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Fazit | Beitrag vom 01.03.2021

Düsseldorfer Take-Off-Festival über die PandemieDie Kinder wurden nicht gefragt

Von Stefan Keim

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Klassenzimmer einer Schule mit einer Tafel und der Aufschrift Lockdown. (picture alliance / dpa / Flashpic / Jens Krick)
Nicht nur im Klassenzimmer, auch am Bildschirm lässt sich lernen: Beim Take-off-Festival in Düsseldorf haben sich Schülerinnen für strengere Corona-Maßnahmen ausgesprochen. (picture alliance / dpa / Flashpic / Jens Krick)

Wie schlimm ist der Lockdown für Kinder und Jugendliche? Ihrer Perspektive hat sich das Tanzhaus NRW angenommen und sie selbst diskutieren lassen. Zwar wurde so nicht über junge Menschen gesprochen, doch wurde auch nicht allen eine Stimme gegeben.

"Ich würde mir wünschen, dass den Jugendlichen mehr zugehört wird. Mehr Aufmerksamkeit an die gesamte Bevölkerung und nicht nur an die der Wählerinnen und Wähler. Strengere Maßnahmen, damit wir das irgendwann auch mal hinter uns haben." Mit diesen Worten präsentieren Sophie Halley und Xueling Zhou die Forderungen der Jugend.

Auf dem Onlinesymposium "Corona? Wir Kinder wurden nicht gefragt"  haben Kinder und Jugendliche 90 Minuten lang ohne Erwachsene getagt und Statements erarbeitet. Sie sind nicht für Lockerungen, im Gegenteil.

Ein Jahr Pause kann nicht so schlimm sein

Sophie Halley und Xueling Zhou sagen: "Urlaub für alle! Schulen einfach schließen und Ferien und alle ausbezahlen, um keine Hotspots zu generieren. Prüfungen et cetera aufgrund der Sondersituation einfach verschieben. Es kann nicht so schlimm sein, wenn mal ein Jahr Pause ist. Dann hat man mehr Zeit für andere Sachen. Soll trotzdem was Gutes bzw. Sinnvolles passieren, entweder sogar sinnvoller als Schule."

Parallel zu den Jugendlichen gab es einen Workshop der erwachsenen Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Viele machten sich Gedanken, welche Folgen der Unterricht per Videokonferenz haben könnte. In Zeiten der ständigen Selbstoptimierung und des Body Shaming – so dachten die Älteren - muss es für viele die Hölle sein, ständig ihr Gesicht in eine Kamera halten zu müssen und sich die meiste Zeit selbst zu sehen. Die Schule als pausenloses Selfie.

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Doch Xueling Zhou, die laut eigener Aussage durchaus auf Kleidung und Make-up achtet, erlebt die Situation völlig anders: "Dann war das am Anfang doch sehr skurril, sich selber beim Sprechen zuzusehen und auch zu bemerken, was für eine Mimik mache ich da gerade."

Mittlerweile findet sie das natürlich: "Das ist ein großer Schritt von wegen Selbstvertrauen, weil es mich zumindest dazu gebracht hat, nicht unbedingt auf jeden kleinsten Pickel zu achten, den ich da in meinem Gesicht sehe. Weil das die anderen Menschen glaube auch eh nicht so interessiert."

Die Videokonferenz kann also einen Nebeneffekt haben, wie ihn sonst die Theater-AG hat. Die Schülerinnen und Schüler lernen, mit der Kamera umzugehen und sich zu präsentieren. Allerdings waren beim Symposium im Rahmen des Take-Off-Festivals für jungen Tanz ausschließlich sehr intelligente Jugendliche dabei.

Sophie Halley und Xueling Zhou sind auch in der Landesschülerinnen- und Landesschülervertretung NRW aktiv. Die anderen haben bei einer Zoom-Performance mitgemacht, die vor dem Symposium lief.

Symposium erreicht nur begrenzte Zahl Jugendlicher

"Ansonsten haben wir uns noch im Workshop gefragt", erzählen Sophie Halley und Xueling Zhou, "warum wir eigentlich so wenige waren. Wir waren wirklich eine sehr, sehr, sehr überschaubare Gruppe. Wir hatten mehr Dolmetscher und Dolmetscherinnen im Workshop als Teilnehmer und Teilnehmerinnen."

Gebärdendolmetscherinnen und -dolmetscher waren das, damit auch Gehörlose teilnehmen konnten. Das Festival, eine gemeinsame Veranstaltung von Tanzhaus NRW, Forum Freies Theater, Jungem Schauspielhaus und Tonhalle, hat es also nicht geschafft, eine nennenswerte Zahl an Jugendlichen zum Mitmachen zu bewegen. Über die Gründe kann man nur spekulieren. Die Unsicherheit, während die Schulen zum Teil wieder Präsenzunterricht anbieten, die dauerhafte Überforderung oder die Müdigkeit nach einem so langen Lockdown, der gerade an jungen Menschen zehrt?

Die Anwesenden wirkten trotz klarer Thesen wenig kampfeslustig, sondern extrem vernünftig. Auf die Frage, ob sie gerade nicht das Gefühl haben, einen Teil ihrer Jugend zu verlieren, antworten sie unterschiedlich. Sophie erzählt von ihrer Freundin, die enttäuscht ist, ihren 18. Geburtstag nicht feiern zu können. Sie selbst kann sich zum Teil nicht mehr erinnern, wie lange es her ist, dass sie manche Freunde zum letzten Mal gesehen hat.

Eine Erfahrung, die so schnell keiner macht

Dieses Coronajahr ist für Sophie kein Jahr, "sondern so ein Zeitraum, den ich wegretuschiere oder der mir einfach kürzer vorkam, ich kann es gar nicht genau sagen". Bei ihr sei das lustigerweise andersherum: "Ich glaube, was ich gerade mit anderen Menschen weltweit durchmache, ist auch eine individuelle Erfahrung. Sie ist zwar anders, als wenn ich mit 17 in den Klub gehe und mir die Kante gebe, aber sie ist immer noch eine Erfahrung, die so schnell, glaube ich, keiner in den nächsten paar Jahren macht."

Xueling Zhou nutzt die Medien, um weltweit in Kontakt zu bleiben. Sie vermittelt den Eindruck, sich nicht unterkriegen zu lassen. Das macht Hoffnung. Allerdings bleibt die Frage, für wie viele Schülerinnen und Schüler sie spricht. Die Unterprivilegierten, die keine eigenen Laptops haben und sich nicht so eloquent ausdrücken können, haben auch bei diesem Symposium keine Stimme bekommen.

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