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Lesart / Archiv | Beitrag vom 09.12.2014

DoppelbiographieDer Auschwitz-Kommandant und sein Jäger

Der britische Buchautor und Journalist Thomas Harding über sein Buch "Hanns und Rudolf"

Moderation: Joachim Scholl

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Der Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz, Rudolf Höss (Mitte), steht Mitte der 40er-Jahre auf dem Flugplatz in Nürnberg. Er wird zusammen mit einer Gruppe Offiziere nach Polen ausgeliefert. (picture alliance / dpa)
Der Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz, Rudolf Höss, wird zusammen mit einer Gruppe Offiziere nach Polen ausgeliefert. (picture alliance / dpa)

Thomas Harding hat sich auf Spurensuche in seiner eigenen Familie begeben: In dem Buch "Hanns und Rudolf" erzählt er die Geschichte der Festnahme des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß durch den Juden Hanns Alexander, seinen Großonkel.

In seinem Buch "Hanns und Rudolf" erzählt Thomas Harding die Lebensgeschichte des Juden Hanns Alexander. Er hat nach 1945 den Lager-Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, aufgespürt und dingfest gemacht. Die Beschäftigung mit diesem Thema war für Harding auch eine familiäre Spurensuche: Der britische Journalist, Dokumentarfilmer und Autor ist der Großneffe von Hanns Alexander.

Während der Arbeit an dem Buch hätten sich für ihn bestimmte Fragestellungen ergeben, erzählte Thomas Harding:

"Wie wird man überhaupt in Auschwitz ein Kommandant? Und wie wird man ein Opfer in der Zeit des Nazi-Regimes? Flieht dann nach England, kommt wieder zurück, um die Täter zu verfolgen. Und dann dachte ich mir: Eigentlich ist das hier die Geschichte zweier deutscher Jungens, die streckenweise mit den gleichen kulturellen Einflüssen aufgewachsen sind."

Der Böse und der strahlende Held

Am Anfang seiner Arbeit habe er Hanns Alexander und Rudolf Höß noch sehr stark als Antagonisten gesehen, berichtete Harding. Auf der einen Seite habe es den Bösen, das Monster gegeben, auf der anderen Seite den strahlenden Helden:

"Dann habe ich aber sehr schnell gemerkt, dass es doch beides kompliziertere Charaktere waren. Auch mein Großonkel Hanns hat schon in seiner Jugend und Kindheit einige böse Streiche gespielt. Also das war schon jemand, der seine dunklen Seiten hatte. Und Rudolf Höß dagegen war jemand, der von seiner eigenen Familie geliebt wurde."

Er habe sich gefragt, wie so ein Mann zum kaltblütigen Mörder von über einer Million Frauen, Männern und Kindern werden konnte, sagte Harding. Deshalb habe er sich auch intensiv mit der Persönlichkeit von Höß beschäftigt:

"Nach sechs Jahren Recherche habe ich eben festgestellt: Er war sehr intelligent. Er war jemand, der ein Materialist war. Er wollte beispielsweise, dass seine Frau in einem sehr schönen Haus wohnt. Er war ein Günstling von Heinrich Himmler. Also auch solche Sachen waren ihm nicht fremd. Und dennoch war er kein Psychopath."

 


 

Das Interview im Wortlaut:

Joachim Scholl: Der britische Journalist und Dokumentarfilmer und Autor Thomas Harding ist Jahrgang 1968 und stammt aus einer jüdischen Familie, die nach 1933 nach London floh und sich dort ein neues Leben aufbaute. Zu dieser Familie gehörte auch Hanns Alexander. Erst nach dessen Tod erfuhr Thomas Harding, dass dieser Hanns Alexander, er war der Neffe, nach 1945, nach dem deutschen Zusammenbruch, ein Nazijäger wurde und einen der berüchtigtsten NS-Kriegsverbrecher aufspürte. Diese Familiennachricht hat Thomas Harding elektrisiert und er hat sich auf Spurensuche begeben, auf die Spuren von beiden Männern, und diese Geschichte erzählt Thomas Harding nun in seinem Buch „Hanns und Rudolf". Der Autor war bei uns zu Besuch im Studio und ich habe ihn als erstes gefragt, wie er auf den Gedanken kam, die Biografie von beiden parallel zu erzählen, von Jäger und Gejagtem.

