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Frühkritik | Beitrag vom 04.12.2020

Dominique Manotti: "Marseille.73"Brennende Straßen

Von Thomas Wörtche

Das Cover von Dominique Manottis Buch "Marseille 73" auf orange-weißem Hintergrund (Ariadne im Argument-Verlag)
Eine Art Prequel zur heutigen Situation in Frankreich: "Marseille.73" von Dominique Manotti. (Ariadne im Argument-Verlag)

Rassismus, Polizeigewalt und Rechtspopulismus: Die französische Autorin Dominique Manotti hat mit "Marseille.73" einen detaillgenauen historischen Kriminalroman geschrieben, der aktueller nicht sein könnte.

Rassismus und Polizeigewalt sind eng verzahnt. Das zeigen die aktuellen Diskussionen in Deutschland und den USA und, in diesem Moment, in Frankreich. Aber natürlich ist dieser Zusammenhang nicht neu, sondern hat bekanntlich eine beklagenswerte Kontinuität. In ihrem Roman "Marseille.73" dekliniert Dominique Manotti am Beispiel der südfranzösischen Metropole, genau datiert von "Mittwoch, 15. August" bis "Montag, 8. Oktober" 1973 eine solche Konstellation, basierend auf realen Ereignissen, durch.

Im Mittelpunkt steht der Mord an einem jungen Algerier namens Malek, eine Art Drive-by-Shooting. Die verschiedenen Polizeieinheiten der Stadt scheinen kein großes Interesse an der Aufklärung zu haben. Zusammen mit einer genauso zögerlichen Justiz verzögern, verschleppen und verharmlosen sie das Verbrechen.

Nur ein Team der "Brigade Criminelle" der Landespolizei, der "Direction nationale de la police judiciaire", bestehend aus Commissaire Daquin und seinen beiden Inspektoren Grimbert und Delmas, die wir schon aus Manottis Roman "Schwarzes Gold" kennen, versuchen sauber zu arbeiten. Notfalls auch gegen den Widerstand des eigenen Chefs. Sie sind Manottis Helden in einem ungeheuren Sumpf aus Korruption, organisiertem Verbrechen und rechtsextremistischer Formationen, denn der "Front National" gewinnt allmählich an Kontur.

Idiotie, Arroganz, Gewaltbereitschaft

Die Stimmung in Marseille ist aufgeladen. Weiße Franzosen und Menschen aus dem Maghreb stehen sich feindselig gegenüber, nachdem ein Busfahrer von einem wohl geisteskranken algerischen Immigranten ermordet worden war. Eine ganze rassistische Mordserie bricht über die Stadt herein. Der erschossene Teenager Malek ist nur ein Fall unter vielen, aber eben der Fall, an dem sich beweisen lässt, wer die Täter mit welchen Motiven waren.

Manotti klambüsert kleinteilig diese politische Situation auseinander, seziert die Ränken der unterschiedlichen Parteien bis ins Detail, legt ihre jeweiligen Intentionen, Opportunismen und Strategien bloß, präpariert die Mechanismen der Machtspiele heraus, auch ihre Beschränkungen, ihre Idiotie, ihre Arroganz und vor allem ihre stets und immer vorhandene Gewaltbereitschaft.

Aktuelle Zeitdiagnose

Den Gesamtentwurf könnte man als Prequel zu Jean-Claude Izzos berühmter "Marseille-Trilogie" aus den 1990ern lesen – minus deren poetischen Dimensionen, die bei Manotti mit ihrer Ästhetik der sachlichen Kargheit nicht vorkommen. Die Penibilität der Rekonstruktion des Verbrechens und seiner Kontexte gerät bei ihr manchmal schon in die Nähe des politischen Pamphlets oder zu einem Aktivitätenprotokoll politischer Bewegungen.

Das überrascht wenig, denn schließlich sind ästhetische Sprödigkeit und politisches Engagement ihr Markenzeichen. Und natürlich kann man "Marseille.73" auch als Prequel zu der heutigen Situation in Frankreich lesen, und müsste sich dann fragen, ob die aktuelle Situation auch den Rückblick auf die Historie geprägt hat. Insofern ist "Marseille.73" vor allem eine aktuelle Zeitdiagnose.

Dominique Manotti: "Marseille.73"
Aus dem Französischen von Iris Konopik
Ariadne, Hamburg 2020
397 Seiten, 23 Euro

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