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Länderreport | Beitrag vom 11.12.2018

Dolmetscher in der JVA LeipzigMittler zwischen den Kulturen

Von Ronny Arnold

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Außenwand des Gefängnis in Leipzig mit vier vergitterten Fenstern, aus dem zweiten von rechts schau ein Mann. Davor befindet sich ein Sacheldrahtzaun (picture alliance / dpa/ Sebastian Willnow)
Nach einem Suizid in der JVA Leipzig wurden in Sachsen neue Stellen für Dolmetscher geschaffen. Doch deren Verträge laufen bald aus. (picture alliance / dpa/ Sebastian Willnow)

Insassen, Gefängnisleitung und Justizminister sind sich einig: Die Übersetzer in sächsischen Haftanstalten sind unverzichtbar. In der JVA Leipzig arbeiten zwei von ihnen. Aber ob es weiterhin Geld für ihre Arbeit gibt, ist fraglich.

"Ja, hallo? Ich will jetzt zum Sozialdienst, da hab ich in zehn Minuten einen Termin. Okay, kann ich machen. Alles klar."

Yvonne Helal ist auf dem Weg in den Gefängnistrakt, zum nächsten Termin. Die 42-Jährige ist eine von zwei Dolmetschern der JVA Leipzig, spricht fließend Arabisch und Französisch und versteht somit Insassen aus 22 arabischen Staaten. Das Gefängnis im Süden der Stadt ist vor allem Vollzugsanstalt für Untersuchungshäftlinge aus der Region. Eine weitere Besonderheit: Angeschlossen ist auch ein Haftkrankenhaus. Seit einem Jahr arbeitet Yvonne Helal hier.

"Wenn der Gefangene in die JVA kommt und der deutschen Sprache nicht mächtig ist, dann kommen wir als Dolmetscher dazu und machen Aufnahmegespräche mit. Dort wird die Gefangenenakte angelegt. Und der Gefangene wird befragt, ob er Raucher ist, ob er Vegetarier ist. Und nach der Aufnahme wird auch noch die sogenannte Suizidprophylaxe gemacht, eben gefragt über psychische Vorerkrankungen, Suizidversuche, Selbstverletzungen."

Reaktion auf Suizid

Wird der Gefangene als gefährdet eingestuft, muss er stärker überwacht werden. Für besonders akute Fälle gibt es speziell gesicherte Hafträume. Einerseits sei das Verfahren Routine, sagt Helal, andererseits könne eine Fehleinschätzung fatal enden. Die Aufgaben seien dabei klar verteilt.

"Ich schätze da gar nichts ein, sondern ich dolmetsche. Und dann ist das ein Gespräch zwischen einem Psychologen und dem Gefangenen. Kann auch sein, dass ich mal gefragt werde, was mein Gefühl ist. Aber als Dolmetscher bin ich immer neutral und bin dafür da, dass das Gespräch zwischen zwei Menschen stattfindet."

Und genau da lag damals eines der Hauptprobleme im Fall Dschaber al-Bakr. Als der mutmaßliche Terrorist vor zwei Jahren in der JVA Leipzig eingeliefert wurde, schätzte man die Suizidgefahr falsch ein. Der Gefängnisleiter gab später zu Protokoll, dass kein ausführliches Aufnahmegespräch geführt werden konnte, weil al-Bakr kaum Deutsch sprach. Ein Dolmetscher war zu diesem Zeitpunkt nicht verfügbar. Zwei Tage später war der Terrorverdächtige tot – er hatte sich mit seinem T-Shirt erdrosselt.

Yvonne Helals Arbeitstag ist gut ausgefüllt. So dolmetscht sie etwa, wenn ein Insasse den Gefängnisarzt konsultieren muss oder er sich über seine alltäglichen Probleme beschweren möchte. Sie erläutert den Männern auch, welche Disziplinarmaßnahmen sie erwarten, wenn sie gegen Regeln verstoßen. Oder sie übersetzt, wie eben jetzt, das Gespräch einer Sozialarbeiterin mit einem neuen Gefangenen.

"Ich habe gesehen, Sie haben eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten zu verbüßen, die noch nicht rechtskräftig ist. Sind Sie das erste Mal im Gefängnis?"

