Dienstag, 18.09.2018
 

Zeitfragen | Beitrag vom 14.08.2018

"Dritte Welt"-Solidarität im RückblickWas ist von den alten Idealen geblieben?

Von Philipp Gessler

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Junge Leute in typischer Kleidung der 80er Jahre stehen in einer Gruppe zusammen und blicken in die Kamera. (Philipp Gessler/Deutschlandradio)
Buchstäblicher Zusammenhalt in Brasilien. Unser Autor ist übrigens der ernste Mann mit der Nickelbrille fast ganz links. (Philipp Gessler/Deutschlandradio)

1989 flog unser Autor mit einer Gruppe Gleichgesinnter nach Brasilien, um darüber zu diskutieren, wie sich eine gerechtere Welt errichten lässt. Heute treffen sich die ergrauten Aktivisten wieder: Was hat sich von der damaligen Leidenschaft erhalten?

"Ich bin auf dem Weg zu einem Treffen mit Leuten, die ich seit ungefähr einem Vierteljahrhundert nicht mehr getroffen habe. Wir waren damals alle ziemlich jung und hatten viele Hoffnungen. Für eine gerechte Welt. Nun treffen wir uns wieder. Und ich frage mich schon: Was ist aus unseren Hoffnungen geworden? Waren das alles Illusionen? Was trägt uns noch heute?"

Es ist an meiner Stimme zu hören, diese Unsicherheit. Nach mehr als einem Vierteljahrhundert treffe ich mich wieder mit Frauen und Männern, mit denen ich eine ganz besondere Reise gemacht habe. Sie hat mich so geprägt wie kaum eine Reise davor oder danach. Es ist ein Trip in die Vergangenheit.

Auf der Suche nach einer besseren Welt

Wir waren 1989, einige Monate vor dem Fall der Mauer, den niemand von uns hat kommen sehen, vier Wochen in Brasilien. Auf einem "Gemeinsamen Entwicklungspolitischen Seminar", wie wir das genannt haben. Junge Leute fast alle, Gutmenschen, würden manche heute polemisch sagen, jugendliche Weltverbesserer waren wir vielleicht, jedenfalls auf der Suche nach einer besseren Welt.

Und, ganz wichtig, es war ein "Dritte Welt"-Solidaritätsseminar mit Leuten auch aus Brasilien, aus der "Dritten Welt" selbst. Allerdings war das Wort "Dritte Welt" schon damals verpönt. Denn wir sind doch eine Welt! Vier Wochen im direkten Kontakt und in dauernder Debatte mit Frauen und Männern aus brasilianischen Basisbewegungen, wie wir das nannten, also zum Beispiel Gewerkschaften, Menschenrechtsgruppen und christlichen Basisgemeinden.

Diese Basisgemeinden waren und sind Kirchengemeinden, die, ganz im Sinn der kritischen Theologie der Befreiung, weitgehend ohne Priester oder von oben verordneter Theologie auskommen. Aber das Christliche stand nicht im Vordergrund der Reise, eher das Linke, Solidarische. Das Seminar war wie Attac. Nur viele Jahre, bevor diese globalisierungskritische Bewegung gegründet wurde. Ich bin jetzt 51 Jahre alt. Und manchmal denke ich: So hip, so cool wie damals habe ich mich nie mehr gefühlt.

Tagebucheintrag 22.7.1989
Ich sitze auf einer Veranda, einem Kreuzgang ähnlich, an dem zwei Seiten fehlen. Es ist kalt, ein Hund bellt ("Frankenstein" mit Namen, und so sieht er aus), und von der Nachbarschaft knallt ab und zu ein Böller durch die Nacht; weiß nicht, was die feiern.

Ich habe damals Tagebuch geschrieben, fleißig, fast zehn Jahre lang, und natürlich auch in Brasilien während des Seminars dort, noch fleißiger als in Deutschland. Die Böller, die ich zu hören glaubte in dieser verfallenen ehemaligen Klosteranlage, wo wir untergebracht waren, könnten auch Schüsse gewesen sein. So hieß es später von unseren brasilianischen Freunden.

Die Gegend war nicht ohne

Schon im Flugzeug nach Rio de Janeiro hatte mich ein mitreisender Passagier vor unserem Ziel gewarnt, einem herunter gekommenen, riesigen Vorort von Rio voller Gewalt, Duque de Caxias.

