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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.08.2008

Durchtriebene Charaktere

Iain Levison: "Tiburn", Roman, Verlag Matthes & Seitz Berlin, 254 Seiten

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Sarkastische, straff erzählte Geschichten voller moralischer Paradoxien sind die Spezialität von Iain Levison. (Stock.XCHNG / Paul Ijsendoorn)
Sarkastische, straff erzählte Geschichten voller moralischer Paradoxien sind die Spezialität von Iain Levison. (Stock.XCHNG / Paul Ijsendoorn)

Tiburn heisst ein idyllisches Collegestädtchen in New Hampshire, das Iain Levison zum Titel seines Thrillers gemacht hat. Der britische Autor führt den Leser in eine Welt voller moralischer Paradoxien und zwielichtiger Gestalten. Der Bankräuber Dixon und der Hitler-Forscher Elias White tauschen die Rollen als Täter und Opfer. Levisons Buch ist ein gut gemachter Thriller, aber auch eine ausgefuchste Fabel über moderne Moral.

Sarkastische, straff erzählte Geschichten voller moralischer Paradoxien, das ist die Spezialität von Iain Levison, einem britischen Autor, der seit vielen Jahren in den USA lebt. In seinem Roman "Betriebsbedingt gekündigt" hat er ein Opfer gnadenloser Profitmaximierer auftreten lassen, einen Arbeitslosen, der Würde, Stolz und Zuversicht erst wieder findet, als er eine neue Arbeit aufgenommen hat: als Auftragskiller.

Ähnlich ambivalent sind die Charaktere in Levisons neuem Roman "Tiburn". Ein "Fachmann für bewaffnete finanzielle Umverteilung", der Bankräuber Dixon ist einer davon. Seine kriminelle Karriere hat begonnen, als er für einen Raubüberfall verurteilt wurde, den er gar nicht begangen hatte. Nun lernt man ihn bei der Vorbereitung eines Überfalls kennen.

Genervt von seinen großmäuligen und unprofessionellen Partnern lässt er sie in die erwartbare Polizeifalle tappen. Er selbst greift sich den Löwenanteil der Beute, 250.000 Dollar. Mit denen entkommt er, wird allerdings angeschossen und braucht dringend ein Versteck. Da kommt ihm das Haus von Elias White gerade recht.

Professor Elias White erinnert an die Hauptfigur aus Don DeLillos Roman "Weißes Rauschen", einen College-Professor, der sich auf "Hitler-Studien" spezialisiert hat. Iain Levisons Nazi-Forscher versucht mit gezielter Tabu-Verletzung seine akademische Karriere endlich in Gang zu bringen. Um eine ordentliche Diskussion auszulösen, idealerweise inklusive Auftritt bei CNN, will er einen Artikel unter dem Titel "Hitler hatte Recht" veröffentlichen.

Seriöse historische Forschung ist nicht gerade die erste Leidenschaft dieses erfolgsversessenen Geschichtsprofessors, dafür aber ist er sehr an jungen Frauen interessiert. Mit einem 17 Jahre alten Highschool-Girl wälzt er sich auf dem Teppich seines Wohnzimmers, als der Bankräuber Dixon durchs Fenster blickt. Das ist die Chance für Dixon: Er kann White zwingen, ihn zwei Wochen lang in seinem Haus zu verstecken, anderenfalls zeigt Dixon White wegen seiner Sexspiele mit der Minderjährigen an.

In dieses Kammerspiel von zwei Männern, die sich gegenseitig belauern und auf einen Fehler des anderen warten, mischt sich eine Frau ein, FBI-Agentin Denise Lupo. Sie ist auf der Spur des Bankräubers, mit dem Kopf allerdings bei einer ganz anderen Geschichte. Gerade wurde ihre Bewerbung für einen Profiler-Job im FBI abgelehnt, ganz offensichtlich aus einem einzigen Grund: weil sie eine Frau ist. In ihrem Frust macht sie einen eindeutigen Fehler: Sex mit einem Zeugen. Sie landet bei Elias White im Bett, und damit in unmittelbarer Nähe von Dixon, der sich im Keller versteckt. Als sie morgens, getrieben von professioneller Neugier, im Haus herumstöbert, geht sie auch auf die Kellertür zu.

Iain Levisons Buch ist ein gut gemachter Thriller, aber auch eine ausgefuchste Fabel über moderne Moral. Täter und Opfer tauschen die Rollen, Recht und Gerechtigkeit werden gegeneinander ausgespielt. Alle Figuren haben etwas Zwiespältiges, sie sind sympathisch und aufrichtig, aber auch durchtrieben, hinterhältig und im Falle des Falles zu einem Verbrechen bereit.

Alle handelnden Personen, Frauen und Männer, Immigranten und Alteingesessene, Alte und Junge geraten in dieses moralische Zwielicht, das Levison sehr gekonnt inszeniert. Er erzählt schnell und zupackend von den Ereignissen im idyllischen Tiburn, einem Collegestädtchen in New Hampshire. Die Ereignisse sprechen für sich, Levison kommt völlig ohne Bewertungen aus. Das letzte Vertrauen in die Verlässlichkeit menschlicher Charaktere untergräbt Iain Levison mit der Schlusspointe seines Romans, einer Spitzenleistung seines schwarzen Humors.

Rezensiert von Frank Meyer

Iain Levison: Tiburn
Aus dem amerikanischen Englisch von Hans Therre
Roman, Matthes & Seitz Berlin 2008
254 Seiten, 18,80 Euro

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