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Thema / Archiv | Beitrag vom 15.05.2014

Dokumentarfilm"Zum Wasser gibt es keine Alternativen"

Edward Burtynsky über seinen neuen Film "Watermark"

Moderation: Stephan Karkowsky

Leitungswasser läuft am 08.03.2013 in Hannover (Niedersachsen) in ein Glas. (Lukas Schulze / dpa)
Ohne Wasser läuft nichts mehr. (Lukas Schulze / dpa)

In "Watermark" haben Jennifer Baichwal und Edward Burtynsky das Element Wasser ergründet. Anders als Erdöl sei Wasser für uns Menschen unersetzlich, sagt Burtynsky. Das mache es so kostbar - und die Verschwendung gefährlich.

Ulrike Timm: Eine filmische Reise rund um die Welt auf der Suche nach dem Element, das alle Menschen verbindet: das Wasser. Poetisch in großen Bildern, oft aus der Luft und mit vielen kleinen Geschichten um und über das Wasser – das ist "Watermark", ein Dokumentarfilm von Jennifer Blaichwal und Edward Burtynsky, einem der angesehensten Fotografen Kanadas. Mein Kollege Stephan Karkowsky hat mit ihm über den Film gesprochen, der ab heute in einigen deutschen Kinos gezeigt wird, und es ging erst mal darum, wie es zu diesem Film eigentlich kam.

Edward Burtynsky: In gewisser Weise ist das eine Fortsetzung zu einem anderen großen Projekt, das ich gemacht habe. Ich habe einen Film über Öl gedreht. Wie Öl die Welt verändert, welche Konsequenzen das hat, und als ich während dieser Dreharbeiten in Australien war und das erste Mal davon hörte, dass ein ganzer Kontinent austrocknet, wegen hauptsächlich der Hitze und der globalen Erderwärmung, dachte ich mir, gut, Öl ist sehr wichtig und hat große Konsequenzen, wenn einmal die Erdölreserven erschöpft sein werden, aber für Öl gibt es Alternativen. Und bei Wasser ist das eben nicht der Fall. Für Wasser gibt es keine Alternativen, und alles Leben, das vom Wasser abhängig ist, wird dann verschwinden. Und diese Idee auch von der Abhängigkeit vom Wasser, die hat mich dann verfolgt, und ich habe versucht, das für mich festzuhalten. Wenn wir morgens unter der Dusche stehen und den Wasserhahn aufdrehen, dann denken wir irgendwie, das Wasser kommt durch die Gnade Gottes zu uns, aber was für Konsequenzen es hat, wenn Wasser einmal nicht mehr da sein würde, darüber denken wir eigentlich nicht nach.

Stephan Karkowsky: Würden Sie sagen, "Watermark" ist im Kern ein Rettet-die-Welt-Film, oder überwiegt Ihr fotografisch-künstlerisches Interesse das ökologische?

Der Kanadische Künstler Edward Burtynsky (dpa / picture alliance / Soeren Stache)Der Kanadische Künstler Edward Burtynsky (dpa / picture alliance / Soeren Stache)

Burtynsky: Eigentlich war die Auswahl relativ einfach, weil beides musste enthalten sein. Ich brauchte starke visuelle Bilder, aber sie mussten eben auch wirklich eine Geschichte erzählen. Und so arbeite ich letztendlich auch als Fotograf. Beide Elemente müssen immer dabei sein. Und ich habe dann eben versucht, auch stellvertretend etwas zu erzählen. Wenn wir einen Staudamm in China sehen, diesen riesigen Staudamm, dann steht der stellvertretend für Zehntausende von Staudämmen überall auf der Welt, in dem Wasser eben zurückgehalten wird. Wenn wir eine Farm in den USA sehen, dann steht auch sie stellvertretend für viele Farmen auf der Welt, wo Wasser auf diese Art und Weise eingesetzt wird. Ich habe eben nicht versucht, eine Enzyklopädie zu machen, eine wissenschaftliche Abhandlung übers Wasser, sondern einen Film mit Bildern, mit einer starken Geschichte, aber wo eben stellvertretend für vieles erzählt wird, was überall auf der Welt geschieht.

Karkowsky: Sie hören Edward Burtynsky über seinen Film "Watermark". Herr Burtynsky, sprechen wir über die einzelnen Szenen selbst. Nicht immer nehmen Sie im Film eine kritische Perspektive ein, oder habe ich womöglich die kritische Botschaft übersehen hinter den wunderschönen Bildern von der blauen Lagune auf Island?

