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Zeitfragen | Beitrag vom 29.06.2020

DresdenKulturszene im Überlebensmodus

Von Bastian Brandau

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Porträt der Tänzerin Cindy Hammer (Bastian Brandau / Deutschlandradio)
Freischaffende wie die Tänzerin Cindy Hammer trifft die Krise wohl am direktesten. (Bastian Brandau / Deutschlandradio)

In der Dresdner Kulturszene ist man es gewohnt, um Fördermittel zu kämpfen. Ohne staatliche finanzielle Hilfe könnte sie die Zeit des Abstandshaltens nicht überstehen. Und es gibt negative Dominoeffekte durch Corona.

"Den Theaterkahn macht vor allem aus, dass er an einem der schönsten Plätze der Stadt liegt, am Theaterplatz."

Intendant Holger Böhme steht am Heck des Schiffs und blickt auf die Dresdner Altstadt. Seit 1994 liegt der umgebaute Lastkahn hier fest vertäut, ist mit seinem Programm Teil der Dresdner Theaterszene, mit meist sechs Aufführungen in der Woche. Eigentlich, denn seit dem 13. März ist der Theaterkahn für das Publikum gesperrt. 

"So, unterhalb des Hecks, wo wir gerade gestanden haben, ist jetzt hier der Garderobenbereich, alles zweckmäßig und eng, aber völlig ausreichend." 

Inzwischen wird immerhin wieder geprobt, wovon leere Wasserflaschen in der Garderobe zeugen, von dort sind es – logisch – nur ein paar Schritte bis zum Herzen des Theaterkahns. 

"Das ist die Bühne. Hier steht der Probenaufbau für unsere Quarantäne-Revue, unter dem Arbeitstitel "Hurra, wir machen zu".

Vorstellungen mit Abstand sind unwirtschaftlich

Für einen Schiffsinnenraum wirken Bühne und Zuschauerraum überraschend groß. Und dennoch stellen die Corona-Auflagen den Theaterkahn unter besondere Herausforderungen. Die wenige hundert Meter entfernte Semperoper spielt bereits wieder - vor einem ausgedünnten Publikum. Böhme hat sich bisher dagegen entschieden. Tickets für 51 Plätze könnte er verkaufen, im Normalbetrieb wären es 216. 

"Da streiten sich der Theatermacher und der Geschäftsführer in mir. Und der Theatermacher muss klein beigeben, weil der Geschäftsführer ihm nachweist, dann ist es klüger Du bohrst ein Loch in den Fußboden, was Kosten und Einnahmen betrifft, weshalb wir eben leider noch nicht spielen können."

Intendant Holger Böhme auf dem Theaterkahn in Dresden (Bastian Brandau / Deutschlandradio)Musste alle Angestellten in Kurzarbeit schicken: Intendant Holger Böhme auf dem Theaterkahn in Dresden. (Bastian Brandau / Deutschlandradio)

Sieben Angestellte hat der Theaterkahn, der eine gemeinnützige GmbH ist, also keinen Gewinn erwirtschaftet. Alle bekommen momentan Kurzarbeitergeld.

"Und ich habe versucht, die Kostenuhr anzuhalten. Also habe Mietnachlässe verhandelt, Stundungen verhandelt und es ist mir gelungen, die Kostenuhr wenn auch nicht auf null zu bringen, aber doch sehr zu verlangsamen. Und nun versuchen wir, durchzuhalten und liquide zu bleiben." 

Fehlende Planungssicherheit

"Das Problem ist einfach die fehlende Planungssicherheit", sagt Jan Pratzka, Leiter der Arbeitsagentur Dresden. Er hat den Überblick über Arbeitgeber und Arbeitnehmer in der Dresdner Kultur- und Eventbranche.
Die ist in Dresden untrennbar verbunden mit dem Gastronomie- und Hotelgewerbe, in dem in Dresden rund 9000 Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt seien. Für 80 Prozent von ihnen sei Kurzarbeitergeld beantragt worden. Zu den Festangestellten kommen gerade im Sommer Minijobs - und die Selbstständigen in diesem Bereich.

"Fakt ist ganz einfach, dass uns insbesondere die organisierten Reisen fehlen, also die Busreisen, die Events, die Messen, die Kongresse nebst den großen Festivals."

Denn auch wenn die Dresdner Altstadt längst wieder ähnlich belebt wirkt, wie in einem Nicht-Corona-Sommer, sind es Restaurants und insbesondere Hotels längst nicht. 

