Seit 00:05 Uhr Das Podcastmagazin
Montag, 21.06.2021
 
Seit 00:05 Uhr Das Podcastmagazin

Fazit | Beitrag vom 07.06.2021

Dokumentarfoto-Festival in MünchenWas "Zuhause" bedeuten kann

Von Tobias Krone

In der durchleuchteten Transportkammer eines LKW sieht man Menschen im Inneren (Fotodoks Festival München / Mason Noelle)
Mason Noelles Foto "Man at the crossroads" überrascht und erschüttert: Es zeigt einen Tankwagen als "Zuhause" für Flüchtende. (Fotodoks Festival München / Mason Noelle)

Die Gruppenausstellung „A house is a house is a house“ beschäftigt sich mit der gegenwärtigen Wahrnehmung von "Zuhause". 13 Fotoserien dokumentieren jeweils individuell Themen rund um die zunehmende globale Ungleichheit.

Das Foto mit den Schnecken könnte überall entstanden sein. Zu sehen ist Kunst im öffentlichen Raum, irgendwo in einer deutschen Vorstadt. Es ist ist die Parkanlage, in deren Nähe die Fotografin Arzu Sandal groß geworden ist. Die überlebensgroßen Schneckenskulpturen in Pink und Gelb "gab’s damals auch schon", erzählt die Fotgrafin lachend. "Schneckenhaus – das ist sehr passend."

Eine Jugend im Schneckenhaus

Die Schnecken stehen sinnbildlich für Arzu Sandals Jugend. Damals suchte sie Schutz vor ihrem gewalttätigen Vater, der die Kinder grün und blau schlug. Sandal zeigt aktuelle Bilder von den Wohnblöcken, in denen die Gewalt ihrer Kindheit zu Hause war. Daneben hat sie handgeschriebene Notizen ihrer Schwestern gehängt, wie diese hier: "Wenn es um meinen Vater geht, hoffe ich nur, dass er uns alle in Ruhe lässt. Denn das, was er uns angetan hat, reicht bis in alle Ewigkeit."

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Was Arzu Sandal erst beim Durchblättern der Fotoalben bemerkte: Sie hatte das Leid bereits als Kind fotografiert. "Es gibt ein Foto von meiner Mutter und meiner Schwester, und vorne ist ein Sofa im Vordergrund. Man merkt die Intimität beider Personen. Es geht offensichtlich darum, eine Nähe zueinander zu haben, sich zu trösten. Beieinander zu sein. Das sind so Momente, wo ich gemerkt habe: Wir haben wohl schon damals einfach sehr stark wahrgenommen, was da passiert, ohne es so artikulieren zu können, wie wir es jetzt tun."

Annäherung an die Vergangenheit

Arzu Sandal brauchte Jahre, um sich den Orten ihrer Kindheit fotografisch wieder anzunähern. Nun hat sie den Schrecken, angereichert durch Bilder ihrer Familie und – besonders großformatig – des gewalttätigen Vaters, öffentlich gemacht. Heute hängen sie als ein Highlight auf dem diesjährigen Fotodoks Festival in München.

Die wiederentdeckten Schnecken im Park – sie stehen auch für die Frage, wie subjektiv und gleichzeitig wie unwillkürlich dokumentarische Fotografie mitunter sein kann. Anders als die journalistische Fotografie, sagt Frank Bauer, Mitglied des zehnköpfigen Teams aus Kuratorinnen und Kuratoren. Er fasst zusammen: "Fotojournalismus bezieht sich eher auf Breaking News, News-Events: Man fotografiert die Demo und das erscheint am nächsten Tag in der Süddeutschen."

"Dokumentarfotografie beleuchtet Zusammenhänge"

Dokumentarfotografie, so Bauer, beschäftige sich hingegen mit einem langen Zeitraum und hänge sich nicht an einem einzelnen Ereignis auf. Stattdessen beleuchte sie Zusammenhänge, suche nach Ursachen, zeige deren Auswirkungen oder Wirkungen.