Tagebucheintrag 22.7.1989
Ich befinde mich in einer Grundschule mitten in einer, oder zumindest in der Nähe einer Favela der Diözese "Duque de Caxias". "Have you been to New York? Harlem – it’s the same", meinte ein Mitreisender. "You are working for the parish, then you’re safe", ergänzte er noch.

Die Gegend war nicht ohne. Aber damals hat mich ziemlich wenig beunruhigt. Das Ganze ist bald 30 Jahre her – und jetzt dieses Treffen, die alten Freundinnen und Freunde von damals wieder sehen. Nur die deutschen übrigens, alles andere wäre zu teuer und aufwendig geworden.

Ein großes Hallo zum Wiedersehen

Nun trete ich also ein in ein Seminarhaus in Mittelhessen. Wir wollen ein Wochenende lang über alles reden: über alles, was wir vor mehr als einem Vierteljahrhundert erlebt haben. Und über unser heutiges Leben. Ich habe etwas Angst, dass wir total verspießt sein könnten. Wenn ich mich selbst mit den Augen von damals anzuschauen versuche: mit einem Angestelltenjob, einer Zwei-Kind-Familie, einer – was ja auch vernünftig ist! – Eigentumswohnung, stellt sich mir die böse Frage: Was unterscheidet mich heute objektiv von den Leuten, die mir damals noch ziemlich fremd waren?

Beim Abendessen – es gibt typische Seminarhaus-Kost, Braunbrot und Früchtetee – ist das Hallo groß. Man sieht uns unsere Jahre schon an. Viele Haare sind weiß, ich bin eindeutig dicker geworden. Auch um wieder etwas miteinander warm zu werden, tun wir das, was wir damals in Brasilien dauernd gemacht haben: Wir singen zusammen. Und wie damals begleitet uns Klaus auf der Gitarre. Er spielt gut, aber wir klingen ungefähr so schaurig-schepp wie seinerzeit.

Wiederbegegnungen und Rückblicke

Christiane kommt als Letzte. In Brasilien war sie die Jüngste von uns, hatte gerade Abitur gemacht. Heute arbeitetet sie in einem internationalen Think Tank. Promoviert hat sie in Oxford. Ich habe sie schon damals sehr gemocht, aber sicherlich stark unterschätzt. Etwas mit einer Frau in Brasilien anzufangen, das kam mir damals nicht wirklich in den Sinn.

Tagebucheintrag 02.08.1989
Vielleicht noch ein Wort zum Thema Nr. 1: Es kommt in diesem brasilianischen Teil des Tagebuchs kaum vor. Ich denke auch nicht so oft daran, und richtiges Verlangen danach kommt nicht auf, fast nicht. Das ist schon seltsam, da ich mich doch an anderen Tagen hier in Zeichen verzehre. Das mag daran liegen, dass hier keine Frau ist, die ich unbedingt ansprechen will, daran dass hier die anderen Eindrücke so stark sind, dass mir für diese alte Geschichte kaum Raum bleibt, daran dass ich mir fast so etwas wie vorgenommen habe, dass da nichts hier passiert, da das in Sachen AIDS wohl eher gefährlich, ganz bestimmt aber ohne Zukunft ist. So ist das.

Christiane war so etwas wie der gute Geist unserer Gruppe, wie ich im Nachhinein verstanden habe. Ihre Begeisterungsfähigkeit, ihre Offenheit, ihre Herzlichkeit auch im Umgang mit unseren brasilianischen Freundinnen und Freunden hat mich immer wieder hoch gezogen, wenn ich mich über manche in unserer Gruppe zu sehr geärgert habe – oder die Eindrücke in Brasilien zu hart waren.

"War etwas naiv", erklärt Christiane. "Wir aus dem reichen Norden, gehen in den Süden. Wir waren ja schon etwas weiter… Wir haben ja schon damals versucht, außerhalb der Schemata zu denken. Aber wenn man sich das heute überlegt – es war schon sehr naiv. Es ist ja auch alles so viel globalisierter geworden… Es ist nicht mehr so schwarz-weiß. Aber vielleicht sagt das mehr über meine Entwicklung, mein Erwachsen-Werden und Differenzierter-Sehen."

