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Tonart | Beitrag vom 04.02.2021

Doom-Metalduo Divide and DissolveZwischen Brutalität und Zerbrechlichkeit

Von Christine Franz

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Die Musikerinnen Sylvie Nehill (links) und Takiaya Reed alias Divide and Dissolve. (BIlly Eyers)
Die Musikerinnen Sylvie Nehill (l.) und Takiaya Reed: Ihr Outfit wirkt zart, doch ihr Sound ist hart. (BIlly Eyers)

Die Metalszene ist weiß und männlich. Sylvie Nehill und Takiaya Reed alias Divide and Dissolve ist das egal. Ihr Doom-Metal-Sound spricht eine eigene Sprache, ohne dafür Songtexte zu brauchen. Die Musik ist auch Ausdruck gesellschaftlicher Widersprüche.

Manchmal braucht man nicht viele Worte, um auszudrücken, was schiefläuft. So in etwa könnte man das Album "Gas Lit" des amerikanisch-australischen Duos Divide and Dissolve zusammenfassen. Ein brutales Avantgarde-Doom-Metal-Monster, das die großen politischen Themen unserer Zeit behandelt. Es geht um Rassismus, Unterdrückung und "White Supremacy", also die Behauptung, weiße Menschen seien anderen überlegen.

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Und das alles ganz ohne Songtexte. Die brauchen Divide und Dissolve auch nicht, um ihre Gefühle über die aktuelle politische Situation zu verarbeiten, erklärt Multi-Instrumentalistin Takiaya Reed per Videocall:

"Ich will, dass jeder, der unser Album hört, für sich das herausziehen kann, was er gerade braucht. Das Album fordert seinen Raum ein, es schafft aber gleichzeitig auch Raum. Wir wollen in unserer Musik gesellschaftliche Widersprüche ausdrücken: Kapitalismus und Kolonialismus, indigenen Völkermord. Enteignung, Unterdrückung. Es ist ein Album, dass den Leuten Raum geben soll."   

Wie der Soundtrack für einen Horrorstreifen

Und dieser "Raum" entsteht im Spannungsfeld zwischen laut und leise, zwischen Brutalität und Zerbrechlichkeit, zwischen Beklemmung und Befreiung. Das klingt, als hätte die amerikanische Drone-Band SunnO))) einen Märchenfilm vertont, oder die schottische Post-Rock-Band Mogwai den Soundtrack für einen Horrorstreifen geschrieben.

Die Amerikanerin Takiaya Reed und die Australierin Sylvie Nehill haben sich in Melbourne kennengelernt und seit 2017 zwei Alben veröffentlicht. Ihr Bonding-Moment ist der Austausch über ihre indigenen Wurzeln. Takiaya Reed ist Cherokee, Sylvie Nehill ist Māori. 

"Die Basis unserer Freundschaft war unsere Familiengeschichte. Wir stammen beide aus indigenen Familien. Außerdem haben wir gemeinsam, dass wir beide nicht besonders viel reden. Das Einzige worüber wir am Anfang gesprochen haben, sind unsere indigenen Familiengeschichten und unsere gemeinsamen Erfahrungen damit. Wir kommunizieren durch unsere Musik. Es ist also nur logisch, dass wir Instrumentalmusik machen. Wir brauchen nicht viele Worte. Uns verbindet eine tiefe Zuneigung."

Das Album "Gas Lit" ist Aktivismus übersetzt in Doom-Metal. Es ist ein Taking Up Space – die Aneignung eines Genres, in dem Frauen und People of Colour bisher kaum vorkommen. Aber es ist auch das Sichtbarmachen indigener Minderheiten in der Gesellschaft.

"Wir hauen sie mit unserem Sound um"

Auf ihren beiden Vorgängeralben trugen ihre Songs Titel wie: "Cultural Extermination", also "Kulturelle Ausrottung" oder "Black Supremacy", also "Schwarze Überlegenheit". Auf ihrem aktuellen Album "Gas Lit" verfasste eine Freundin der beiden Musikerinnen dazu sogar ein Manifest.

Für musikalische Vorbilder oder die größtenteils männlich geprägte, weiße Metalszene interessieren sie sich dagegen überhaupt nicht. Dass sie damit gerade im Internet oft auf Gegenwind stoßen, damit gehen sie inzwischen sehr gelassen um.

"Wir lassen unsere Musik sprechen. Wir hauen sie mit unserem Sound um", sagt Takiaya Reed. "Und die ganze Genderdebatte – oh, Mann, das interessiert mich alles nicht mehr! Ja, schon klar, ich bin schwarz, indigen und außerdem noch eine Frau. In dem Bereich und in dem Genre, in dem wir unterwegs sind, ist das natürlich ungewöhnlich. Frauenfeindlichkeit und Rassismus langweilen mich. Ernsthaft: Wir sind viel lauter und heavier als diese Typen. Haltet die Klappe, ihr nervt einfach!"

Brutale Musik für eine brutale Zeit

Klar, Divide and Dissolve liefern mit ihrer Instrumentalmusik natürlich keine Antworten auf politische Fragen. Aber manchmal ist dieses Kopf-frei-pusten-Lassen ja auch die beste aller Antworten. Brutale Musik für eine brutale Zeit. Ein zeitgemäßes Protest-Album also.

"Kein Kampf kann je ohne Musik gekämpft werden. Gesellschaftliche Veränderungen wurden immer von ihrer eigenen Musik begleitet. Musik ist notwendig, um etwas zu bewegen. Musik hat eine Kraft und eine Macht, die wir niemals ganz erfassen werden."

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