Burtynsky: Ja, diese blaue Lagune stellt so ein bisschen die Konklusion des Films dar. Wir brauchten ein wenig diese verträumte Landschaft, in der man einfach nur sich entspannen kann. Das wird eben durch diesen Dampf des Wassers – da kriegt man so eine Art Trancezustand. Und was wir damit ausdrücken wollten, war einfach, dass wir Menschen eben aus dem Wasser stammen. Und im Übrigen haben die dort im Wasser Treibenden auch Bier getrunken, denen ging es also auch wirklich gut, aber dann kommen eben auch wieder die Wissenschaftler zu Wort, dass alles Leben mit Wasser zusammenhängt und dass wir seit dreieinhalb Milliarden Jahren und dass die Zellteilung eben auch ohne Wasser gar nicht möglich ist. Und unsere ganze Beziehung ist einfach mit dem Element Wasser verbunden, aus dem wir stammen.

Karkowsky: Sie zeigen auch die große Fontäne des berühmten Bellagio-Hotels in Las Vegas in voller Funktion. Das ist wunderbar gefilmt, aber hinter der Schönheit versteckt sich eine bittere Wahrheit über unseren Umgang mit Wasser. Was ist das Besondere an diesem Riesenspringbrunnen?

Burtynsky: Ja, natürlich steht Las Vegas hier für etwas, für unseren Umgang mit Wasser und auch für die Macht, die wir Menschen über das Wasser erlangt haben. Weil das Wasser in Las Vegas entsteht eigentlich nur dadurch, dass es diesen Hoover-Damm gibt und dass der Colorado River, dieser mächtige Fluss, umgeleitet worden ist. Und es hat auch etwas mit Verantwortung zu tun: Wie verantwortungsvoll gehen wir mit dem Element Wasser um. Und dieser Colorado River ermöglichte es, dadurch, dass man ihn umgeleitet hat, dass mitten in der Wüste eine Stadt entstehen konnte, die da eigentlich gar nicht hingehört. Und seit 40 Jahren fließt dieser Fluss eben nicht mehr in den Ozean. Und das führt eben dazu, dass auf dem anderen Ende seines ursprünglichen natürlichen Weges heute eine Art Wüstenlandschaft entstanden ist, weil dort alles vertrocknet, alles ausgetrocknet ist, dieses Delta, das es einmal gab. Und in gewisser Weise ist eben Las Vegas ein Symbol dafür, wie wir Natur auch verändern und eben auf der einen Seite auch eine Wüstenlandschaft schaffen. So beginnt der Film ja auch. Wie gehen wir mit den Ressourcen um? Sind wir als Menschen – da müssen wir uns immer fragen, leisten wir da wirklich gute, verantwortungsvolle Arbeit?

Unterstützung vom Research-Team des "National Geographic"

Karkowsky: Und die Geschichte hinter Owens Lake, die Sie in einer anderen Szene zeigen?

Burtynsky: Ja. Es war Mulholland, der dafür gesorgt hat, dass Los Angeles, eine Stadt, die um 1900 nicht mehr wachsen konnte, weil sie keinen Zugang zum Wasser hatte, weiter prosperieren konnte. Und in gewisser Weise hat Roman Polanski das in "China Town" auch erzählt, dieser Kampf um das Wasser, weil man hat einfach mit riesigen Anstrengungen das Wasser umgeleitet, indem man heimlich Land gekauft hat, und das 350 Meilen breit, bis man endlich so einen Korridor nach Los Angeles gefunden hatte, in dem man diesen Aquädukt baute und den Owens River umleitete bis nach Los Angeles. Und die Bauern, die damals in dieser Gegend lebten, die bekamen das gar nicht mit, weil das so heimlich geschah, dass es längst zu spät war, als ihnen das bewusst wurde. Und sie waren wütend, weil sie natürlich nicht mehr in der Lage waren, ihren Beruf weiter auszuüben und weil das Wasser weg war. Sie haben dann eben auch die Bäume gefällt. Und so ist eben dieser Owens Lake, der sich dort befand, ausgetrocknet, ähnlich wie der Aral-See, was dann zu einer großen Dürre führte und letztendlich zu den giftigsten Wirbelstürmen, die es jemals in den USA gegeben hat.