Etwas Wein und alte Dias - und ganz viel Lebensgeschichte

Man kann es noch härter sagen: Sicherlich war unser Engagement für den Süden der Welt echt und sehr ernst gemeint. Aber wie ernst war es zu nehmen, wenn diese Solidarität sich nie wirklich bewähren musste, weil die Objekte dieser Solidarität so weit weg waren und wir unser Leben nicht wirklich ändern mussten? War diese Solidarität vielleicht zu billig? Müsste unser Leben heute anders aussehen, wenn wir ganz konsequent nach unseren damaligen Idealen leben würden?

Es liegt so viel Lebensgeschichte auf und zwischen uns. Ein bisschen Wein am Abend soll im hessischen Seminarhaus helfen, ebenso hunderte alte Dias von damals. Alle noch schön auf Diafilm und per Hand verglast, nichts ist digitalisiert. Ein halbes Wunder, dass die vielen alten Dias kaum verblasst sind. Und dass der Diaprojektor noch funktioniert.

Manches wirkt heute egozentrisch

Wie das menschliche Gedächtnis eben funktioniert, erinnern wir uns vor allem an die schönen Erlebnisse in Brasilien, der tägliche Horror, den wir damals sahen, ist in den Hintergrund gerückt.

Tagebucheintrag 27.7.1989
Der stärkste Eindruck: Eine Müll-Frau, die an dem zentralen Busbahnhof Müll einsammelte, mit bloßen Händen: Stechende Augen, ausgemergeltes Gesicht, weiße Haare, hinten zu einem Knoten zusammengebunden und so dreckig, dass ich nicht sagen kann, ob das nun eine Weiße oder eine Mulattin war - oder eine Schwarze vielleicht? Ihr rotes Hemd war schwarz vor Dreck, ebenso ihre braune Hose, die Arme waren grau bis schwarz und im Gesicht mag’s mal eine hellere Fläche gegeben haben. Als dann Luis noch erzählte, er habe zehn Schwestern und habe normalerweise nicht jeden Tag etwas zu essen, verging mir doch Appetit und Hunger. Wie habe ich es verdient, auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen? Ich habe es nicht verdient…

Wenn ich heute die Tagebucheintragungen von damals lese, bin ich oft peinlich berührt: Da ist viel Naives, auch viel Egozentrisches zu lesen. Vielleicht liegt das an dem Alter Anfang 20, wenn man glaubt, es gehöre einem die Welt. Andererseits: Wäre der Ton in einem Tagebuch von heute wirklich anders?

Ein nüchterner Blick in die Favelas

In Brasilien versuchten wir damals mit den Brasilianerinnen und Brasilianern eine Grundlage für eine internationale Zusammenarbeit zu legen. Gemeinsame Ziele, gemeinsame Aktionen zum Wohle einer gerechten Zusammenarbeit des Nordens und Südens der Welt. Das entsprach dem progressiven Zeitgeist der Bundesrepublik vor 1989, naja, zumindest in einem Teil des gebildeten, bürgerlichen Milieus, aus dem wir stammten.

Eine Gruppe Leute steht in einem brasilianischen Elendsviertel und diskutiert mit den Bewohnern. (Philipp Gessler)Lebenswelten treffen aufeinander: Gespräche mit den Brasilianern und Brasilianerinnen in den Favelas. (Philipp Gessler)

Eine Kommunikation mit den Leuten im Süden der Welt war ja damals nicht so einfach. Es gab noch keine E-Mails. Telefonate über die Kontinente hinweg waren wirklich teuer, erst recht Flugreisen. Brasilien – das war noch eine ganze fremde Welt. Und wir schauten viel auf die dunkle Seite dieser Welt. Hatte dies auch etwas von Elendstourismus? Sicher bin ich mir nicht. Aber ich glaube eher nicht. So abgefuckt waren wir nicht. Aber natürlich besuchten wir auch eine Favela. Das war in Rio de Janeiro, geführt von Franziskaner-Ordensleuten, die den Menschen dort halfen. Ohne diesen Schutz der Patres wäre ein Besuch in der Favela zu gefährlich gewesen.

Tagebucheintrag 30.7.1989
Und dann dieser herrliche Blick: Von einem Berg in Rio hinab auf die Hochhäuser, Ipanema und das Meer – phantastisch… Ein Stockwerk tiefer dann wieder ein Saal mit spielenden Kindern. Daneben eine Holzwand, hinter der sich ein Zimmer befindet, in dem eine Familie haust. Der Fernseher läuft wie fast überall. Etwa 12 Quadratmeter Wohnraum. Ein Herd, ein Schrank, ein französisches Doppelbett – das war's. Hier wohnt, haust eine ganze Familie. Die Kinder schlafen nachts auf dem Boden… 32 Familien leben hier. Sie haben keine Dusche, die funktioniert, und zwei Klos. Es sind alles Favela-Bewohner, deren Häuser beim Regen weggespült wurden.

