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Vollbild | Beitrag vom 06.04.2019

Dokumentarfilmer über Christo"Konflikte sind Teil von Christos Kunst"

Andrey Paounov im Gespräch mit Susanne Burg

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Künstler Christo (M) wird am 18.06.2016 vor Paratico auf dem Lago d'Iseo in Italien von Begleitern durch die Besuchermassen über die schwimmendenen Stege mit orangefarbenen Stoff seines Projekts "The Floating Piers" geführt. (Michael Kappeler / dpa / picture alliance)
"Es gibt nur sehr, sehr wenige Künstler, die so bekannt sind, die das erlauben, dass sie so offen in einigen Widersprüchen gezeigt werden", sagt Regisseur Andrey Paounov über Christo. (Michael Kappeler / dpa / picture alliance)

Der Künstler Christo hat einst den Reichstag in Berlin verhüllt - und 2016 gold-orangene Stege über den Iseosee in Italien gelegt. Der Dokumentarfilmer Andrey Paounov zeigt den 83-Jährigen in "Christo - Walking on Water" als kreativen Charakter voller Widersprüche.

Susanne Burg: Zusammen mit Jeanne Claude hat Christo den Reichstag in Berlin eingewickelt, 3100 Schirme in Japan und den USA aufgestellt und Tore mit Stoffbahnen im New Yorker Central Park. Jeanne Claude starb 2009, Christo machte alleine weiter. Vor ein paar Tagen hat der mittlerweile 83-Jährige verkündet, er wolle in einem Jahr den Triumphbogen in Paris verhüllen. Am Donnerstag kommt nun erst mal ein Dokumentarfilm heraus, der Christo bei einem Projekt aus dem Jahr 2016 begleitet, den Floating Piers. Christo erfüllte sich damit einen alten Wunsch, nämlich Menschen über das Wasser gehen zu lassen auf mit leuchtend gold-orangenen Stoffbahnen bespannten, drei Kilometer langen Stegen. Er realisierte das Projekt in Norditalien am Iseosee. "Christo – Walking on Water" heißt der Film. Der Regisseur ist Andrey Paounov, guten Tag! Sie sind der Regisseur des Films, aber Sie waren zum größten Teil nicht beim Dreh mit dabei. Sie kamen zu dem Projekt, als es vorbei war. Wer hat die Filmaufnahmen koordiniert, und wie sind Sie dazugestoßen?

Andrey Paounov: Es ist ja so, wenn Christo ein Projekt beginnt, dann ist dieses Projekt immer sehr spezifisch, und diese Installationen dauern ja meistens nur zwei bis drei Wochen und dann verschwinden sie wieder. Das ist natürlich stark dokumentiert, er hat ja eine eigene Crew, die daran arbeitet, in dem Fall waren das in etwa sogar zehn Crews, die die Produktion begleitet haben. Und dann hat mich seine Crew, seine Mannschaft kontaktiert und hat mich gefragt, ob ich bereit wäre, daraus einen Film zu machen, weil dieser ganze Wahnsinn des Projekts schon ganz gut dokumentiert war. Es gab also schon eine Menge Aufnahmen. Und dann ging es eigentlich noch darum, Christo weiter zu begleiten, weiteres Material zu drehen. Und wir haben uns dann auch noch aus verschiedenen anderen Quellen Material besorgt, und so sind die verschiedenen Komponenten zu diesem Film dann zusammengekommen.

Burg: Sie sagten, Filmcrews sind Christo bei dem Projekt gefolgt. Das hätten auch schöne PR-Aufnahmen für Christo werden können, die nur die guten Seiten zeigen. Aber das Gegenteil ist der Fall: Es gibt viele Konflikte bei der Arbeit. Was war Ihre Reaktion, als Sie das Material gesichtet haben?

