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Fazit / Archiv | Beitrag vom 02.10.2019

"Don't be Evil" an der Berliner VolksbühneIm Dauerflimmern der sozialen Netzwerke

Von André Mumot

In acht Zimmern sitzen Leute an Schreibtischen oder auf Barhockern, spielen Gitarre, mit sich selbst oder mit Teddybären (Julian Röder)
Jeder in seiner eigenen Timeline (v.l.n.r.: oben: Werner Strenger, Vanessa Loibl, Manolo Bertling, Julia Schubert, Manolo Bertling; unten: Sylvana Seddig, Uwe Schmieder, Andreas Beck, Uwe Schmieder, Susanne Bredehöft) (Julian Röder)

Regisseur Kay Voges widmet sich in "Don't be evil" wieder seinem Lieblingsthema: der digitalen Welt. Allerdings scheint den Internetfetischisten plötzlich der Online-Ekel erfasst zu haben: Das Stück ist eine bitterböse Abrechnung mit der Welt der Timelines.

Kein zweiter Regisseur bemüht sich so sehr um die Digitalisierung des Theaters, ist so fasziniert von den Prozessen des Internets und überträgt sie auch ästhetisch so konsequent auf die Bühne wie er: Schon seit Jahren macht Kay Voges virtuos zusammenassoziiertes Digitaltheater, als inszenierender Intendant in Dortmund nun in seiner letzten Spielzeit, und ab der nächsten als Leiter des Wiener Volkstheaters. Auch für die Volksbühnen-Intendanz ist er als aussichtsreicher Kandidat gehandelt worden, geklappt hat das allerdings nicht.

Nun hat er zwischendurch immerhin noch einmal eine kleinere Produktion am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin entwickelt und inszeniert: "Don't be evil". Der Abend hat sich das ehemalige Geschäftsmotto von Google als Titel gewählt und möchte das labyrinthische Nebeneinander der Timelines abbilden.

Eine Frau mit Rock und High Heels steht in einem Raum, an dessen Wände Projektionen geworfen werden. (Julian Röder)Die Höhepunkte des Abends waren die schauspielerischen Leistungen, meint Kritiker André Mumot. (Hier: Julia Schubert) (Julian Röder)

Genau das tut er auch, setzt sein Ensemble in zahllosen Videoclips ebenso wie in der Bühnenwirklichkeit in ein Online-Bienenwaben-Setting, in eine Vielzahl aus projizierten Räumen der Selbstdarstellung, der Wut- und Verkaufsreden, der heillos konkurrierenden Weltanschauungen und Optimierungsversuche.

Überraschend nur: Beim Internetfetischisten Voges scheint der Online-Ekel eingesetzt zu haben. Entstanden ist hier nämlich vor allem eine unversöhnlich satirische Abrechnung mit den um Aufmerksamkeit buhlenden Menschen, die sich auf Instagram und Facebook nach Likes und Beachtung sehnen. Da sind Greta-Hasser und selbsternannte Pop-Sternchen unterwegs, durchgedrehte, gewaltbereite Teenager und lächerliche bauchfreie Weltreisende, die ein bizarres, aus Anglizismen und Dümmlichkeiten zusammengesetztes Idiom sprechen, das Publikumslacher garantiert.

Gibt es im Internet wirklich nur abstoßenden Wahn?

Tatsächlich sind einzelne Nummern dieser gallig-bösen Revue durchaus komisch, und gerade Vanessa Loibl, Julia Schubert und Manolo Breitling (als von einem amerikanischen Zahnarzt erschossener Löwe Cecil) zeigen ein bisweilen hinreißendes komödiantisches Talent. Doch spätestens wenn eine "Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace" aus den 90er-Jahren per Video in eine abstoßende pseudopornografische Swingerclub-Horror-Vision verwandelt wird, muss man sich doch fragen, ob Voges und sein Team in all ihren Timelines tatsächlich nur abstoßenden Wahn und jämmerliche Karikaturen gefunden haben.

Keine Empathie erwärmt diesen auch ästhetisch flachen, weil monoton seriellen Abend, der einen Sketch an den anderen hängt und nur dann und wann durch diffuses, bitteres, ja am Ende sogar biblisches Mahnen ergänzt. Keine Traurigkeiten, keine Einsamkeiten werden ausgehalten, stattdessen schaut der Vorreiter des Digitaltheaters in dieser Produktion nur mit mitleidlosem Spott und Häme, ja mit Abscheu in die Timelines seiner Protagonistinnen und Protagonisten. Dass der Satz "Don't be Evil" dann gar nicht fällt, überrascht auch nicht. Er hätte schlicht nicht hineingepasst.

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