Thomas Harding: Nun, ich begann mit diesem Projekt, als ich herausbekam, dass mein Großonkel Hanns einer der wichtigsten Nazijäger war, der nämlich den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß zur Strecke gebracht hatte. Und meine Familie stammt aus dem Norden Londons und wir kennen uns eigentlich ganz gut, vielleicht kennen wir uns manchmal zu gut, aber keiner wusste über diese Geschichte so richtig Bescheid.

Und als ich mich dann selber auf Spurensuche begab, wie mein Großonkel Rudolf Höß aufgespürt hat, da habe ich mir dann plötzlich gesagt: Wie wird man überhaupt in Auschwitz ein Kommandant und wie wird man ein Opfer in der Zeit des Naziregimes, flieht dann nach England, kommt wieder zurück, um die Täter zu verfolgen? Und dann dachte ich mir: Eigentlich ist das hier die Geschichte zweier deutschen Jungs, die streckenweise mit den gleichen kulturellen Einflüssen aufgewachsen sind. Und das erschien mir sehr interessant, das zu erzählen, aber natürlich auch, wie beide dann ein gänzlich gegensätzliches Schicksal plötzlich einnehmen.

"Beides sind sehr komplizierte Charaktere"

Scholl: Deutsche Jungs, sagen Sie, Thomas Harding. Nun ist auf der einen Seite der eine Junge, Hanns Alexander, gewissermaßen der Held Ihrer Familie, der einen berüchtigten Kriegsverbrecher zur Strecke bringt, the good guy also, auf der anderen Seite der andere Junge, da steht eben dieser kaltblütige SS-Mann, der aus ihm wurde, ein Bürokrat des Massenmordes. Welche Haltung haben Sie denn zu ihm, also dem bad guy, entwickelt?

Harding: Als ich begann mit meinem Buch, da habe ich sie noch sehr stark als Antagonisten gesehen, auf der einen Seite eben den Bösen, das Monster, auf der anderen Seite diesen strahlenden Helden, wie Sie selber gesagt haben, den good guy. Dann habe ich aber sehr schnell gemerkt, dass es doch beides kompliziertere Charakter waren.

Also auch mein Großonkel Hans beispielsweise, der hat schon auch in seiner Jugend und Kindheit einige böse Streiche gespielt, hat jemanden am Baum festgebunden, eine Straßenbahn zum Entgleisen gebracht. Also das war schon jemand, der seine dunklen Seiten hatte.

Und Rudolf Höß dagegen war jemand, der von seiner eigenen Familie geliebt wurde. Ich habe mit seiner Tochter gesprochen und sie hat mir gesagt, das war der liebste Mann und Vater, den man sich überhaupt noch vorstellen konnte. Und wie geht das, dass so ein Mann dann auch der kaltblütige Mörder ist von über einer Million Frauen, Männern und Kindern, der jeden Tag zusieht, wie tausende von Juden und anderen Häftlingen in Auschwitz umgebracht wurden und andererseits so viel Empathie aufbringt, wenn es um seine eigene Familie geht?

"Höß war stolz auf alle Details"

Scholl: Diese Frage, die stellt sich eine fassungslose Nachwelt ja, seitdem diese Verbrechen bekannt sind. Und, Thomas Harding, haben Sie eine Antwort gefunden? Wie werden Menschen, wie werden solche Menschen zu solchen Massenmördern wie Rudolf Höß?

Harding: Ich glaube, Sie stellen ein bisschen die falsche Frage. Man muss nicht nach dem Warum fragen, sondern man muss es einfach akzeptieren: Das ist geschehen. Diesen Mann hat es so gegeben. Das war ein deutscher Mann, der über eine Million Kinder, Frauen und Männer in den Tod geschickt hat.

Also die Frage sollte man nicht nach dem Warum stellen, sondern man sollte eher die Frage stellen: Was war das für ein Mann, was war das für eine Persönlichkeit? Und nach sechs Jahren Recherche habe ich eben festgestellt: Er war sehr intelligent, er war jemand, der ein Materialist war, er wollte beispielsweise, dass seine Frau in einem sehr schönen Haus wohnt, er war ein Günstling von Heinrich Himmler, also auch solche Sachen waren ihm nicht fremd, und dennoch war er kein Psychopath. Im Gegenteil, er war sogar stolz auf das, was er getan hat. Er hat in den Nürnberger Prozessen ausgesagt als Zeuge und war eigentlich schockiert, wie seine anderen Mitangeklagten Dinge abstritten.