Paounov: Als ich das Material sichtete, war ich sehr überrascht, wie viele Möglichkeiten ich als Filmemacher hatte, damit zu arbeiten, weil die Kameras eigentlich nie aufgehört haben, zu drehen, die drehten 24 Stunden am Tag. Und dabei ging es nicht nur darum, die Produktion zu begleiten, sondern vor allen Dingen um die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Christo und seiner Mannschaft. Christo arbeitet ja in einer großen Familie. Und das gab mir die Möglichkeit, eine richtige Charakterstudie daraus zu machen.

Burg: Sie hatten dann die große Aufgabe, einen Film zusammenzustellen. Sie beginnen Ihren Film mit einer Szene, in der Christo ungeduldig und recht lautstark einen Assistenten, ja, fast anmeckert, weil er, Christo, eine Skizze der Piers braucht. Kurz darauf zeigen Sie einen lautstarken Streit zwischen Christo und Verlegern, es geht um die Titelseite eines Katalogs, und Christo gefällt das Ganze nicht. Er nennt die Verleger Idioten und sagt, wir machen es so, wie ich es will. In der nächsten Szene im Film präsentiert Christo dann wiederum das Projekt der Piers der Öffentlichkeit und er ist charmant, witzig, geduldig und er plaudert, also ganz anders als zuvor. Warum haben Sie diese Szene für den Anfang gewählt?

Paounov: Ganz einfach. Weil ich glaube, dass diese ganz unterschiedlichen Szenen ihn doch sehr stark definieren, und man sieht auch, in wie viele verschiedene Richtungen das bei ihm gehen kann. Er wird zu einem richtigen 3D-Charakter. Und Christo ist so, er ist wie ein Sturm, er ist voller Widersprüche. Er kann auf der einen Seite sehr schnell wütend werden, auf der anderen Seite lachen, aber all das ist Teil des kreativen Prozesses, Teil seiner Arbeit. Und damit man nur eine Ahnung von dem bekommt, was Christo wirklich ausmacht, fand ich es wichtig, ihn so einzuführen. Weil genau so ist er.

"Höre auf niemanden, auch nicht auf mich"

Burg: Ich habe ja gerade den Satz erwähnt, wir machen es so, wie ich es will. Und Sie zeigen im Film, dass Christo sehr klare Vorstellungen davon hat, wie etwas zu laufen hat. Kontrollfreak klingt vielleicht ein bisschen hart, aber es geht in die Richtung. Sie zeigen zum Beispiel, wie eine große Herausforderung darin besteht, wie der orangene Stoff auf den Pontons auf dem See befestigt werden soll.

[Ausschnitt aus dem Film, in dem zu hören ist, wie mehrere Personen dabei sind, den Stoff auf den Pontos auf dem See zu befestigen.]

Burg: Die andere Person, die wir da hören, ist Vladimir Jawaschew, der Projektmanager und Christos Neffe. Wenn wir diese Auseinandersetzung einmal exemplarisch sehen: Wie viel ist Christo bereit, von seinem Plan abzuweichen beziehungsweise wie stark bleibt er bei seiner Vision?

Paounov: Also, er versucht schon seiner eigenen Vision sehr, sehr treu zu bleiben, der Kern seiner Projekte ist allerdings immer ein fortwährender Prozess. Und dazu braucht er Konfrontation. Das heißt, wenn er keinen Widersacher hat, dann funktioniert der gesamte kreative Prozess nicht.

Burg: Hat er Ihnen Ihre Vision beim Film gelassen? Wie viel hat er sich da eingemischt?

