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Interview / Archiv | Beitrag vom 31.08.2018

Drei Jahre "Wir schaffen das""Die Politik hat uns Ehrenamtliche nie genug verteidigt"

Petra Nordling im Gespräch mit Julius Stucke

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Man sieht eine Halle mit Regalen voller Kleidung und Helfer, die Kleidungsstücke sortieren. (picture-alliance / dpa / Martin Schutt)
Helfer sortieren Kleidung für Flüchtlinge auf dem Messegelände in Erfurt. (picture-alliance / dpa / Martin Schutt)

Vor drei Jahren sagte Angela Merkel ihren berühmten Satz zur Aufnahme von Flüchtlingen "Wir schaffen das". Unzählige Ehrenamtliche engagierten sich damals bereits für deren Integration - auch Petra Nordling. Die Politik hätte mehr tun müssen - nicht nur gegen Diffamierungen, sagt sie.

"Wir schaffen das" - dieser Satz von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist inzwischen drei Jahre alt. Sie sagte ihn am 31. August 2015 in der Bundespressekonferenz, es ging um die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen durch Deutschland. Schon bevor Merkel diesen Satz sagte, haben sich in ganz Deutschland zahlreiche ehrenamtliche Helfer für die Geflüchteten engagiert. Eine davon ist Petra Nordling vom Helferkreis "Willkommen in Vilsbiburg" in Bayern, der 2015 gegründet wurde.

Auslöser, sich zu engagieren, sei gewesen, dass Bayern in den Jahren 2012 bis 2014 anfing, Flüchtlinge dezentral unterzubringen, erzählt Nordling im Deutschlandfunk Kultur. "Die Menschen waren nicht mehr in großen Lagern untergebracht, sondern sind in kleinen Einheiten zu uns in die Dörfer und Städte gekommen." Die Motivation der Ehrenamtlichen sei gewesen "zum einen Unterstützung zu leisten gerade für jemanden, der des Deutschen nicht mächtig ist und unsere komplizierte Welt verstehen muss; und zum anderen auch, den sozialen Frieden in unseren Dörfern und Städten zu gewährleisten". Anfang 2015 habe es verschiedene Projektgruppen in der Stadt gegeben. "Die einen haben bei Behörden und Arztbesuchen unterstützt, die anderen haben Deutschkurse gegeben und die nächsten haben in Arbeit und Ausbildung vermittelt."

Diffamierungen wie "Gutmensch"

Es habe zwar immer Leute gegeben, "die gesagt haben, wir brauchen hier keine Flüchtlinge, keine illegal Eingewanderten, warum kümmert ihr Euch um die?", erklärt Petra Nordling. Anfangs sei der Blick aus dem Umfeld der Ehrenamtlichen auf diese Arbeit aber positiv gewesen. Im Laufe des Jahres 2015 habe die kritische Sicht darauf dann aber zugenommen.  Als die Flüchtlingszahlen in Deutschland stark anstiegen und nach Merkels "Wir schaffen das" - "ab dem Zeitpunkt wurde es dann schwieriger", so Nordling.

Das Gefühl, dass trotz des Wortes "Wir" in "Wir schaffen das" aus der Politik wenig kommt und die tatsächliche Arbeit den Ehrenamtlichen überlassen wird, kenne sie, sagt Nordling. "Das haben wir sehr bald gemerkt." Besonders, als diffamierend gemeinte Worte wie "Bahnhofsklatscher" und "Gutmenschen" auftauchten. "Da hatte ich das Gefühl, dass wir Ehrenamtliche von der Politik nie genug verteidigt worden sind." Es sei nicht genug herausgestellt worden, wie wichtig das für das gesellschaftliche Leben sei, dass sich so viele Menschen in ganz Deutschland uneigennützig engagierten. "Da, glaube ich, hat die Politik was versäumt."

Sie habe auch den Eindruck, dass der Einsatz der Ehrenamtlichen auch auf Ebene der Bürokratie und der Politik nicht so richtig gewollt wurde. Das zeige sich vor allem an der Abschiebepolitik. Deutschland investiere viel Geld in Leute etwa in Schule und Ausbildung - und schiebe sie dann ab. "So wie heute geschehen: einen super-integrierter Äthiopier, der kurz vor seinem Masterabschluss steht, ehrenamtlicher Rettungsassistent ist und heute im zweiten Anlauf nach Ätiopien zurückgeschoben wurde. Ich kann das nicht verstehen!", sagt Nordling.

(abr)

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