Karkowsky: Und wie haben Sie all diese Geschichten gefunden?

Burtynsky: Das geschah jetzt nicht wirklich schon mit Absicht. Erst in dem Moment, wo ich mich wirklich dazu entschloss, diesen Film zu drehen, habe ich dann auch wirklich mit einem großen Rechercheteam gearbeitet, und zu Beginn des Jahres 2008 bat mich der "National Geographic", doch ein Projekt über Kalifornien zu machen, und da wurde ich natürlich hellhörig und habe dann ein Jahr lang mit dem Research-Team des "National Geographic" zusammengearbeitet über alles, was mit Wasser zusammenhing. Es gibt allein 1.800 Agenturen in Kalifornien, die sich um die Wasserversorgung, um die Distribution des Wassers kümmern. Auch, was diese ganzen Verhandlungen angeht, weil es sind sieben US-Staaten, die Kalifornien durch diesen Aquädukt mit Wasser versorgen. Wir nennen es im Englischen "Kalifornia-Klempnern".

Und dieses Sacramento-Delta, das eins der wasserträchtigsten in den USA ist, das hat man ja so gewonnen, dass man sehr viele Sümpfe beispielsweise ausgetrocknet hat. Und heute ist das eben sehr gutes, fruchtbares Land eben auch für Farmen, auch für Bauern. Aber man hat eben durch dieses Austrocknen erreicht, dass dieses Delta mittlerweile vier Meter unter dem Meeresspiegel des Pazifischen Ozeans liegt, und alles ist durch Erdwälle bisher eben geschützt, bloß, es besteht natürlich die ganz große Gefahr, dass diese so entstandenen Inseln, falls diese Erdwälle einmal überflutet werden sollten oder durch ein Erdbeben zerstört werden, dann wird das alles durch das Wasser des Pazifischen Ozeans geflutet. Von San Francisco würde das ausgehen, und immerhin sorgt dieses Delta dafür, dass 22 Millionen Kalifornier mit Trinkwasser versorgt werden, dass Farmen mit Wasser versorgt werden. Es geht hier immerhin um 2,2 Millionen Hektar fruchtbares Land, das das Sacramento-Delta mit versorgt.

Karkowsky: "Watermark" ist das letzte Kapitel Ihrer fünfjährigen Reise durch das Thema Wasser. Haben Ihre Recherchen denn Ihr eigenes Verhalten zum Wasser verändert?

"Ich nehme kürzere Duschen, auch aus Respekt vor dem Wasser"

Burtynsky: Ja, es hat sich durchaus was bei mir verändert in der Art, wie ich mit Wasser umgehe. Zum Beispiel nehme ich kürzere Duschen, auch aus Respekt vor dem Wasser. Und ich finde es lächerlich, Wasser in Flaschen zu kaufen. Ich bin wirklich der Meinung, dass es ein Lebensrecht auf Wasser gibt. Man zahlt ja auch nichts für Luft, warum soll man für abgepackte Wasserflaschen zwei Dollar oder 1,50 Euro bezahlen. Das ist eine lächerliche Art und Weise, Profite zu machen. Leider gibt es eben auch genug, die davon profitieren. Aber ich trinke Wasser nur noch aus dem Wasserhahn seitdem.

Aber als Kanadier habe ich vielleicht auch einen anderen Umgang mit Wasser. Wir haben mit die größten Wasserreserven der Welt. 30 Prozent des Frischwassers befinden sich in Kanada. Wir haben Zigtausende von Seen, und wir sind eine Wassernation, und das bei einer relativ kleinen Bevölkerung von etwa 30 Millionen Einwohnern. Nehmen wir einmal China mit 1,5 Milliarden Einwohnern – die besitzen nur acht Prozent des Frischwassers, und davon ist auch noch die Hälfte verseucht. Insofern haben wir als Kanadier einen anderen Respekt, einen anderen Umgang mit Wasser, und dem wollte ich auch für Kanada in diesem Film gerecht werden.

Timm: Edward Burtynsky über seinen Dokumentarfilm "Watermark", der heute ins Kino kommt. Ein kluger Film mit opulenten Bildern, den wir Ihnen gern empfehlen. Burtynsky sprach mit Stephan Karkowsky, und Jörg Taszman übersetzte.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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