Henk Wildschut ist ein Fotograf, der diese Definition von Fotografie in seiner Bildserie "Rooted" radikal umsetzt. Der niederländische Fotojournalist sollte für Hilfsorganisationen Porträts von Geflüchteten in diversen Flüchtlingslagern im Libanon machen.

Kurator Bauer erzählt: "Da hat er erkannt, dass er Katastrophenbilder nicht mag. Er hat ein Problem damit, Menschen als Opfer zu sehen. Er sagt, dass in den Medienbildern Geflüchtete entweder als Opfer gesehen werden oder als Eindringlinge – und das hat ihn genervt."

Menschlichkeit im Flüchtlingsalltag

Henk Wildschut ließ die Porträts beiseite und zeigt stattdessen auf dem Festival Fotos der Gärten, die Geflüchtete anlegen: Auf einem Foto sieht man, wie um ein Zelt in der Zeltstadt säuberlich ein Zaun aus Plastikflaschen aufgestellt wurde, dahinter gedeihen zierliche Pflänzchen. Andere Bilder zeigen Rosen, die aus einem Palmfettkanister wachsen, eine Sonnenblume bricht sich durch den trockenen Boden. Es sind magisch anmutende Tupfer von Farbigkeit vor der staubigen Tristesse des Flüchtlingsalltags.

Bild des Fotografen Cyprien Clément-Delmas. Aus der Serie "Daleside Static Dreams". Daleside, Südafrika⁠, 2019⁠. (Fotodoks Festival München / Cyprien Clément-Delmas)Foto aus der Serie "Daleside Static Dreams"von Cyprien Clément-Delmas (Fotodoks Festival München / Cyprien Clément-Delmas)

"A house is a house is a house" – unter dieses Motto hat das Münchner Kollektiv diese zehnte Ausgabe des Fotodoks Festivals gestellt. Es ist ein Thema, das nach einem Jahr Homeoffice-Gebot ganz neue Assoziationen bei, Publikum weckt. Der Künstler und studierte Biologe Jochen Lempert liefert dazu eine feinsinnige Metapher: Er fotografiert die Natur aus seinem Fenster. Scharfgestellt ist seine Kamera allerdings auf die Insekten und Schmetterlinge, die sich an der Fensterscheibe fanden. Während es im Körper des Tieres fühlbar pulsiert, passiert in der menschlichen Welt: nichts.

Computergrafik gehört dazu

Auch der Amerikaner Drew Nikonowicz beschäftigt sich mit der Natur, in einer Bildinstallation aus dutzenden Schwarz-Weiß-Aufnahmen im 4x5-Großformat. Bei ihm sind es Berge und Landschaften, vermischt mit Stadtansichten, Makroaufnahmen von Hautwölbungen und mit digitalen 3-D-Modellen. Wirklich – Computergrafik als Dokumentarfotografie? Dazu sagt Frank Bauer:

"Er sagt, es bringt nichts, diese Welten so gegeneinander auszuspielen, weil es ist längst passiert, was passiert ist." Bauer liest einen Satz von Nikonowicz vor: "'Das Digitale gehört längst zu unserem Erleben, es ist in unser Innerstes vorgedrungen, so wie wir wiederum die Erde mit digitalen Mitteln durchdringen.'" Der Kurator setzt hinzu: "Das finde ich ganz schön, dieses Verwobensein."

Verwoben sind auf dem Fotodoks Festival Dokumentation und Kunst – mal in konzeptueller Mission, mal in emanzipativer. Den Kuratorinnen und Kuratoren gelingen aufregende Einsichten. Vor allem aber gelingt es ihnen, die Fragen nach dem "Wie" neu zu stellen: Wie wir Bilder machen.

FOTODOKS Festival & Ausstellung "A house is a house is a house" vom 7. Juni – 4. Juli 202 im Kunstraum Lothringer13 Halle, München & Online

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur