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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.02.2008

Drastischer Realismus aus Kroatien

"Kein Gott in Susedgrad. Neue Literatur aus Kroatien". Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung. Frankfurt a.M. 2008. 302 S. und "Südliche Luft. 20 Liebeserklärungen an Kroatien". List Taschenbuchverlag.

Die kroatische Flagge weht auf einem Fährschiff in der Adria (AP)
Die kroatische Flagge weht auf einem Fährschiff in der Adria (AP)

Die kroatische Literatur ist bis auf ein, zwei rühmliche Ausnahmen den deutschen Lesern weitgehend unbekannt. Abhilfe könnten da zwei Anthologien schaffen, die rechtzeitig zur Leipziger Buchmesser erscheinen, die Kroatien in diesem Jahr als Schwerpunkt hat. In allen Texten geht es kraftmeierisch zur Sache.

Anthologien haben es schwer. Sie sind erste Orientierungen in unbekannten Gefilden, auf die der Leser bald undankbar zurückblickt. Gleich zwei, glücklicherweise gänzlich unterschiedliche Anthologien erscheinen zum Kroatien-Schwerpunkt der Leipziger Buchmesse im März: "20 Liebeserklärungen an Kroatien" enthält die eine, "Neue Literatur aus Kroatien" stellt die andere vor.

Die ältere Literatur der seit 1991 unabhängigen Nation, zu deren Altstars etwa Miroslav Krleža gehört, dürfte den meisten hiesigen Lesern unbekannt sein. Im Gegensatz möglicherweise zu zwei Autorinnen, die gegen den nationalistischen Furor unter dem ersten Staatspräsidenten Tudjman anschrieben und das Land verließen oder hin und her pendelten: Dubravka Ugrešić und Slavenka Drakulić.

Jünger als beide ist die neue Literatur, die der angesehene kroatische Verleger Nenad Popović für "Kein Gott in Susedgrad" ausgewählt hat. Die eine Autorin und ihre zehn Kollegen sind in den sechziger und siebziger Jahren geboren worden. Sie haben die Kriege von 1991 bis 1995 bewusst und manche von ihnen als Soldaten erlebt. Zu dieser Zeit existierte die kroatische Literatur, so Popović in einem viel zu knappen Nachwort, eher in Bosnien und Herzegowina: Ivan Lovrenović veröffentlichte 1993 Aufzeichnungen aus dem belagerten Sarajevo, und Miljenko Jergović 1994 den erfolgreichsten Prosaband der neunziger Jahre, "Sarajevo Marlboro" (deutsch 1996).

Jergović fehlt in der bei Schöffling erschienenen Anthologie, vielleicht, weil derselbe Verlag gerade seinen Roman "Das Walnusshaus" veröffentlicht. Auf alle bekannten Namen mochte Nenad Popović aber nicht verzichten: So präsentiert er den eloquenten Igor Stikš, dessen Roman "Die Archive der Nacht" Claassen publiziert, sowie den wunderbaren, seit Jahren vom Folio Verlag ins Deutsche übersetzten und dennoch viel zu wenig bekannten Zoran Ferić, der in seinen Büchern auf martialische Effekte verzichtet, seine Protagonisten jedoch abgründige Erschütterungen durchleiden lässt.

Die Prosa der übrigen, hierzulande bisher unbekannten Autoren ist von größerer Deutlichkeit. Der Krieg ist darin meist präsent: als Ereignis, in der gelungenen Satire "Die Bakterie" von Boris Dežulović als anhaltende Verstörung, in der Regel jedoch schlicht als Ursprung der Gewalt zwischen den Figuren. Der Nationalismus kommt dabei stets schlecht weg.

Die Themen lassen sich mühelos mit "sex and drugs and rock 'n roll" zusammenfassen, wobei die Protagonisten, mehrheitlich junge Männer, der Liebe gern mit einer Fremden, noch lieber mit der Ehefrau oder Freundin des Freundes frönen. Dazu passend dominieren, sieht man einmal von der Reise- und philosophischen Prosa ab, realistische Erzählweisen. In Kroatien scheint die Post auf westeuropäisch-amerikanische Weise abzugehen, modifiziert nur durch ein kraftmeierndes männliches Rollenverständnis.

Der zweiten Anthologie wünscht man dagegen etwas von diesem Realismus. "Südliche Luft. 20 Liebeserklärungen an Kroatien" heißt sie wohl, damit sie nach der Leipziger Messe noch an Urlauber verkauft werden kann. Die meisten Autoren, unter ihnen Liane Dirks, Erica Fischer, Wladimir Kaminer, Veit Heinichen und Juli Zeh, erinnern sich an Aufenthalte in Dalmatien, Istrien oder auf einer der 1200 Inseln vor und nach 1990.

Der vorherrschende sentimentalische Erzählton weckt Erinnerungen an Diaabende. Literarisch gelungene Erzählungen von Ingo Schulze und Franziska Gerstenberg gibt es, sie könnten aber ebenso gut in Bänden zu Slowenien oder Montenegro stehen. Die südliche Luft weht eben, wo sie will.

Rezensiert von Jörg Plath

Kein Gott in Susedgrad. Neue Literatur aus Kroatien
Herausgegeben von Nenad Popović
Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung. Frankfurt a.M. 2008.
302 S., 19,90 Euro.

Alida Bremer/Silvija Hinzmann/Dagmar Schruf (Hg.): "Südliche Luft. 20 Liebeserklärungen an Kroatien"
List Taschenbuchverlag. Berlin 2008.
220 S. 8,95 Euro

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