Er war stolz auf diese Details und erzählte eben ganz genau, wie die Selektionen funktioniert haben, die Transporte, die Gaskammern. Er ging dabei sehr ins Detail. Und dieser gleiche Mann, der zu so viel Bösem fähig war, blieb eben, wenn er nach Hause kam, der liebende Vater, der seinen Kindern Gute-Nacht-Geschichten vorlas.

"Er ist krank. Er ist ein Monster"

Scholl: Aber ist nicht gerade dieser Zug, also stolz auf das zu sein, stolz auf die Leistung, stolz auf den Gehorsam, und dann zugleich also diese Affenliebe, kann man ja schon sagen, zu seiner Familie, ist das nicht auch ein Zeichen von einer gestörten Persönlichkeit, die so gespalten ist, dass sie also auf der einen Seite den Kindern übers Köpfchen streicht, den eigenen, und am Tage tausende von kleinen Kindern mit ihren Müttern in die Gaskammern hat gehen sehen und sterben?

Harding: Nun, natürlich: Er ist krank. Er ist ein Monster. Man kann ihn wirklich so definieren, keine Frage. Dennoch, bei all den monströsen Taten, die er begangen hat, hat mich trotzdem dabei eben auch beschäftigt: Es geht hier nicht nur um Rudolf Höß, sondern es geht um uns Menschen. Wir Menschen sind leider zu solchen monströsen Taten in der Lage, sonst wären solche Genozide wie in Ruanda, wie im Sudan oder wie auch in Bosnien nicht noch einmal geschehen. Und wir tragen als Menschen eben das Gute und das Böse in uns, und genau deshalb habe ich eben so ein Problem mit der Frage nach dem Warum, weil ich es viel spannender finde, die Frage nach dem Wie zu stellen, oder was tut man ganz konkret? Deswegen müssen wir wachsam sein, weil sich eben solche abscheulichen Täter eigentlich sehr oft hinter gewöhnlichen Menschen, hinter gewöhnlichen Schicksalen verstecken.

Scholl: Kommen wir zu Ihrem Verwandten, Thomas Harding, diesem Hanns Alexander. Wer war dieser Mann, dass er so vehement und so leidenschaftlich nach 1945 jetzt gerade auch diesen Rudolf Höß zu suchen begann?

"Die Halbtoten, Halbverhungerten waren ein Schock für ihn"

Harding: Ich kannte meinen Großonkel Hanns wirklich sehr gut. Er war derjenige, der uns Kindern die schmutzigen Witze erzählte, der immer Streiche spielte auf den Hochzeiten oder sich plötzlich als Elefant verkleidete, und wir Kinder liebten ihn dafür. Aber er hat niemals über seine Kriegsjahre geredet und er hat niemals darüber geredet, dass er ein Nazijäger war. Aber natürlich ist mit diesem Mann etwas geschehen im Mai 1945, weil er arbeitete als Dolmetscher für die Alliierten und kam zwei Wochen nach der Befreiung nach Bergen-Belsen und sah dort eben tausende von halbtoten, halbverhungerten Menschen dahinvegetieren. Und das war so ein Schock für ihn. Er war 28 Jahre alt, er war als Jude in Berlin aufgewachsen, und das hat ihn wirklich verändert, und das hat aus diesem Mann, der eigentlich eine sehr lockere Lebenseinstellung hatte, das hat ihm etwas sehr Ernsthaftes und auch etwas Verbissenes in dem Moment verliehen.

Scholl: Hanns Alexander war ja auch clever, um nicht zu sagen, skrupellos bei dieser Jagd, also er hat die Frau von Höß beinhart erpresst, ihr gesagt, ich schicke ihren Sohn noch heute nach Sibirien, wenn Sie mir nicht sagen, wo Ihr Mann ist, und nur so wurde Höß aufgespürt. Und bei der Verhaftung hat Hanns Alexander auch zugelassen, dass Höß erst mal ordentlich durchgeprügelt wurde. Wie haben Sie das empfunden? Er war ja doch anscheinend ein harter Hund, oder?