Erschwerte Lebensplanung

Ihre Arbeit mache ihr Spaß, sagt Helal, auch wenn Fälle wie dieser des Gefangenen aus dem Nahen Osten meist deprimierend seien. Viele Geschichten ähnelten sich: Kindheit im Kriegsgebiet, kaum Schulbildung, dann die Flucht nach Europa. Arbeit finden hier die Wenigsten, wenn sie überhaupt arbeiten dürfen. Irgendwann wird die Langeweile mit Drogen betäubt – der erste Kontakt mit der Justiz nur eine Frage der Zeit.

Yvonne Helal übersetzt jedes kleine Wort des Gesprächs. Manchmal muss sie nachfragen, weil der Gefangene zu leise und abgehakt spricht. Sie bleibt hartnäckig, fragt immer wieder nach. Ohne die Dolmetscherin wäre dieses Gespräch wohl sehr schnell vorbei, viele Details blieben im Dunkeln. Ein wichtiger Job – weshalb Yvonne Helal wie auch ihre Kollegen nicht ganz verstehen, warum die neuen Arbeitsverträge nicht längst unterschrieben sind. Hinzu kommt, dass sie auch gern für ihr eigenes Leben planen möchte.

"Wenn es im Januar keine Verlängerung gibt, dann bin ich erst mal bei der Arbeitsagentur und dann werde ich selbständig weiterarbeiten, bei Gericht, bei der Polizei, bei Konferenzen. Meine letzte Information ist, dass im Dezember über die Stelle entschieden wird. Für die Planung sehr schlecht, und auch als Mensch fühlt man sich nicht wirklich wertgeschätzt. Also die Wertschätzung ist hier in der JVA von allen Mitarbeitern da. Alle möchten, dass die Dolmetscher da bleiben, aber es hängt, glaube ich, einfach am Ministerium."

Laut Ministerium sollen Dolmetscher erhalten bleiben

Genau genommen am Justizministerium und vor allem am geplanten Doppelhaushalt für 2019 und 2020. Der wird im sächsischen Landtag gerade final diskutiert, soll zeitnah beschlossen werden. Die Stellen seien fest eingeplant, versichert der sächsische Justizminister Sebastian Gemkow am Rande einer Pressekonferenz.

"Der Haushaltsentwurf wird momentan im Landtag beraten. Ich gehe davon aus, dass unser Vorschlag, diese Stellen so weiter zur Verfügung zu stellen, so angenommen wird. Und dann können diese Dolmetscher, denen wir sehr dankbar sind für die Arbeit, die sie verrichten, für die nächsten zwei Jahre sicher sein und für sich selber persönlich planen."

Selbst wenn er noch bei seinem Etat kürzen müsse, wovon Sebastian Gemkow nicht ausgeht: Die Dolmetscher sind für ihn tabu.

"Ich gehe fest davon aus, dass auch die Abgeordneten diese Notwendigkeit erkennen. Wenn Gefangene sich in Ausnahmesituationen befinden, dann kann man deeskalierend wirken, indem man ins Gespräch geht. Dafür sind die Dolmetscher gut, man kann das Anliegen des Gefangenen ergründen, kann darauf reagieren und damit erhöht man die Sicherheit in einer Justizvollzugsanstalt."

Zurück in der JVA Leipzig. Yvonne Helal und ihr Kollege Hossam Moustafa sitzen in ihrem kleinen Büro direkt neben dem Eingang der Anstalt. Moustafa trägt am Rechner Termine ein. Der 29-jährige gebürtige Ägypter hat vor seinem Job hier erst in Kairo und dann in Österreich studiert und dort zuletzt für das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl gearbeitet. Wie seine Kollegin ist auch Hossam Moustafa seit einem Jahr beim Freistaat Sachsen angestellt. Die momentane Unsicherheit, ob und wie es im Januar genau weitergeht, ist für ihn als ausländische Arbeitskraft noch einmal speziell.

"Ein Problem, was das Visum angeht. Ich muss also jedes Jahr ein Visum beantragen bei der Ausländerbehörde und auch die Arbeitsgenehmigung muss verlängert werden, falls ich hier weiterarbeiten werde. Also je früher man erfährt, wie es weitergeht, desto besser."

Verschiedene Dialekte erkennen

Für die JVA Leipzig ist Hossam Moustafa ein Glücksfall: Im arabischen Raum aufgewachsen, versteht er viele Gefangene von da noch einen Tick besser.

"Also in jedem arabischen Land gibt es auch einen speziellen Dialekt und wenn man aus einem arabischen Land kommt, kann man auch erkennen, woher diese Person kommt und dann ist die Kommunikation besser. Und wenn man auch diese kulturellen Unterschiede kennt, dann ist es vielleicht leichter, Situationen zu entschärfen. Oder auch, die Sachen besser zu erklären. Ein Beispiel: die klassischen Fragen, ob jemand ledig ist oder so. Und danach kommt die Frage, ob er Kinder hat. Dann lachen die meisten, weil es bei uns typisch ist, dass man Kinder hat nach der Heirat und nicht davor. Und dann muss man auch erklären, wie es hier ist und was der Unterschied ist zwischen dem Westen und den arabischen Ländern."

Bessere Kommunikation

So sind Hossam Moustafa und Yvonne Helal oft auch Mittler zwischen den Kulturen. Unterstützung bekommen sie dafür von Rolf Jakob. Er leitet die JVA Leipzig – seit nunmehr 24 Jahren. Jakob musste im Suizidfall Dschaber al-Bakr die Fehler verantworten. Danach war er einer der ersten, der festangestellte Dolmetscher forderte.

"Das war ein Vorschlag aus den Reihen der Anstaltsleiter, weil wir durch die Zunahme der Arabisch sprechenden Gefangenen zunehmend Probleme hatten, Kommunikationsschwierigkeiten, auch Fragen vielleicht der Sitten und Gebräuche, des Umgangs miteinander. Und wir sind sehr daran interessiert, Leute zu haben, die die Kommunikation verbessern können und uns vielleicht auch manchmal erklären können, warum verhält er sich gerade in diesem Moment so. Ich persönlich möchte gern jemanden auf Dauer in dieser Anstalt haben. Ich muss allerdings auch sagen: Ob es zwei sein müssen oder einer, ist dann auch nochmal eine andere Frage. Mir ist bekannt, dass das Geld kostet. Trotzdem, die Vorteile überwiegen. "

Amtshilfe in anderen Haftanstalten

Circa 40 Prozent der Insassen in der JVA Leipzig seien Ausländer, sagt der Anstaltsleiter. Und von denen spreche momentan etwa jeder Zweite Arabisch. Der hohe Ausländeranteil in der JVA Leipzig kommt zustande, weil viele Gefangene hier in Untersuchungshaft sitzen und erst später, nach einer möglichen Verurteilung, auf andere Gefängnisse verteilt werden. Sachsenweit spricht derzeit etwa jeder achte Insasse Arabisch. Erwartet wird, dass die Zahl Arabisch sprechender Gefangener in der U-Haft in Zukunft leicht zurückgehen wird, dafür in den anderen sächsischen Anstalten – aufgrund der Umverteilung – weiter steigt.

Relativ hoch ist in den sächsischen Gefängnissen auch der Anteil von Polen, Tschechen und Georgiern, weshalb es im Freistaat neben sechs Arabischübersetzern noch vier Dolmetscher für Russisch, Tschechisch, Polnisch, Englisch und Französisch gibt. Die festangestellten Übersetzer werden flexibel eingesetzt. Auch Hossam Moustafa und Yvonne Helal leisten mindestens einmal in der Woche Amtshilfe in anderen sächsischen Haftanstalten, übersetzen etwa in Waldheim, Torgau und Zeithain.

"Wenn ein Dolmetscher dabei ist, läuft es besser"

Fast alle Gefangenen, erzählt Yvonne Helal am Rande ihres nächsten Termins, seien am Ende dankbar dafür, dass sie ihre Probleme mittels Übersetzer schnell und direkt besprechen können. Mohamad bestätigt das.

"Ich bin seit fünf Monaten hier. Ich muss nur einen Antrag schreiben und nach ein, zwei Tagen bekomme ich dann auch das Gespräch inklusive Dolmetscher. Das ist sehr gut, etwa bei Gesprächen mit dem Sozialdienst. Wenn ein Dolmetscher dabei ist, läuft es einfach besser."

Ein Job mit vielen Fassetten, und viel Verantwortung – Yvonne Helal und ihr Kollege werden täglich gebraucht. Alle hoffen, dass nun zügig die Nachricht aus dem sächsischen Landtag kommt, dass es im Januar weitergeht.

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