Seitenlang habe ich im Tagebuch über diesen Besuch der Favela geschrieben. Ich erinnere mich, dass ich mir damals vorgenommen hatte, alles möglichst journalistisch nüchtern zu beschreiben – was ich dabei fühlte, schrieb ich selten auf. Dabei wäre vielleicht gerade das heute noch interessanter als das bloße Beschreiben des Erlebten.

Tagebucheintrag 30.7.1989
Die Hütten werden immer elender, der Abfall am Rand immer mehr. Sebastiao sprach im Vorbeilaufen ein paar ältere Jugendliche/junge Männer an, sagte zu ihnen diese phantastische Allerweltsphrase "Tudo bem?" Es sollen Wächter sein, die hier die Gegend im Auge behalten. Sie sind von einer Straßengang, die sich mit einer anderen/der anderen in zwei Favelas Gefechte liefert um Einfluss im Drogengeschäft.

Am Ende dieser sehr langen Tagebucheintragung schreibe ich dann doch noch ein wenig über meine Gefühle – hielt ich mich damals auch deshalb damit zurück, weil sie zu stark waren? Kann sein.

Tagebucheintrag 30.7.1989
Das Ganze war ein unwirkliches Erlebnis. Geschockt war ich nicht richtig, ich habe es nicht richtig begriffen, konnte mich schlecht einleben. Schockierend war's erst, als wir keine zwei Straßen weiter, nicht einmal fünf Minuten Fußweg von dort in eine Art Pizzeria und Konditorei gingen, in die uns der Orden eingeladen hatte. Hier die vollen Bäuche, gelangweilten, zufriedenen Gesichter zu sehen, das war hart. Manche von uns aßen nichts: Tschibi und Tonie. Sehr viel Hunger hatte ich nicht, aß aber doch was – es bringt ja nichts.

Auf unserem Nachtreffen so viele Jahre später im hessischen Seminarhaus erzählen wir uns lange gegenseitig unsere Lebensgeschichten. Fast alle von uns haben heute normale, meist sogar ziemlich gute, gehobene Berufe. Einer ist Arzt geworden, einer Lehrer, einer Journalist, eine Ministerialbeamtin ist dabei, ein Diplomat – und so weiter.

Nur wenige von uns haben einen Beruf ergriffen, der auch nur entfernt noch etwas mit der sogenannten "Dritten Welt" zu tun hat. In "Dritte Welt"-Gruppen ist auch kaum jemand mehr. Das ist vielleicht ein wenig peinlich, bedenkt man die Begeisterung, die wir damals für diese gute Sache aufgebracht haben.

Lange Lebensgeschichten – doch die Zeit ist knapp

Es gab in den vergangen Jahrzehnten unseres Lebens Krankheiten, Trennungen, große Sorgen um Kinder. Kein Wunder, dass das gegenseitige Erzählen unserer Lebensgeschichte so lange dauert. So lange, dass wir bei dem Nachtreffen im Seminarhaus zu nichts anderes mehr kommen – die Zeit ist zu knapp.

Die Frage kommt kurz auf: Sollen wir uns wieder enger vernetzen, eine neue Aktion der Solidarität wie damals planen, vielleicht etwas kleiner, abgeklärter? Dazu können wir uns nicht aufraffen. Uns fehlt wohl der Mut. Und es erscheint uns auch unrealistisch, vielleicht sogar etwas verlogen. Immerhin entscheiden wir uns, einen Brief an "unsere" brasilianischen Freunde von damals zu verfassen, ein freundlicher Gruß, mehr nicht. Aber schon vom Herzen.

Denn vieles geht uns noch heute ziemlich nahe. Eine Brasilianerin, Rosimeri, die wir damals kennengelernt haben, ist schon gestorben. Sie war unter den so herzlichen Brasilianerinnen eine der herzlichsten. Wir singen Lieder, die war damals in Brasilien auch gesungen haben, als sei das ein Trost.

