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Studio 9 | Beitrag vom 05.06.2019

Donald Trump in GroßbritannienEine Freundschaft muss auch Kotzbrocken aushalten

Ein Kommentar von Marten Hahn

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US-Präsident Donald Trump und die britische Premierministerin Theresa May in London (picture alliance / Photoshot)
Trump und May: Die "Special Relationship" zwischen den USA und Großbritannien hält auch den Milliardär aus New York aus, prophezeit Marten Hahn. (picture alliance / Photoshot)

Trotz aller Proteste: Nicht alle Briten hassen Trump. Fern von London gibt es sicher nicht wenige, die sich einen britischen Trump wünschen, meint Marten Hahn. Empörung und heilige Wut über den reichen Onkel aus Amerika seien jedenfalls zu einfach.

Es ist höchste Zeit, dass Großbritannien Donald Trump den roten Teppich ausrollt. Nicht weil Trump ein netter Kerl ist, sondern weil die USA der engste und älteste Freund des Königreichs sind. Und weil dem Brexit-gebeutelten Großbritannien so langsam die Optionen ausgehen.

Schwimmen die britischen Inseln nach dem EU-Austritt einsam im Meer, könnte der reiche Onkel aus Amerika die Rettung sein.

Die meisten Anti-Trump-Demonstranten in London sehen das freilich anders: Trump der Teufel. Für sie ist Trump ein Symbol für all das, was falsch ist mit dieser Welt: Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Umweltverschmutzung, Aufrüstung.

Trump wird auch morgen nicht zum Dalai Lama

Das war und ist der Markenkern des aktuellen US-Präsidenten. Trump wird auch morgen nicht zum Dalai Lama. Aber Empörung ist einfach. Genauso einfach ist es, in der Opposition zu krakeelen. Da schließt sich Labour-Chef Jeremy Corbyn – wenig überraschend - dem Protestzug gegen Trump an und schreit ins Mikro: "Protest und Aktivismus führt zu Veränderung."

Vielleicht, ja, manchmal. Aber unterdessen fährt der Rechtspopulist Nigel Farage bei Trump zum Tee vor. Würde Jeremy Corbyn morgen Premierminister, würde er dann mit dem Trump-Baby-Ballon nach Washington reisen? Was dem US-Präsident an Humor fehlt, fehlt dem Dauerrevolutionär Corbyn an diplomatischem Gespür.

Das schwarze Loch London

Und auch wenn die Proteste gegen Trump laut und bunt waren in London: Es wäre ein Fehler anzunehmen, ganz Großbritannien hasse Trump. Wer das glaubt, wurde auch vom Brexit-Referendum überrollt.

Fern des schwarzen Lochs London, das Geld, Talent und Arbeitsplätze aus dem Rest des Landes absaugt, gibt es sicher nicht wenige, die sich einen britischen Trump wünschen. Einen, der aufräumt in Westminster und den Brexit durchdrückt. Koste es, was es wolle.

Allen anderen bleibt die heilige Wut und vielleicht die Einsicht: Im Rahmen der Weltgeschichte ist auch Trump nur ein kleines Licht. Die Special Relations zwischen den USA und Großbritannien haben nicht mit dem Milliardär aus New York angefangen. Und sie hören auch nicht mit ihm auf.

1957 traf die Queen Eisenhower

Oder, wie die Queen beim Staatsbankett im Buckingham Palace anmerkte: Bei ihrem ersten Staatsbesuch in den USA traf sie dort Präsident Eisenhower. Eisenhower! Das war 1957.

Staatschefs kommen und gehen. Manche von ihnen sind Kotzbrocken. Eine transatlantische Freundschaft muss so was aushalten.

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