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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.12.2012

Düsseldorf ehrt sich und Jürgen Habermas

Philosoph erhält den Heinrich-Heine-Preis

Von Klaus Englert

Jürgen Habermas (* 1929): Bekenntnis zu Demokratie, Säkularisierung, Gewaltentrennung und Menschenrechten (AP)
Jürgen Habermas (* 1929): Bekenntnis zu Demokratie, Säkularisierung, Gewaltentrennung und Menschenrechten (AP)

Die Stadt Düsseldorf verleiht dem Philosophen Jürgen Habermas den Heinrich-Heine-Preis. Der 83-jährige Sozialphilosoph ist einer der einflussreichsten Denker der Gegenwart. Für Habermas ist der Dialog zwischen den unterschiedlichen Interessengruppen die Grundlage einer demokratisch verfassten Gesellschaft.

Kürzlich bezweifelte Jürgen Habermas, Mohammed Mursi könne für sich das Recht beanspruchen, Präsident aller Ägypter zu sein. Denn sein religiöser Fundamentalismus sei unvereinbar mit den "vernünftig begründeten Prinzipien" eines liberalen Rechtsstaates: Mit der Religionsfreiheit und den anderen Grundrechten einer liberalen Verfassung, also mit Prinzipien, auf die sich auch Schiiten, Kopten und säkulare Bürger berufen können.

Habermas befürchtet, die islamistischen Ausschreitungen machten die zarten Triebe einer politischen Aufklärung zunichte. Unter diesem Eindruck bekräftigte der Philosoph sein Bekenntnis zur bedingungslosen Aufklärung: Zur Demokratie und Säkularisierung, zur Gewaltentrennung und zu den Menschenrechten:

"Ich gehöre zu den Leuten, die mit den Theorien der Aufklärung sympathisieren, für die Gewalt etwas theoretisch Uninteressantes ist. Offene Gewalt kann man als Folge zerstörter Kommunikationsverhältnisse anschauen: Das sind alles manifeste Gewaltphänomene, die eine Folgeerscheinung sind. Die muss man zurückverfolgen. Bei aller moralischen Empörung, das ist keine Entschuldigung, Verstehen heißt nicht Verzeihen. Aber ohne Verstehen weiß man nicht, was man falsch gemacht hat und was man besser machen muss."

In Zeiten eskalierender Gewaltprozesse zieht sich Jürgen Habermas, der wichtigste Vertreter des von Adorno und Horkheimer gegründeten Frankfurter Instituts für Sozialforschung, auf seine aufklärerische Position zurück. Er glaubt weiterhin an die "Produktivkraft Kommunikation", die er seit den 60er-Jahren verteidigt. Doch mittlerweile erforscht er auch die Ursachen der Gewaltexzesse und sucht nach Auswegen aus den Konflikten.

Die Frage bleibt allerdings: Macht die tiefe Spaltung zwischen säkularisiertem Westen und islamischem Osten einen von Machtbeziehungen freien Dialog, den Habermas immer wieder einfordert, nicht zunichte? Und wie kann Jürgen Habermas überhaupt wissen, ob sich islamische Fundamentalisten jemals mit westlichen Demokraten an einen Tisch setzen wollen, um "einen gemeinsamen Deutungshorizont" zu erreichen? Momentan sieht es jedenfalls so aus, als ob den Islamisten der "gemeinsame Deutungshorizont" herzlich gleichgültig ist. Habermas hält hingegen unbeirrt am Modell des Dialogs fest, der auf Verstehen und Konsens ausgerichtet ist. Wenngleich es immer wieder angefeindet wird:

"Sind da nicht doch Dispositionen, entweder die eine oder die andere Interpretation über uns zu stülpen – nämlich entweder uns als Kreuzritter einer konkurrierenden Glaubensmacht zu sehen oder als Manager einer vollkommen banalisierten Coca-Cola-Kultur?"

Seit seiner Jugend zeigte sich Jürgen Habermas fasziniert von der aufklärerischen Funktion des Denkens. Als 16-Jähriger begrüßte er 1945 das "Reeducation"-Programm der amerikanischen Besatzungstruppen. Später rieb er sich an Martin Heidegger, der von vielen seiner Kommilitonen enthusiastisch verehrt wurde. Habermas kritisierte Heideggers Schweigen zu seinem NS-Engagement. Der Philosoph Rolf Wiggershaus meint, Habermas habe seine Lehre aus Heideggers Demokratiedefizit gezogen:

"Es war die Erfahrung, dass eine große Diskrepanz bestehen kann zwischen dem, was jemand in der Theorie vertritt und dem, was jemand in der Theorie tut. Das hat sicherlich dazu beigetragen, dass es bei ihm die Doppelentwicklung gab von jemandem, der auf philosophischem Gebiet sich entwickelte zu jemandem, der eine kritische Gesellschaftstheorie vertrat und gleichzeitig jemandem, der damit ernst machte, auf dem Gebiet staatsbürgerlichen Engagements."

Seit den 90er-Jahren reaktivierte Jürgen Habermas Kants Idee der "weltbürgerlichen Verfassung" und setzte sich mit diesem theoretischen Rüstzeug für Menschenrechte, aber ebenso für übernationale Institutionen wie den Internationalen Strafgerichtshof ein. Habermas’ Denken kreist immer wieder um die Begriffe Recht und demokratischer Staat, etwa wenn er versucht, das "Projekt der Moderne" im Sinne von Kants Aufklärung fortzuschreiben.

Einerseits sieht sich Habermas als Streiter für eine Vernunft, die er in intersubjektiv geltenden Normen, in universalistischen Verfassungsprinzipien erkennt. Den eingeforderten Verfassungspatriotismus versteht er als eine von vernunftgemäßen Überzeugungen geleitete Haltung.

Andererseits wehrt sich der Philosoph – teilweise zu Unrecht - gegen jede Form des Irrationalismus: Früher branntmarkte er den "linken Faschismus" der revoltierenden Studenten oder die "hemmungslose Vernunftskepsis" seines Lehrers Theodor W. Adorno. Später verdächtigte Habermas auch die französischen Philosophen Derrida und Foucault des Irrationalismus.
Der Frankfurter Juror und Literaturkritiker Jochen Hieber meint, Habermas hätte als Verteidiger des "Projekts Moderne" den Düsseldorfer Heinrich Heine-Preis verdient. Aber auch Hieber meldet Vorbehalte an. Er fragt sich, ob Habermas einem Preis gerecht werde, der selbstverständlich auch an den widerspenstigen Geist seines Namensgebers erinnern soll:

"Das Staatstragende des Heine-Preises besteht darin, dass er ausgeschrieben ist für Persönlichkeiten, die durch ihr geistiges Schaffen im Sinne der Grundrechte des Menschen den sozialen und politischen Fortschritt fördern, der Völkerverständigung dienen oder die Erkenntnis von der Zusammengehörigkeit aller Menschen verbreiten. Das ist alles wunderschön, das ist Sonntagsprosa. Was dabei etwas zu kurz kommt, ist das Widerborstige, das Satirische, das Witzige, auch das Böse an Heinrich Heine und von ihm."

Trotz der berechtigten Kritik wird der in Düsseldorf geborene Philosoph derzeit – wie kein anderer – mit Preisen überhäuft. Zwangsläufig drängt sich dabei der Verdacht auf, Düsseldorf wolle sich mit der wenig überraschenden Verleihung des Heine-Preises an den namhaften Philosophen am liebsten selber ehren.


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