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Länderreport | Beitrag vom 09.07.2019

Dramatische Rettungsaktion im Pazifik Gekentert, aber nicht gebrochen

Von Thorsten Philipps

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Der Abenteurer Pieske sitzt in einem Beiboot und schlägt die Hände überm Kopf zusammen. (Pieske)
Auf offener See rettete sich der Abenteurer Pieske in ein Beiboot. Die zwei Mitfahrer sicherten etwas Proviant. (Pieske)

In einem nachgebauten Auslegerboot eiferte der 75-Jährige Lübecker Burghard Pieske den polynesischen Seefahrern nach – und kenterte auf offener See. Pieske überlebte nur durch Glück. In See stechen will er trotzdem bald wieder.

40 Männer und Frauen stehen im Kreis und singen vor einem riesigen Baum. Es ist die Abfahrtszeremonie für den Mann, den sie hier auf Guam im Pazifischen Ozean so sehr verehren: Burghard Pieske aus Lübeck an der Ostsee. Denn er will den Migrationsweg der Polynesier nachsegeln – zusammen mit zwei Einheimischen, die er hier vor zwei Wochen an der Universität der Insel Guam kennengelernt hatte.

Mit einem nachgebauten polynesischen Auslegerboot – der Proa – will er sich auf den Weg machen. Eigentlich wird sie aus Kokosfasern und Pandanusblättern zusammengehalten. Priester der Insel segnen seine Proa, die äußerlich genau dem Boot der Ureinwanderer, der Chamorros, nachgebaut ist

Eine Böe wie ein Kugelschuss

Vor drei Jahren kam Pieske zum ersten Mal auf die Insel mit 164.000 Einwohnern. Guam liegt im Mariangraben – der tiefsten Stelle der Welt – ein Drittel der Inselgruppe ist unbewohnt. Für ihn ist so eine Reise eigentlich nichts Neues, aber vor etwa einem Monat tobte ein schwerer Orkan im Pazifik.

Die ganze Nacht kämpfte sich Burghard Pieske mit seinen jungen Kollegen auf dem katamaranartigen Boot durch die Wellen Richtung Palau.

Am Morgen legt er sich in die Kajüte, will sich ein bisschen ausruhen, doch nach einer Stunde dösen passiert es: "Dann kam aus einer dunklen Wolke eine Hammer-Böe, man sagt auch Bullet dazu, also praktisch ein Kugelschuss, ins Segel, und plötzlich drehte sich das Ganze und die Matratze lag auf mir, genauso wie der ganze Proviant, der unter mir verstaut war. Ich lag in einem Wust von Ausrüstungsteilen, und da wusste ich genau – gekentert."

Das gekenterte Auslegerboot des Abenteurers Pieske aus der Vogelperspektive (Pieske)Gekentert, mitten in einem der einsamsten Seegebiete: Pieske, zwei Freunde und die Proa. (Pieske)

Dann taucht er raus aus dem Rumpf des Bootes, denn drinnen ist Benzin des Außenboardertanks ausgelaufen, nicht ganz ungefährlich.

"Wir sind immer wieder in diese Benzinwolke getaucht. Und ich hab mir gesagt, wenn jetzt ein elektrischer Funke oder irgendetwas ist, explodiert das ganze Schiff. Wir können da nicht überleben", sagt Pieske. "Meine Freunde sind immer wieder reingetaucht, es war ja ein sehr junger dabei, wie ein Fischotter ist der immer rein und raus und holte Proviant. Wir hatten also einen 20 Liter Wasserkanister gleich draußen in ein Beiboot getan. Ich habe gefroren und am ganzen Körper gezittert, weil ich eben die Nacht vorher auch nicht geschlafen hatte."

Die Körperkräfte schwinden

Gut, dass er ein Seenotsicherheitsfunkgerät noch griffbereit hatte und einen Seenotspruch absetzen kann. "Und dann kam ganz groß, rot eingerahmt: 'Rescue in Progress'. Die Rettungsmaßnahmen wurden eingeleitet. Und damit wusste ich: sie haben mich."

Achteinhalb Stunden ist er dann im Wasser, er denkt immer wieder an seinen Enkel, mit dem er noch einen Segelkurs machen will.

"Ich merkte, wie die Körperkräfte von Stunde zu Stunde nachließen, durch diesen Wind. Wir wurden immer wieder überspült."

Die Gedanken an den Enkel und seine Frau Silke geben ihm Kraft – die ist in Lübeck geblieben. Als sie von dem Unglück hört, kommen ihr die Tränen: "Das kann man gar nicht in Worten ausdrücken. Ich war geschockt, ich war gelähmt, ich wusste gar nicht, was ich machen sollte. So etwas möchte ich nie wieder erleben. Ich habe stundenlang dagesessen und mich gefragt: Was machst du? Es war schrecklich, weil ich nie wusste, ob sie alle überlebt haben."

Der Abenteurer Pieske von Wasser überspült im Beiboot auf offener See (Pieske)Nasse Klamotten und eisige Kälte: Im Beiboot war Pieske der Natur gnadenlos ausgeliefert. (Pieske)

In einem Beiboot, das an dem nachgebauten, 100.000 Euro teuren Katamaran, befestigt ist, kämpft Burghard Pieske ums Überleben. Mitten in einem der einsamsten Seegebiete der Welt in Mikronesien treibt er, für die Rettungsschiffe nicht erreichbar, er ist zu weit weg von der Insel. Ein russischer Frachter, der von Jakarta nach Bankok fahren will, dreht bei – fährt extra 500 Seemeilen Umweg, um die Menschen zu retten.

Abenteurer unter Hausarrest

"Die Decksleuchtung, das sah aus, als wenn die Skyline von Manhatten da vorbeitreibt. Und wir sind da voll drauf zu. Das war gut gemacht. Die sagten uns: 'Wir haben kein Boot, wir können euch nicht retten vom Boot. Seid ihr in der Lage, die Lotsentreppe' –das ist so eine Lotsenleiter – 'hochzugehen?' Da hab' ich gesagt: 'Ich bin der Meinung, das schaffen wir, wenn das Deck nicht zu hoch ist, so sechs, sieben Meter. Und das ging bilderbuchmäßig ab", schildert Pieske.

Seine Frau ist natürlich erleichtert: "Es war nicht schön. Aber die Nachricht, das alle drei überlebt haben, das war für mich wie eine Zweitgeburt."

Sie hat ihm jetzt erst mal Hausarrest gegeben, aber lange lässt sich der Abenteurer nicht von seinem Projekt fernhalten. Im Dezember will er erneut in See stechen. "Jetzt hätte ich schon in Neu Guinea oder den Salomon Inseln seien können", erzählt Pieske.

Er will zeigen wie die Urvölker damals von Insel zu Insel gegen den Passat, den Südostwind gesegelt beziehungsweise gewandert sind und davon lässt er sich auch nicht durch – Zitat Pieske: "so eine kleine Havarie" – die ihm das Leben hätte kosten können, abhalten.

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