Samstag, 28.11.2020
 

Länderreport | Beitrag vom 26.10.2020

Duell in Berliner SPDChebli gegen Müller

Von Claudia van Laak

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Michael Müller und Sawsan Chebli (imago images / Jens Jeske)
Michael Müller und Sawsan Chebli kämpfen um denselben Platz (imago images / Jens Jeske)

In der Berliner SPD brodelt es. Zwei bekannte Mitglieder wollen im selben Bezirk für den Bundestag kandidieren: der Regierende Bürgermeister Michael Müller und Sawsan Chebli, Staatsekretärin in der Senatskanzlei. Prominente Unterstützer haben beide.

Sawsan Chebli gegen Michael Müller. Eine 42-jährige Muslima mit Glamourfaktor, Tochter von palästinensischen Einwanderern, tritt gegen einen 55-Jährigen an, dem Äußerlichkeiten verhasst sind und der durch und durch auf Sachpolitik setzt. Dazu kommt: Er ist ihr Chef in der Berliner Senatskanzlei.

Michael Müller hat schon vor längerer Zeit seinen Abschied aus der Landespolitik verkündet. Ende der Woche wird er den Vorsitz der Landes-SPD an Franziska Giffey abgeben, sie könnte künftig Regierende Bürgermeisterin in Berlin werden.

Müllers Heimatkreisverband will lieber Kevin Kühnert

Müller will in den Bundestag, doch sein Heimatkreisverband Tempelhof-Schöneberg möchte nicht ihn als Direktkandidaten, sondern Juso-Chef Kevin Kühnert. So kam die Idee auf Charlottenburg-Wilmersdorf. Bis Mittwoch müssen sich die 2500 Genossinnen und Genossen nun entscheiden: Chebli oder Müller? Der Noch-SPD-Landesvorsitzende versucht, dies als ganz normalen politischen Vorgang darzustellen: 

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"Ja, das ist demokratisch, dass mehrere Kandidatinnen und Kandidaten sich für eine Position interessieren, und das muss man dann auch aushalten und austragen. Und natürlich gibt es auch im Vorfeld Gespräche, ob man eine Situation auch gemeinsam organisieren kann, aber das ist mitunter nur bedingt möglich." 

Selber machen oder Fans vorschicken?

Keine Hinterzimmerpolitik, keine Klüngelei vorab. Stattdessen ein parteiinterner Wahlkampf, den die beiden nicht unterschiedlicher führen könnten. Sawsan Chebli sendet auf allen Kanälen: Auf ihrer Webseite werben Prominente wie der Schauspieler Sebastian Koch, der Musiker Marius Müller-Westernhagen oder der frühere Kulturstaatsminister Michael Naumann für sie. Chebli twittert, was das Zeug hält, und lässt sich in Talkshows einladen.

Michael Müller fährt eine andere Strategie. Zwangsläufig. Als Regierender Bürgermeister und Chef der Ministerpräsidentenkonferenz hat er in Corona-Zeiten anderes zu tun, als einen innerparteilichen Wahlkampf zu führen. Der Noch-SPD-Landeschef wirbt in der Öffentlichkeit nicht selber für sich, er lässt das seine Fans machen. 

Er steht für Erfahrung und Kontinuität

In einem offenen Brief haben sich verschiedene Wissenschaftsmanager und Hochschulpräsidenten für Michael Müller – im Nebenamt Wissenschaftssenator – starkgemacht. Auch die sozialdemokratische Basis meldet sich zu Wort. Die 26-jährige Politikwissenschaftlerin Marie Kersten setzt auf Verlässlichkeit und Kontinuität: 

"Für Michael Müller spricht ganz klar, dass Mieten und Wohnen ein sehr wichtiges Thema ist für mich, und da hat er bewiesen, dass er Ahnung hat und dass er viel auf den Weg gebracht hat in Berlin. Da vertraue ich Michael Müller voll und ganz, dass er dieses Thema auch auf Bundesebene voranbringen wird." 

Sie bringt dringend benötigte Perspektiven

Müller-Fans stören sich am Auftritt von Sawsan Chebli. Sie stellt gerne ihre eigene Aufstiegsgeschichte in den Mittelpunkt. Als zwölftes von 13 Kindern einer palästinensischen Flüchtlingsfamilie in Berlin aufgewachsen, arbeitete sie sich ehrgeizig nach oben. Sie war unter Frank-Walter Steinmeier stellvertretende Sprecherin des Auswärtigen Amtes und ist seit gut vier Jahren Staatssekretärin für bürgerschaftliches Engagement und Internationales im Berliner Senat: 

"Ich habe so viele Anrufe von meiner Familie aus dem Nahen Osten", sagt Chebli. "Die sagen, ich würde heute im Gefängnis sitzen in der Region vielleicht, wenn ich diesen Weg gegangen wäre. Wer weiß, was mit mir geschehen wäre. Und hier habe ich diese Möglichkeit und werde vom Staat geschützt. Deshalb bin ich da im Reinen mit mir."

Chebli hat Personenschutz, weil sie schon lange von Rechtsextremisten und Islamhassern angefeindet wird. Auch, weil sie sich den Mund nicht verbieten lässt, weil sie auffallen will und äußerst selbstbewusst auftritt:

"Berlin hat heute ein Gewicht im internationalen Kontext auch gegenüber anderen Hauptstädten. Viele blicken nach Berlin, ich habe da einen sehr guten Job gemacht." 

Eine Niederlage wäre das politische Ende für Müller

Sie kreise nur um sich selber, werfen ihr Kritiker dagegen vor. Es reiche nicht aus, sich selber zum Programm zu machen, sagt zum Beispiel SPD-Mitglied Joachim Schimmer, der seine Stimme Michael Müller gibt:  

"Mein Eindruck ist, dass es eine nicht so kleine Anzahl an Mitgliedern gibt, die das auch stört, dass da der starke Eindruck entsteht, dass man sich da auf Kosten der Partei profiliert, und das kommt nicht gut an." 

Wer hat nun größere Chancen, dem bisherigen CDU-Bundestagsabgeordneten in Charlottenburg-Wilmersdorf das Direktmandat abzujagen? Sawsan Chebli oder Michael Müller? Ich, sagt Chebli: Sie unterscheide sich eben fundamental vom CDU-Amtsinhaber. Müller, sagen seine Anhänger: Er sei im Gegensatz zu Chebli in der Lage, bei den Konservativen Wählerstimmen zu fischen.

Wer von den beiden gewinnt, wird am Mittwoch feststehen. Tatsache ist: Sollte Müller verlieren, ist das Ende seiner politischen Karriere besiegelt.

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