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Buchkritik | Beitrag vom 17.09.2020

Dorothee Elmiger: "Aus der Zuckerfabrik"Hunger, Liebe und Begehren

Von Jörg Magenau

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Cover des Buchs "Aus der Zuckerfabrik" von Dorothee Elmiger vor Aquarell-Hintergrund (Cover: Hanser / Collage: Deutschlandradio)
Erzählen hieße, eine künstliche Ordnung zu inszenieren, sagt die Schriftstellerin Dorothee Elmiger. (Cover: Hanser / Collage: Deutschlandradio)

"Aus der Zuckerfabrik", nominiert für die Shortlist des Deutschen Buchpreises, verweigert sich jeder Ordnung. Stattdessen lässt Dorothee Elmiger Fundstücke, Lesefrüchte und Beobachtungen zusammenprallen, auf dass Erkenntnisse aufblitzen.

Um Zucker geht es in "Aus der Zuckerfabrik" auch: um Zuckerrohrfelder auf Haiti, um Sklaverei und Kolonialisierung, um die Fingerspitzen des Ökonomen Adam Smith, die er so gern in die Zuckerschale getaucht hat. Und um einen Film von Chantal Akerman, in dem die Protagonistin Zucker aus einer braunen Papiertüte leckt, während sie Briefe schreibt. Tatsächlich aber geht es in diesem Buch nicht um Zucker, sondern um das Chaos der Welt, um Max Frisch in Montauk, um Hunger, Liebe und Begehren, um Teresa von Avila, das Ich und den Körper, um Lektüren und immer wieder um einen Schweizer Lottokönig, einen Arbeiter, der sein gewonnenes Vermögen sehr rasch wieder verlor.

Die Szene der Versteigerung zweier Frauenfiguren aus Holz, die ihm gehörten, ist das Zentrum dieses seltsamen Buches, das weder Roman noch Essay noch Lyrik genannt werden kann, weil es erklärtermaßen "keiner feststehenden Ordnung" folgt. Dorothee Elmiger versucht, die nur "wenige Augenblicke dauernde Konvergenz verschiedenster Stränge der Geschichte" aufzuspüren, so als "kollidierten unterschiedlichste Gesteinsobjekte, Himmelskörper". Aus diesen Zusammenstößen gewinnt sie ihre Erkenntnisblitze.

Erzählen kommt nicht infrage

Formal besteht der Text aus kurzen Abschnitten, die mit Querstrichen voneinander getrennt und im Flattersatz gedruckt sind, als handle es sich um ein unformatiertes, unfertiges Manuskript. Das entspricht eher dem Blick in ein Notizbuch, einer Sammlung von Fundstücken, Eindrücken, Lesefrüchten, Gedanken und Beobachtungen. Das "Ich", das sich in diesem Material konturiert, umfasst all diese Skizzen, aber eben nicht als ordnende Kraft, sondern eher als Magnet, der alles anzieht und allein den Zufall entscheiden lässt, was Ludwig Binswangers Patientin Ellen West mit Joseph Roth oder Marie-Luise Kaschnitz zu tun haben könnte.

Dieses Ich ist sich selbst so ungewiss, dass Erinnerungen an Ereignisse vor ein paar Tagen so wirken, als hätte jemand anderes sie erlebt. Schreiben schafft für dieses "Ich", das "Erzählerin" zu nennen verkehrt wäre, keine Klärung, sondern stiftet immer neue Verwirrung. Die eigene Person im Text vorkommen zulassen, sagt dieser Person nicht zu, auch dann nicht, wenn sie lediglich mitteilen möchte, gerade ein Schinkenbrot zu verzehren. Erzählen kommt schon deshalb nicht infrage, weil die Gegenwart jederzeit dazugehört, all das, was der Text ausschließt oder voraussetzt. Nicht zuletzt diese Frau dort am Schreibtisch, die sich als Schreibende und als Frau erlebt und präsentiert und der jeder Satz, der da Wirklichkeit behauptet, fragwürdig scheint, und wenn es nur die am Schreibtisch in der Schweiz festgeschriebene Behauptung ist: "Ich stehe auf einem Parkplatz an der amerikanischen Ostküste". Ja wie?

Alle Dinge sind liebbar

"Aus der Zuckerfabrik" ist eine anstrengende Lektüre, weil sich Zusammenhänge bei diesen Gängen durch das Chaos nicht als Narration, sondern nur als kosmische Explosionen einstellen. Erzählen hieße, eine künstliche Ordnung zu inszenieren. Dorothee Elmiger verweigert diese schöne Gewohnheit, um auf diese Weise dem unmittelbaren, unverstellten Sein näher zu kommen. Das Sein ist alles, was ist, und alles, was ist, drängt in jedem Augenblick in den Text hinein. Die Liebe spielt dabei eine entscheidende Rolle, vor allem die Liebe zu C., der als Abwesender so sehr anwesend ist, dass seine Liebe auf alle Dinge abfärbt und deshalb alle Dinge liebbar sind. Die Welt ist eben nicht nur das Vorhandene, sondern etwas, das sich im Hinsehen verwandelt.

Diesen Prozess phänomenologisch zu erfassen, ist das Anliegen von Dorothee Elmiger. Ob man ihr "bis hierher folgen oder dies alles als Protokoll eines Wahns, als Material für eine Fallstudie lesen wird", wie die Autorin sich einmal fragt, muss jeder Leser, jede Leserin für sich entscheiden. Wer ihr folgt, wird mit einem Übermaß an Irritation und Chaos und kühner Kombinatorik belohnt. "Aus der Zuckerfabrik" ist ein Textkörper, den man nicht lesend durchpflügt, sondern dem man sich aussetzen muss.

Dorothee Elmiger: "Aus der Zuckerfabrik" 
Hanser-Verlag, München 2020
272 Seiten, 23 Euro
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