Ein altes Kampflied

Es gab so etwas wie DAS Lied unserer Zeit in Brasilien, einen Song, den "unsere" brasilianischen Freunde auch immer gesungen haben. Es ist ein politisches, sozialistisch angehauchtes Kampflied der Ausgebeuteten Lateinamerikas: "Acorda America". 

Es sei Zeit aufzustehen, das Blut der Märtyrer sei die Saat der Wiedergeburt des Kontinents, so ungefähr. Ganz habe ich den Text nie verstanden.

Die Programme von damals klingen heute seltsam

Klaus hat ein altes Video mitgebracht. Es ist eine VHS-Kassette. Darauf ist eine Fernsehreportage gespeichert. Gedreht wurde sie von einem Kamerateam von 3sat, dort wurde es auch ausgestrahlt, als viele "unserer" Brasilianer ein Jahr später nach Deutschland kamen, um ein spiegelbildliches Seminar auch hier zu machen.

Einer der Organisatoren dieses deutsch-brasilianischen Austausches, Wolfgang, hat damals im Fernsehen das Konzept des Seminars erklärt. Es geht um Basisbewegungen, die im Norden und Süden der Welt miteinander verzahnt werden sollen. Und um die Volksbewegung in Brasilien, movimento popular, die eine Veränderung von unten bringen soll. Das ist alles nicht dumm, und sicherlich ist es gut gemeint. Und doch hört sich manches mittlerweile sehr seltsam an, etwa der damals noch ganz unbefangene Gebrauch des N-Wortes – auch aus eindeutig linkem Munde, heute undenkbar.

"'Movimento Popular' bedeutet, dass die Menschen ihr Schicksal selbst in den Hand nehmen, dass die Schwarzen, die Neger, die aus Afrika kommen gegen Diskriminierung kämpfen. Wir wollen nicht mehr Empfänger von Almosen der Regierung oder von Entwicklungshilfe von Entwicklungshilfe-Organisationen sein, sondern Subjekt unserer eigenen Geschichte werden."

Voll drin im Slang

"Subjekt unserer eigenen Geschichte sein" - auch ich war damals in diesem Diskurs, diesem anpolitisierten, leicht soziologischen Slang voll drin. So redeten wir alle damals, mehr oder weniger. Das heißt keineswegs, dass wir während des Seminars in Brasilien immer alle einer Meinung gewesen wären. Klar, es gab dieses Gemeinschaftsgefühl, dauernd spontane Partys unserer deutsch-brasilianischen Gruppe, unter Palmen in lauen Sommernächten in dem halb verfallenen Klostergebäude. Wir haben viel zusammen gelacht, getanzt, getrunken – oft Caipirinha, was damals in Westdeutschland noch ziemlich unbekannt war, mit spottbilligen, ganz frischen und, gefühlt, stundenlang selbst gepressten Limonen.

Junge Leute stehen ausgelassen beisammen und blickend lachend und feixend in die Kamera. (Philipp Gessler)Gemeinsam diskutieren, gemeinsam feiern: Ausgelassene Stimmung am Abend. (Philipp Gessler)

Aber es gab bei mir auch damals schon gelegentlich das Gefühl, dass diese Feierei vieles unausgesprochen ließ, etwa an Spannungen innerhalb unserer internationalen Gruppe. Ein Tagebucheintrag beleuchtet dieses Unbehagen ein wenig:

Tagebucheintrag 3.8.1989
Die Sache ist so kompliziert, und ich fühle mich nicht objektiv informiert. Ich habe das Gefühl, von jeder Seite manipuliert zu werden. Vielleicht gibt es dazu ja auch keine objektive Wahrheit. Wie heißt dieser Spruch? 'Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es sich ändert. Ich weiß nur, dass es sich ändern muss, damit es besser werden kann.' Ich glaube, dieser Satz trifft auf das System der Weltwirtschaft zu.

Leonardo Boff zu Gast

Einer der Höhepunkte unserer Zeit in Brasilien war ein Nachmittag, den wir mit dem Befreiungstheologen Leonardo Boff verbringen konnten. Der klar marxistisch geprägte Theologe Boff bei uns! Einer der großen Theologen des 20. Jahrhunderts, wenige Jahre nach seinem harten Konflikt mit Joseph Ratzinger, dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation im Vatikan und späteren Papst Benedikt XVI..