Paounov: Auf den Film selber nahm er null Einfluss. Das liegt ganz einfach daran, dass er sich für den Film überhaupt nicht interessiert. Er sagt, davon versteht er auch nichts. Ihn interessiert seine Kunst, ihn interessiert seine Vision. Und so konnte ich beim Film eigentlich machen, was ich wollte. Aber die schönste Erfahrung war, dass ich Zeit mit ihm verbringen durfte, und er hörte eigentlich nicht auf, mir Geschichten zu erzählen, mir Lektionen zu versuchen zu erteilen, indem er mir immer wieder sagte, du musst deine Vision verwirklichen, höre auf niemanden, höre auch nicht auf mich! Und was ihn so auszeichnet, ist sein Humor und diese Selbstironie. Ich glaube, es gibt nur sehr, sehr wenige Künstler, die so bekannt sind, die das erlauben, dass sie so offen in einigen Widersprüchen gezeigt werden, und die den Prozess damit offenbaren, der ja letztendlich ein kreativer Prozess ist. Und dazu braucht Christo einfach Komplikationen.

Burg: Während des Aufbaus gibt es unglaublich viele Probleme. Das Wetter wird sehr schlecht, es gibt mächtige Gewitter und Stürme und es ist nicht klar, ob die Eröffnung überhaupt klappt. Was haben Sie darüber gelernt, wie Christo Probleme löst?

Paounov: Das Wichtigste, glaube ich, was ich dabei gelernt habe, ich würde das mal die Architektur des Filmes nennen, das ist, dass es Christo eigentlich gar nicht darum geht, wie dann das finale Projekt aussieht, wie das Endprodukt ausschaut, sondern es geht ihm um die Reise dorthin. Und er trennt das eben nicht, er trennt es nicht in eine Ästhetik und in einen kreativen Prozess, sondern er braucht den Wind, er braucht die Sonne, er braucht die Bürokratie, er braucht das Herumbrüllen, er braucht das Lachen – all das führt dann zu dieser Erfahrung, die das Kunstwerk ausmacht.

"Christo ist wie ein Motor, der niemals aufhört"

Burg: Was ist mit den Besuchern, sind die auch Teil der Kunst?

Paounov: Natürlich, alles ist Teil der Kunst.

Burg: Sie sagen selbstverständlich, aber ein neues Problem taucht ja auf, als das Projekt eröffnet ist. Zu viele Besucher kommen, und es wird gefährlich auf den Pontons. Christo will, dass die örtlichen Behörden die Besucherzahlen reduzieren, aber die Behörden werden nicht aktiv, und der Vorwurf taucht auf, dass die Behörden einfach auch die Publicity genießen. Wie stark ist bei Christo das Gespür dafür, wann Leute versuchen, seine Popularität für ihre eigenen Zwecke auszunutzen und wie sehr kämpft er dafür, die Kontrolle zu behalten?

Paounov: Jedes seiner Projekte ist sehr, sehr spezifisch, und da sind eben die Konflikte Teil seiner Kunst. Und hier war es ein sehr interaktives Projekt, das heißt, das Publikum konnte mit eingreifen. Das führte natürlich zu großen Komplikationen, weil es nicht nur um das Kunstwerk an sich ging, sondern auch darum, wie managt man 100.000 Besucher beispielsweise, das waren ja ganz komplexe Fragen. Vor allen Dingen Fragen der Sicherheit wurden sehr relevant. Aber Christo liebt das, er mag es sozusagen, den Drachen zu zähmen. Und er sagt ja auch selber in dem Film ganz stolz, wir machen niemals dasselbe Projekt, weil wenn wir es zweimal machen würden, dann wüssten wir, wie es geht, und das wäre langweilig.

Burg: Und ein großer Antrieb scheint auch zu sein, den Drachen zu zähmen. Christo ist 83 und macht einfach immer weiter.

Paounov: Ja, richtig! Deswegen hört der Film auch nicht mit dem Ende dieser Floating Piers auf, sondern beginnt schon wieder mit seinem neuen Projekt, weil Christo ist wie ein Perpetuum mobile, wie ein Motor, der niemals aufhört.

Burg: Und eines dieser Projekte hat der Regisseur Andrey Paounov jetzt in einen Film gebannt, nämlich das Floating Piers-Projekt. "Christo – Walking on Water" heißt der Film und ist ab Donnerstag im Kino. Vielen Dank für Ihren Besuch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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