Interessanten Kompromiss eingegangen

Harding: Ja, man kann meinen Großonkel wirklich als harten Hund bezeichnen, und mich hat das auch wirklich beeindruckt, mit welchen Techniken er gearbeitet hat, um Höß letztendlich aufzuspüren, weil die Briten hatten monatelang nach Rudolf Höß gesucht. Sie hatten auch schon einmal die Frau von ihm kurz verhaftet, aber nichts aus ihr herausbekommen. Und mein Großonkel hat sie dann wirklich so erpresst und hat so viel Druck auf sie ausgeübt, dass sie nach zehn Minuten dann den Namen aufgeschrieben hat. Und als sie dann später in dieses Dorf fuhren, wo er sich unter falscher Identität versteckte, hat er zunächst abgestritten, Rudolf Höß zu sein, und auch dort hat mein Großonkel ihm damit gedroht, ihm den Finger abzuschneiden, um in dem Ring, den er trug, nachzuschauen, welche Insignien sich dort finden.

Ich halte das für einen sehr interessanten Moment, was da passiert ist, weil Sie haben vollkommen recht, er hat seinen Männern dann eben erlaubt, Höß zusammenzuschlagen, aber er hatte ja eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Er hätte ihn umbringen können, und das wäre auch nachvollziehbar gewesen. Er selber war jüdisch, viele Mitglieder der britischen Armee waren Juden, hatten gesehen, wie Angehörige umgebracht worden sind, und man wusste ja gar nicht, ob es wirklich zu einem Prozess kommen würde, ob er wirklich verurteilt werden würde, der Nürnberger Prozess fing erst gerade an, sich so in Gang zu setzen, und er hatte bereits auch die Erfahrung gemacht, mein Großonkel, dass in Luxemburg ein Gefangener gestorben war, wo man nicht genau weiß, ob er sich umgebracht hat oder warum er starb, also er hatte sich der Justiz sozusagen entzogen, der Gerechtigkeit entzogen.

Und insofern, finde ich, ist mein Onkel einen interessanten Kompromiss eingegangen, indem er es zuließ, dass Rudolf Höß zusammengeschlagen wird, aber eben nicht getötet, und so eben dann auch in Nürnberg ausgesagt hat und sogar seine Memoiren schrieb, die als ein Beweis wirklich gelten für die Schrecken des Holocaust. Man kann natürlich heute mit dem Abstand der Jahre sagen, oh, das ist aber nicht politisch korrekt, aber andererseits finde ich es vollkommen nachvollziehbar und es ist einfach realistisch, dass er so reagiert hat.

Scholl: Sie haben uns am Anfang erzählt, dass Sie nichts von dieser Geschichte wussten, Ihre ganze Familie wusste eigentlich nichts von dieser Geschichte. Jetzt weiß sie es. Wie geht Ihre eigene Familie damit um, jetzt zu wissen, wer Hanns Alexander war?

"Zu Beginn glaubt meine Familie die Geschichte glatt nicht"

Harding: Zu Beginn dieses Projekts war meine Familie unsicher, wie sie sich verhalten sollte, sie rieten mir davon ab, sie glaubten die Geschichte auch glatt nicht. Trotzdem haben sie mich unterstützt. Sie gaben mir Briefe, sie gaben mir Gegenstände. Ein Cousin hatte sogar Aufnahmen von Onkel Hanns gemacht. Also die Unterstützung war sehr groß und wuchs auch im Laufe meiner Recherche. Und heutzutage sind sie einfach froh, dass es dieses Buch gibt, und sie sind stolz auf Onkel Hanns, auch auf mich, und sie stehen jetzt zu ihrer Familiengeschichte. Und für mich war das eine unglaubliche Erfahrung: Es geht ja hier nicht nur um eine historische Persönlichkeit, es geht um meinen Onkel Hanns! Und ich finde es schön, unter all den berühmten Juden, Filmemachern, Künstlern, Ärzten gibt es ja wahrscheinlich nicht so viele Militärhelden, und da bin ich auch wirklich stolz darauf.

Scholl: „Hanns und Rudolf: Der deutsche Jude und die Jagd nach dem Kommandanten von Auschwitz", so heißt das Buch von Thomas Harding. Es ist im Deutschen Taschenbuchverlag erschienen als Hardcover mit 399 Seiten zum Preis von 24,90 Euro, übersetzt wurde es von Michael Schwelien, und bei unserem Gespräch mit Thomas Harding hat uns Jörg Taszman geholfen. Thomas Harding, vielen Dank für Ihren Besuch, thanks for coming!

Harding: Thank you so much for inviting me!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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