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Religionen / Archiv | Beitrag vom 11.05.2013

Dunkle Nacht der Seele

Zu Besuch in einer Klinik für religiöse Störungen

Von Christian Röther

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Lebenskrise: Die Patienten der Heiligenfeld Kliniken kommen aus vielen Bevölkerungsgruppen. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Lebenskrise: Die Patienten der Heiligenfeld Kliniken kommen aus vielen Bevölkerungsgruppen. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Im unterfränkischen Bad Kissingen werden in den Heiligenfeld Kliniken auch so genannte religiöse Störungen psychotherapeutisch behandelt. Ein klassischer Befund – wie Depression, Burn-out oder Borderline – muss aber vorliegen, damit die Kassen die Behandlung bezahlen. Die spirituelle Sinnkrise ist eine Zusatzdiagnose, sie wird von den behandelnden Ärzten aber sehr ernst genommen.

24.000 Einwohner zählt der beschaulich-idyllische Ort Bad Kissingen im bayrischen Unterfranken. Laut Umfragen von Emnid ist er "der bekannteste Kurort Deutschlands". In und um dem Kurpark finden sich zahlreiche Klinik-Gebäude. Einige davon wurden in den vergangenen Jahren von den Heiligenfeld Kliniken aufgekauft.

Denn klassische Kuren für körperliche Leiden würden heute von den Krankenkassen immer seltener bezahlt, sagt Dorothea Galuska, eine der Leiterinnen der Heiligenfeld Kliniken. Anders sieht es bei Erkrankungen der Psyche aus:

"Mit der Zunahme der psychosomatischen Erkrankungen überall in Deutschland oder in den hochentwickelten Ländern würde ich sagen wird die Seele nicht mehr richtig angesprochen. Früher hieß das Gebiet ja auch Seelenheilkunde, nicht Psychotherapie. Und wir sagen, eine beseelte Psychotherapie greift diese Fragen der Seele auch auf und würdigt diese Dimension."

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Sich den spirituellen Dimensionen psychischer Erkrankungen bewusst zu werden – darum ging es Dorothea Galuska und ihrem Mann Joachim, als sie 1990 die Heiligenfeld Kliniken gründeten. Sie ist Physio- und Psychotherapeutin, er unter anderem Facharzt für psychosomatische Medizin. Der Altbau-Komplex mit Blick auf den Kurpark und die fränkische Saale zählt heute 550 Betten und 600 Mitarbeiter. Spirituelle Krisen werden bei etwa fünf Prozent der Patienten in Heiligenfeld diagnostiziert. Dorothea Galuska schätzt aber, dass noch weit mehr Menschen davon betroffen sind:

"Ganz oft haben Menschen in der Midlife-Crisis, also in der Zeit von 40 bis 60, so die Frage, worum geht es eigentlich wirklich im Leben, auch angesichts meiner Endlichkeit. Und wo kann ich mich verankern angesichts dieser Verletzlichkeit. Und in dieser Suche gibt es viele Verstrickungen oder viele Menschen, die sie auch nicht so seriös begleiten - und wo dann einfach Traumata oder Verletzungen entstehen, die zu einer tiefen Krise auch noch mal führen können."

Man dürfe diese Krisen aber nicht ausschließlich mit Medikamenten behandeln, sagt Dorothea Galuska. Darin schwingt eine Kritik an herkömmlichen psychiatrischen Methoden mit. Ein klassischer Befund – wie Depression, Burnout oder Borderline – muss aber vorliegen, damit die Kassen die Behandlung bezahlen. Religiöse Störungen sind immer nur eine Zusatzdiagnose, das Spektrum ist dabei weit und reicht von der Sinnkrise bis hin zur Psychose. Die Art spiritueller Krisen habe sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert, erklärt Dorothea Galuska:

"Ab den 70er-, 80er-Jahren war ja eine große psycho-spirituelle Suchbewegung und Aufbruchsbewegung. Und da gab es Osho, Bhagvan, da gab es aber auch andere psychotherapeutische Bewegungen und Spielwiesen würde ich sagen, in denen Grenzerfahrungen gemacht wurden. Und Grenzerfahrungen, die oft von Menschen begleitet wurden, die nicht profundes Wissen über psychodynamische Prozesse hatten. Und dann sind Menschen dekompensiert, sind also wirklich in Tiefe Krisen gefallen und die Begleiter konnten sie nicht auffangen."

Heute seien Anhänger religiöser Bewegungen jedoch nicht mehr überdurchschnittlich von spirituellen Krisen betroffen. Die Patienten der Heiligenfeld Kliniken kämen aus vielen Bevölkerungsgruppen.

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Bei spirituellen Krisen, religiösen Störungen oder religiösem Wahn fallen vielen vielleicht zunächst Menschen ein, die sich für Persönlichkeiten aus der Religionsgeschichte halten. Stichwort "Jerusalem-Syndrom": Schätzungen zufolge halten sich jedes Jahr rund 100 Personen bei einem Besuch der heiligen Stadt plötzlich für eine Person aus dem Alten oder dem Neuen Testament. In Deutschland seien solche Fälle jedoch eher selten, berichtet Dorothea Galuska. Gelegentlich gebe es aber Patienten, die sich für Jesus, den Erzengel Gabriel, den Teufel oder Maria hielten. Das seien dann besonders schwere Erkrankungen:

"Wir müssen auch Menschen haben, die damit sehr kompetent sind. Gleichzeitig ist es wichtig, dass die Auseinandersetzungen dieser Menschen, also die Inhalte, mit denen sie sich auseinandersetzen, und das sind oft religiös-spirituelle Themen, ernst genommen werden. Sonst können sich die Patienten nicht wertgeschätzt und wohl fühlen im Heilungsprozess. Und manchmal ist sogar gerade dieses Ernstgenommen-Werden und Angenommen-Werden in dieser Dimension das Tor zur Heilung."

Deshalb achtet die Klinik bei der Auswahl ihrer Therapeuten und Fachärzte auch darauf, dass diese sich mindestens mit einer religiösen Tradition tiefer auseinandergesetzt haben. Spirituelle Begleitung wird auch denjenigen Patienten angeboten, die nicht wegen religiöser Störungen behandelt werden. Bleibt noch die Frage, wann man bei spirituellen Krisen von Heilung sprechen kann:

"Ich meditiere, wenn ich meditieren will. Ich essen, wenn ich essen will. Und ich habe eine Beziehung, wenn ich eine Beziehung haben will. Und das ist nicht vermischt und ich bin auch nicht Opfer all meiner Erlebensweisen. Denn das ist eine häufige Erlebensweise von unseren Patienten, dass sie sich diesen subtilen energetischen Erfahrungen ausgeliefert fühlen. Und wir sprechen von Heilung, wenn das nicht mehr geschieht."

Weitere Infos:
Website der Heiligenfeld Kliniken

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