ne Drei in Englisch."
"Oh!"
"O'Caseys Noten sind ungerecht finde ich, ich schreib' die Aufsätze, ich bin pünktlich und er gibt mir ne Drei?"
"Das klingt tatsächlich nicht richtig."
"Ist es auch nicht, Dad."
"Dein Sohn versteht nicht, was Zwischentöne sind."
"Oh - ehrlich gesagt, kann ich damit auch nichts anfangen."
"O Gott- Henry ..."
"Naja ich meine, wenn sich Christopher mit den Aufsätzen immer solche Mühe gibt ..."
"Ich weiß, was dein Sohn so schreibt, das ist lieblos hingerotzter Mist."
"Das ist doch jetzt sehr harsch, Oli."
"Du hast keine Ahnung - Du bist nicht da! Jim O'Casey kann die Fähigkeiten deines Sohnes besser beurteilen als Du!"

Olives Problem ist eine Art Dauer-Depression. Menschen sind ihr im Grunde zuwider, sie interessiert sich auch nicht wirklich für die emotionalen Nöte ihrer Mitmenschen. Als es auf einem Jagdausflug zu einem tragischen Unfall kommt, und der Freund einer Apotheken-Angestellten ihres Mannes Henry erschossen wird, ist das für Olive nicht mehr als ein Zwischenfall. Selbst beim Essen nach der Beerdigung bleibt Olive gegenüber der Angestellten Denise kalt und herzlos, was für den Zuschauer fast schon komisch wirkt:

"Seine letzten Worte waren so gewöhnlich ... ich meine, warum wollte er über seinen Pflug reden, wenn er wusste, dass es zu Ende geht? Warum hat er nicht gesagt, dass er mich liebt?"
"Wenn Sie Beweise brauchen, dass Sie geliebt wurden, können Sie sich auf ein Leben voller Enttäuschungen gefasst machen!"
"Wirklich, O Gott ... .(hysterisches Lachen) Mrs. Kitteridge Sie haben wahrscheinlich recht ... !"

Olive beweist: Es gibt kein einfaches Leben

Olive selbst vertreibt sich ihre Einsamkeit mit einem Alkoholiker, zu dem sie letztlich aber auch keine befriedigende Beziehung aufbauen kann. Später lernt sie einen einsamen Witwer kennen, gespielt von Bill Murray, zu dem sich mehr Nähe entwickelt. Woher Olives Depressionen kommen, wird nur am Rande erwähnt - Ihr Vater brachte sich um, als sie 13 Jahre alt war. Das erzählt sie einem ehemaligen Schüler:

"Er hat sich erschossen, ich weiß nicht, ob Du das wusstest."
"Nein, wusste ich nicht."
"Kein Brief - Mutter hat sehr gelitten deswegen. Sie dachte, er hätte wenigstens einen Zettel da lassen können, so wie er es machte, wenn er einkaufen ging. Die Arme ... Aber er war ja nirgends hingegangen eigentlich, er war ja in der Küche ..."

Die Geschichte der Olive Kitteridge ist auch eine zwischen Mutter und Sohn, ihr Sohn Christopher kann es ihr ein Leben lang nicht rechtmachen. Letztlich ist jedes Gespräch, jede Kommunikation in der Serie zum Scheitern verurteilt - weil alle Protagonisten verschiedene Ansprüche an den jeweils anderen haben. Im Roman gibt es den Satz "Es gibt kein einfaches Leben" - und Olives Leben beweist das überdeutlich.

Die Geschichte der Serie entspinnt sich dabei nicht streng chronologisch, sondern anhand von vier wichtigen Umbrüchen im Leben der Hauptfiguren: In den jeweils einstündigen Folgen geht es um einen Todesfall, eine Hochzeit, um Gewalt und den zunehmenden Verfall von Olives Mann Henry. "Olive Kitteridge" ist die Verfilmung des Romans "Mit Blick aufs Meer" von Elizabeth Strout, für den die Autorin den Pulitzer Preis gewann.

Der deutlich umfangreichere Roman enthält ein paar Geschichten, die man in den vier Teilen nicht unterbringen konnte oder wollte. Und doch: Die Mini-Serie ist vielschichtig in ihrer Figurenzeichnung, und ist bis in die Nebenrollen glänzend besetzt. Auch die Kameraarbeit von Frederick Elmes, der schon für David Lynch gearbeitet hat, ist fantastisch. Am Ende ist "Olive Kitteridge" die Geschichte eines Lebens, das nicht voll gelebt wurde, und immer wieder herbe Rückschläge verzeichnet. Die Miniserie ist eines der Highlights des Jahres.

"Olive Kitteridge" ist bei Warner Home Video erschienen, 14 EUR für die DVD, 20 EUR als Blu-Ray - oder bei amazon instant video als Stream.

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