Ein bärtiger Mann im Hemd sitzt auf einem Stuhl und spricht (Philipp Gessler/Deutschlandradio)Der Befreiungstheologe Leonardo Boff zu Gast beim Seminar (Philipp Gessler/Deutschlandradio)

Boff kam zu unserer deutsch-brasilianischen Gruppe, und ich war ihm gegenüber schon so etwas wie ein Polit-Groupie. Es war ein Privatissimum, eine Art exklusives theologisch-politisches Proseminar aus dem Stegreif, das mich bewegt hat.

Tagebucheintrag 9.8.1989
Ein beeindruckender Tag wegen eines herausragenden Ereignisses: Das Gespräch mit Leonardo Boff. Es ist wohl oft so bei Persönlichkeiten, die man schon recht oft im Fernsehen gesehen hat: Sie kommen einem bekannt vor – und fast ist man enttäuscht darüber, dass sie so gar nicht anders sind. Es ist ein ernster Mann, der mit einem Stöckchen versunken spielte, solange er nicht das Wort ergreifen sollte. Sobald er aber etwas gefragt wurde, legte er los: Sprachkraft, Vision, Ernst. Da er in Deutschland seine Doktorarbeit geschrieben hatte, sprach er exzellent Deutsch. Er ist ganz klar antikapitalistisch und fordert auch von uns in Deutschland gegen den Kapitalismus zu kämpfen: "Ein Gebot des Glaubens." Seine Rede hat mir stark zu denken gegeben. Peter brachte es auf den Punkt: "Warum zerstören die Leute hier dauernd alle Grundwerte meiner Weltanschauung?"

Wenn ich den Tagebucheintrag von damals lese, kommt mir vieles befremdlich vor. So etwas wie Völkerfreundschaft rutscht einem ja kaum mehr über die Lippen. Und der linke Ansatz, der viele von uns bewegte? Ich frage die kluge Christiane, ob sie sich eigentlich noch als links begreife.

"Ich finde es immer schwierig, Positionen so eindeutig in links und rechts einzuteilen", sagt sie. "Es gibt bestimmt einige Positionen oder meine Haltung, die man als klassisch links bezeichnen würde: so eine Begeisterung für Gerechtigkeit, auch Sorge um die Ausgegrenzten, der Wunsch nach einer inklusiven Gesellschaft. Aber andere Positionen, die kann man da gar nicht so einordnen. Zum Beispiel denke ich, dass man typischer Weise sagen würde, ein engagierter Feminismus ist etwas Linkes – aber ich sehe mich da als Frau in Deutschland in einer neuen, in einer kulturellen Umbruchphase, auch manchmal in sehr konservativen Positionen, wenn ich denke, dass es wichtig ist, dass wir unsere westlichen Werte verteidigen gegenüber anderen kulturellen Einflüssen."

Die alten Ideale reiben sich an der Realität

Schon unmittelbar nach dem deutsch-brasilianischen Seminar hat Franz damals einen Auswertungs-Brief an unsere Organisatoren geschrieben. Dieser Brief hat sich über all die Jahre erhalten. In dem hessischen Seminarhaus, wo wir unser Nachtreffen machen, liest er aus dem damaligen Brief vor:

"Ich denke, es war wichtig, ganz konkret zu erfahren, dass Solidarität weit über guten Willen hinaus geht und auch bedeutet, sich um anderer Menschen willen von lieb gewordenen Vorstellungen zu trennen. Von der fröhlichen Lebensart der Brasilianerinnen zu reden ist das eine, aber in der Schlange vor dem Klo zu stehen oder die ewige Duscherei dieser lieben Geschöpfe zu ertragen, das ist das andere. Und wie das ohne größere Reibereien geklappt hat, das fand ich sehr beeindruckend."

Also, naiv hört sich das schon damals nicht an. Aber was hat sich von unseren Idealen von damals erhalten? Franz ist ein Berufsschullehrer in Süddeutschland geworden, offenbar ein ziemlich guter und beliebter, ein Vertrauenslehrer. Franz, was ist von deinen Idealen von damals in Brasilien geblieben? Sind sie im Alltag zerrieben worden?

"Als Ideale nicht, aber von der konkreten Umsetzung, muss ich von mir her sagen, sind sie schon verloren gegangen – einfach durch die Zwänge, in denen man steckt. Das Leben zieht einem manchmal wirklich den Zahn, weil im Kopf eine bestimmte Vorstellung ist, aber die konkrete Verfassung, die Realität, die Lebensumstände, in denen man steckt, die ermüden, die hindern einen manchmal, das umzusetzen, was man eigentlich für richtig empfindet. Wenn ich jetzt konkret an das Thema fairer Handel denke zum Beispiel. Da ist mir meine Familie und der eigene Geldbeutel konkret halt oft näher als die Idee, dass man anders einkaufen müsste, um gerechtere Strukturen zu schaffen."