"Das ist genau das Problem durch die Abstandsregeln. Und die Semperoper, die ja rund tausend Sitzplätze hat, glaube ich, für die sind nur wenige Hundert, so am Ende möglich. Aber das strahlt aus. Die Busreisegruppe, die vielleicht auch in ihrem Programm ein Besuch der Semperoper drin hat, die geht auch nicht essen. Die bucht auch keinen Stadtrundgang. Das fällt in diesem Sinne alles aus. Und dadurch zieht das ganz einfach auch diese ganze Branche ein ganzes Stück nach unten."

Die Tänzerin hat keine Bühne mehr, aber Stipendien

"Naja, die Bühne ist ein bisschen weggefallen, also das, was ich eigentlich mal gelernt habe."

Freischaffende Künstler*innen wie Cindy Hammer trifft die Krise wohl am direktesten. Seit März sind die Auftritte der Tänzerin, Choreografin und Regisseurin ausgefallen – mindestens 15 Veranstaltungen seien das für sie gewesen.

"Als Unternehmerin bedeutet es gerade eine extreme Flexibilität aufgrund der Umstände eine ziemliche Verlagerung in der Art und Weise, wie gearbeitet wird. Also, wenn es darum geht, Proben, Gestaltung beziehungsweise der Austausch. Begegnungen mit meinen Mitarbeitern sage ich jetzt mal, mit den Leuten, mit denen ich konstant arbeite oder für bestimmte Projekte und dass ich als Unternehmerinnen relativ schnell auf diesen Zug aufgesprungen bin und mich für relativ viele Stipendium beworben habe, die mich am Ende da auch ganz gut gerade über diese Phase retten."

Stadt hat wegen Corona eine Haushaltssperre erlassen

Bühnenpause durch Corona – für Cindy Hammer auch eine Zeit, um Neues auszuprobieren. Zwei Stipendien erhält die Tänzerin in diesem Jahr. Dazu Unterstützung durch eine einmalige Zahlung der Stadt Dresden an Soloselbstständige in Höhe von 1000 Euro.

Sie komme vergleichsweise gut durch die Pandemie, gerade im Vergleich zu Kolleg*innen, die etwa eine Familie ernähren müssten.

Für Soloselbstständige hat der Staat die Möglichkeit geschaffen, ohne Vorprüfung Arbeitslosengeld II zu bekommen. Unternehmen mit Angestellten konnten 15.000 Soforthilfe beantragen, die hat auch der Dresdner Theaterkahn bekommen.

Eine Milliarde vom Bund für Kunst und Kultur, der Freistaat gibt jetzt noch einmal 60 Millionen für die Kultur- und Tourismusförderung in Sachsen aus. In der vergangenen Woche hat die Stadt Dresden beschlossen, eine Million Euro für Kultur im öffentlichen Raum zur Verfügung zu stellen.

Gleichzeitig hat die Stadt wegen Corona eine Haushaltssperre erlassen. Widersprüchliche Zeichen für Künstlerinnen wie Cindy Hammer, die auch an aus städtischen Mitteln finanzierten Projekten mitarbeitet.

"Aber das setzt sich ja auch auf den durchaus offenen kulturpolitischen Kampf drauf, den wir seit Jahren führen. Wenn es um die Erhöhung von Fördermittel geht, wenn es um die Differenzierung von Förderinstrumenten geht. Gerade auf kommunaler Ebene ist das immer noch eine riesige Baustelle und ja - auch trotzdem während dieser Zeit jetzt."

Der Theaterkahn kann länger durchhalten als Lufthansa

Klar ist, dass die Steuereinnahmen stark zurückgehen werden. Bis Ende August, so hätten viele Arbeitgeber ihm gesagt, könnten sie durchhalten, dann würde es eng, sagt der Leiter der Dresdner Arbeitsagentur Jan Prazka.
Unternehmen, das gilt auch für den Theaterkahn, bräuchten jetzt vor allem Planungssicherheit. Geschäftsführer und Intendant Holger Böhme hofft, im September wieder spielen zu können.

"Selbstverständlich wird, je länger wir nicht spielen können, das immer schwieriger. Da geht es uns wie allen Unternehmen, und wenn ich ein Reifenhandel wäre, das wäre das Gleiche. Ich kann eine Weile durchhalten. Ich freue mich, dass ich etwas länger durchhalten kann als Lufthansa. Aber natürlich nicht ewig."

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