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Religionen / Archiv | Beitrag vom 24.12.2019

Dota Kehr und Gerhard Schöne über HeiligabendMit dem Fenster zum Himmel, der Türe zur Welt

Dota Kehr und Gerhard Schöne im Gespräch mit Anne Françoise Weber

Der Liedermacher Gerhard Schöne (Verlag Buschfunk Berlin)
Gerhard Schöne wünscht sich, dass ein Engel den Kindern zuruft: "Jetzt geht's ans richtige Leben!" (Verlag Buschfunk Berlin)

Was sind ideale Weihnachten? Die Liedermacher Dota Kehr und Gerhard Schöne raten dazu, die Erwartungen herunterzuschrauben. Ein Gespräch über ihre Musik, zwei Liedzeilen, die sie verbinden - und was sie sich von einem Engel wünschen.

Die Berliner Liedermacherin Dota Kehr und ihr in Meißen lebender Kollege Gerhard Schöne begegnen sich in unserem Studio zum ersten Mal persönlich. Dabei hat Schöne durch zwei Liedzeilen Dota Kehr schon zu einem ihrer frühen Songs inspiriert.

In ihrem Gespräch zu Heiligabend geht es aus dem Blickwinkel von zwei unterschiedlichen Generationen um Vorbilder, Idealbilder und Zerrbilder – nicht nur von Weihnachten, sondern auch in der Musik oder im gesellschaftlichen Zusammenleben.

Tanz um den Tannenbaum

"Mein Zerrbild von Weihnachten sind die übersteigerten Erwartungen, dass das alles rund und ideal läuft, und sich alle gegenseitig Stress machen, dieses Idealbild zu erfüllen, und sich dann doch überfordert fühlen", sagt Gerhard Schöne. Zusammen mit seiner großen Familie versuche er, es mit den Erwartungen nicht so verbissen zu sehen: "Seit ein paar Jahren tanzen wir, obwohl wir christlich miteinander singen und feiern, um den Tannenbaum. Das hab ich den Schweden abgeguckt. Und das macht so viel Spaß!"

Die Liedermacherin Dota Kehr (Annika Weinthal)Ein Weihnachtsengel sollte "Trost geben und Schmerzen lindern überall, wo es nötig ist", sagt Dota Kehr. (Annika Weinthal)

"Meine Mutter ist Psychologin und hat mir immer erzählt, dass Weihnachten die härteste Zeit im Jahr ist – auch für alle Menschen, die einsam sind oder mit Depressionen zu kämpfen haben", sagt Dota Kehr und betont: "Es würde wahrscheinlich allen gut tun, sich ein bisschen davon zu lösen."

Die 40-Jährige begrüßt es, wenn ihre beiden Kinder Dinge zu Weihnachten geschenkt bekommen, die noch gut, aber schon gebraucht sind: "Ich finde das eine sehr gute Maßnahme, um den Konsum zu reduzieren."

Dota Kehr: Sozial geht es seit dem Mauerfall bergab

In ihren Anfangszeiten nannte sich die Musikerin "Kleingeldprinzessin" und gab auch ihrem Debütalbum 2003 diesen Titel. Inzwischen hat sie mehr als ein Dutzend Alben veröffentlicht und eine Band mit drei Musikern, mit der sie unter dem gemeinsamen Namen "DOTA" auftritt.

Ab Januar 2020 tourt sie wieder in großer Besetzung. Musikalische Vorbilder und Einflüsse waren für sie zum Beispiel brasilianische Musik wie der Bossa Nova oder der Liedermacher Funny van Dannen. Sie lässt sich auch von Autorinnen und Autoren wie Mascha Kaléko, Walter Benjamin oder Christa Wolf inspirieren.

Auf dem Schwarzweißfoto blicken die Musikerin Dota Kehr und der Gitarrist Jan Rohrbach aus der Band DOTA von unten in die Kamera (Annika Weinthal)Dota Kehr und der Gitarrist Jan Rohrbach aus der Band "DOTA". (Annika Weinthal)

Auf die gesellschaftlichen Veränderungen seit 1989 blickt die 1979 in West-Berlin geborene Künstlerin kritisch: "Was die soziale Gerechtigkeit angeht und die Absicherung in den Sozialsystemen ist es ganz eindeutig seit dem Fall der Mauer bergab gegangen, weil es im Westen niemandem mehr besser gehen musste als drüben. Also es hatte auch etwas mit der Konkurrenz dieser Systeme zu tun."

Gerhard Schöne: "Die Kinderlieder waren ein Schutz"

Gerhard Schöne, der in den 1950er- und 60er-Jahren als Pfarrerssohn in einer Kleinstadt in Sachsen aufwuchs, wurde in der DDR das Schauspielstudium in der DDR verwehrt, weil er den Dienst an der Waffe verweigerte. Er war in der kirchlichen Jugendarbeit tätig, arbeitete als Briefträger und absolvierte ein Fernstudium an der Musikhochschule Dresden. Manche nahmen es dem Liedermacher übel, dass er, der vor allem mit seinen Kinderliedern bekannt wurde, auch auf staatlichen Bühnen spielte.