"Es ging uns um eine global gerechte Welt"

Damals schien alles irgendwie einfacher zu sein – vielleicht auch, weil wir den Fall der Mauer und den Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus in ganz Europa wenige Wochen nach unserer Reise noch nicht erlebt hatten. Ein gerechteres Weltwirtschaftssystem schien uns möglich. Außerdem glaubten wir ja an unsere brasilianischen Freunde und an ihre Utopie. Und wir glaubten an die Kraft der persönlichen Beziehung.

Dennoch: Nach vier Wochen des Zusammenlebens nebeneinander in Schlafsäcken in einer verfallenen Klosteranlage, nach all diesen eindrucksvollen gemeinsamen Erlebnissen in Brasilien verband uns viel. Es war schon so etwas wie Solidarität. Entsprechend tränenreich war der Abschied.

Tagebucheintrag 13.8.1989
Es war hart. Alle weinten, auch ich. Christiane bekam sich kaum mehr ein, der gute Fabio weinte auch sehr viel und schenkte mir ein Lula-Plakat. Es war herzzerreißend. Danach war alles viel trauriger, ernster, langweiliger. Wer weiß, ob ich einen von diesen famosen Menschen je wiedersehen werde. Es ist ein Jammer!

Wenige Stunden später – wir blieben noch ein paar Tage in Brasilien, nämlich in Sao Paulo, um allein in der deutschen Gruppe die Reise auszuwerten - gab es übrigens noch eine kleine Überraschung, undenkbar heute:

Tagebucheintrag 13.8.1989
"Die Brasilianer haben eine Telefonleitung angezapft und lang mit uns telefoniert. Sie waren alle sehr traurig. Wie wir auch."

"Ich denke, wir hatten Ideale, wir hatten Träume, wir hatten Hoffnungen", erklärt Christiane. "Wenn man sagen würde, wir hatten eine Illusion, dass wir sehr schnell eine gerechte, egalitäre Welt schaffen könnten, dann sind wir wahrscheinlich desillusioniert, weil das so sicher nicht umsetzbar ist. Was ich fühle anstatt von Desillusion: Ich fühle eine gewisse Ratlosigkeit, weil mit dem Ansatz, den wir hatten vor 25 Jahren, haben wir bestimmte Probleme angesprochen. Es ging um uns um eine global gerechte Welt. Und die sehr brennenden Probleme, mit denen wir uns heute konfrontiert sehen, haben auch noch mit der Fragestellung zu tun, mit dem Ungleichgewicht und der Ungerechtigkeit und Marginalisierung, aber die stellen sich uns ganz anders: Krieg in der Welt und Fundamentalismus und irrationale Brutalität, Mangel an Aufgeklärtheit und rationalem Vorgehen, nicht nur in bestimmten Gebieten der Welt, sondern auch global."

Vielleicht wirken die Ideale untergründig fort

Ach, Christiane, sie war immer die Positivste, die Optimistischste, die Gnädigste von uns allen. Nach dem Treffen im hessischen Seminarhaus waren wir uns fast alle wieder näher gekommen, die vielen Jahren, die zwischen uns lagen, hatten wir fast wieder übersprungen. Aber mehr als ein brieflicher Gruß an die alten Freunde in Brasilien – dieses Mal per E-Mail - und ein paar aktuelle Fotos von unserer Gruppe ist bei dem Nachtreffen nicht raus gekommen. Wir haben noch nicht einmal vereinbart, dass wir uns noch einmal treffen würden. Frühestens in ein paar Jahren. Eventuell.

Aber ich wünsche mir so, dass Christiane dennoch recht hat: dass uns zumindest nicht alles gleichgültig ist. Vielleicht sind ja doch noch einige Ideale wirksam, untergründig. Ich bin nicht sicher. Ich weiß nur, dass die Erfahrungen damals in Brasilien 1989 zu den Schätzen in meinem Herzen gehören. Ich weiß nicht, ob eine bessere Welt möglich ist. Aber seit Brasilien will ich daran glauben. Auch in Erinnerung an Fabio, Luiz, Rosimeri und all die anderen.

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