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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.09.2016

Durpaire, Boudjellal: "Die Präsidentin"Marine Le Pen als Comic-Präsidentin

Von Frank Meyer

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Marine Le Pen zeigt sich nach Bekanntwerden der ersten Prognosen der Regionalwahlen erfreut über das Ergebnis für ihren Front National.  (picture alliance / dpa / Julien Warnand)
Die Parteichefin des Front National als Staatschefin? Mit ihrer Graphic Novel "Die Präsidentin" blicken die Autoren in eine mögliche Zukunft Frankreichs. (picture alliance / dpa / Julien Warnand)

Eine Chronik über den Start der Regentschaft von Marine Le Pen in Frankreich: Die Graphic Novel "Die Präsidentin" wirkt unheimlich realistisch. Der Historiker François Durpaire und der Zeichner Farid Boudjellal haben ihre Fiktion möglichst nah an den Fakten erfunden.

Vom Umschlag der Graphic Novel "Die Präsidentin" schaut einen freundlich und bestimmt Marine Le Pen an. Sie sitzt an ihrem Schreibtisch im Pariser Elysée-Palast, als Präsidentin der Französischen Republik. Die Vorsitzende des Front National hat die Stichwahl am 7. Mai 2017 gegen François Hollande mit knappem Vorsprung gewonnen, nun macht sie sich zügig daran, Frankreich von Grund auf zu verändern.

Der Historiker François Durpaire und der Zeichner Farid Boudjellal erzählen in einer fiktiven Chronik vom ersten halben Jahr der Regentschaft von Marine Le Pen. Tatsächlich spricht vieles dafür, dass die rechtspopulistische Politikerin in die Stichwahl im Mai 2017 kommen wird, Durpaire und Boudjellal haben in ihrem 2015 in Frankreich veröffentlichten Buch auch schon die Konkurrenz zwischen Nicolas Sarkozy und Alain Juppé bei den Republikanern vorhergesagt. Ihr Buch basiert so weit es geht auf Fakten, sie geben einen Abriss der rechten Bewegungen in Frankreich und sie zitieren ausführlich aus dem Programm des Front National.

Spott über die Anbiederung an die neuen Machthaber

Prominente französische Politiker, Journalisten und Intellektuelle bevölkern dieses Buch, ihre Anbiederung an die neuen rechten Machthaber wird mit erfreulich scharfem Spott geschildert. Als Gegengewicht zu den Prominenten haben die Autoren eine Gruppe von "normalen Franzosen" erfunden. Dazu gehören eine von heiligem Zorn auf alle Ungerechtigkeit erfüllte frühere Résistance-Kämpferin, ihr Enkel, der einen Anti-Front-National-Blog betreibt, und eine Migrantin, die aus dem Senegal nach Frankreich gekommen ist. Die drei Figuren sollen die Machtübernahme des Front National stellvertretend erleben und kommentieren, diese Ebene gehört mit einigen hölzernen Dialogen zu den weniger gelungenen Elementen der Graphic Novel.

Interessanter ist die Projektion des Front-National-Programms in die Zukunft: der Ausstieg aus dem Euro und aus der NATO; ein Franzosen-Zuerst-Programm, das weiße Franzosen bei allen Sozialleistungen bevorzugt; ein rigides Ausweisungsprogramm für alle nicht in Frankreich Geborenen. Die Maßnahmen des Front National führen Frankreich in eine dramatische Wirtschaftskrise: Die Investitionen aus dem Ausland brechen ein, die Kaufkraft des wieder eingeführten Franc schwindet rapide, die Arbeitslosigkeit steigt. Und hinter dem Front National stehen noch radikalere Kräfte bereit, um die wachsende Unsicherheit für einen Putsch auszunutzen.

Ein enormer Erfolg bei französischen Lesern

Die Umsetzung als grafische Erzählung lässt dieses Szenario unheimlich realistisch wirken. Für einige seiner Zeichnungen hat Farid Boudjellal Fotos als Vorlagen genutzt, so scheint Marine Le Pen auf einem Bild tatsächlich als triumphierende Präsidentin die Champs Élysées entlangzufahren. In Frankreich war das Buch ein enormer Erfolg, allein in den ersten drei Monaten nach dem Erscheinen wurden dort mehr als 100.000 Exemplare verkauft. Zumindest die Leser der "Präsidentin" wissen nun, was ab Mai 2017 auf sie zukommen könnte.

François Durpaire und Farid Boudjellal: "Die Präsidentin"
Aus dem Französischen von Edmund Jacoby
Verlag Jacoby & Stuart, Berlin 2016
160 Seiten, 19,95 Euro

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