"Obwohl ich nicht bei den Pionieren und nicht bei der FDJ war und überhaupt relativ kritisch war, fand ich den Sozialismus nicht so doof wie manche meiner Mitchristen und war überhaupt weder mit denen einer Meinungen noch in irgendwelchen FDJ-Kreisen einer Meinung, wo ich dann auch gesungen habe", sagt Schöne. 1989 wurde er mit dem Nationalpreis der DDR geehrt, und zugleich engagierte er sich in der Bürgerrechtsbewegung.

Liedermacher Gerhard Schöne beim Kinderkonzert "... denn Jule schläft fast nie". (René Matschkowiak)Gerhard Schöne beim Kinderkonzert "... denn Jule schläft fast nie". (René Matschkowiak)

"Die Kinderlieder waren mir auch zu DDR-Zeiten in gewisser Weise ein Schutz", erklärt Schöne. Sie seien im Fernsehen gesendet worden und Menschen, die ihm vielleicht etwas Böses gewollt hätten, hatten über ihre Kinder einen milderen Blick auf ihn, erinnert er sich. Der 67-Jährige ist heute Vater von sechs Kindern. Seine erste Schallplatte erschien 1981. Inzwischen blickt er auf eine Vielzahl von veröffentlichten Alben und Büchern zurück. Spürt er im 30. Jahr des Mauerfalls bei seinem Publikum noch einen Unterschied zwischen Ost und West?

"Das Publikum ist mit mir auch älter geworden. Ich spiele sehr viel in Kirchen. Es gibt drei Programme, die ich mit einem Organisten und einem Saxofonisten aufführe, und da ist es ohnehin ein relativ altes Publikum und wohlsituiert. Da merkt man gar keinen Unterschied." Seine Kunst hatte zu DDR-Zeiten einen wichtigen Stellenwert. Als er einmal in West-Berlin eine von Passanten unbeachtete kleine Demonstration miterlebte, fragte er sich: "Ist das jetzt besser, mit kleinen Zeichen Gehör zu finden, wie es in Konzerten meinetwegen durch Andeutungen oft möglich war, oder zu brüllen und keiner hört hin?"

Sorge bereitet ihm, dass das Bild der Ostdeutschen durch Pegida und AfD immer negativer wird – bei Konzerten im Westen der Republik werde er oft auf diese Formationen angesprochen, für die er wenig Verständnis habe.

Der Ost-West-Test

"In deinen vier Wänden ein bergendes Zelt, mit dem Fenster zum Himmel und der Türe zur Welt" sind zwei Zeilen aus dem Lied "Unterm Dach" von Gerhard Schöne, das Dota Kehr mit seiner Erlaubnis in einem ihrer älteren Songs "Alles Du" verwendet hat. "Und manchmal frage ich, bevor ich das Stück spiele, ob die Leute Gerhard Schöne kennen, und wenn dann sich nur ganz wenige melden, sage ich: Ah, alles Wessis!", erzählt Dota Kehr lachend.

Sie betont, dass es ihr immer wichtig gewesen sei, als Musikerin unabhängig zu bleiben. Dies sei aber mit der wachsenden Bedeutung von Streamingdiensten kaum noch möglich: "Ich habe keine Plattenfirma, kein Management, niemand redet mir rein. Und jetzt hängen eben die Erlöse von den Tonaufnahmen an den größten Firmen der Welt. Da kriegt man dann von Google Play und Amazon und Apple und Spotify das Geld überwiesen, wenn Leute die Aufnahmen hören, und das finde ich furchtbar!"

Gerhard Schöne hat auch alte Choräle oder Kirchenlieder von Paul Gerhardt ins Heute übertragen. Was denken die Liedermacherin und der Liedermacher aus zwei verschiedenen Generationen: Würde mehr Christentum, mehr Religion die Welt zu einem besseren Ort machen?

Dota Kehr: "Eine zwiespältige Haltung zur Religion"

"Ich habe eine zwiespältige Haltung zur Religion", sagt Dota Kehr und betont, dass diese Privatsache sei. "Und ich glaube, jede Religion muss mit ihren Atheisten vernünftig umgehen. Dass man auch sagen kann, ich möchte hier nicht mehr teilhaben, und trotzdem nicht aus Familien ausgestoßen wird." Schöne ergänzt: "Zur Kernbotschaft gehört, glaub ich, nichts Ausschließendes dazu, sondern die Frage ist, wie es praktiziert wird. Dass es da manchmal welche gibt, die sagen: Wir haben Recht und wir denken oder glauben richtig."

Wenn die beiden heute an Heiligabend einen Engel losschicken dürften, was sollte er tun? "Trost geben und Schmerzen lindern überall, wo es nötig ist", sagt Dota Kehr. Er mache sich zunehmend darum Sorgen, "dass Kindheit immer mehr durch Termine, durch Medien gestutzt und verhindert wird", ergänzt Gerhard Schöne. "Das wünsche ich mir, dass der Engel die Kinderaugen hell macht und dass es Menschen gibt in ihrem Umfeld, die sagen: Los, wir erleben jetzt Abenteuer und lass mal das Ding hier liegen! Jetzt geht's ans richtige Leben!"

(cosa)

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