Seit 13:05 Uhr Länderreport

Dienstag, 20.11.2018
 
Seit 13:05 Uhr Länderreport

Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.08.2006

Dokumentarfilm untermauert 09/11-Komplott

"Loose Change" will Verschwörungstheorien mehrheitsfähig machen

Von Martin Reischke

Podcast abonnieren
Die Überreste der zusammengestürzten Türme des World Trade Centers in New York (AP)
Die Überreste der zusammengestürzten Türme des World Trade Centers in New York (AP)

Der Dokumentarfilm zum 11. September will zeigen, dass es einen islamistischen Terroranschlag nicht gegeben hat. Das WTC sei dagegen von einer Cruise Missile gesprengt worden. "Loose Change", was so viel wie "Beginnender Wandel" bedeutet, von dem 22-jährigen Studenten Dylan Avery wurde bislang im Internet von etwa zehn Millionen Nutzern gesehen.

Dramatische Musik. Die New Yorker Freiheitsstatue reckt langsam ihren erhobenen Arm ins Bild. Dann schwenkt die Kamera auf die mächtigen Türme des World Trade Centers. "Loose Change" ist ein investigativer Film über den 11. September. Seine These: Ein Anschlag islamistischer Terroristen hat niemals stattgefunden. Das World Trade Center, meint Regisseur Dylan Avery, wurde professionell gesprengt, ins Pentagon raste keine Boing 757, sondern eine Cruise Missile.

Mit diesen Behauptungen trifft Avery den Nerv vieler Amerikaner, die spätestens seit dem Irakkrieg-Desaster den Glauben an die Ehrlichkeit der Politik verloren haben. Ähnlich wie der Filmemacher Michael Moore sieht sich auch Avery dabei als aufrichtiger US-Patriot, der die ganze Wahrheit einfordert.

Die ist für ihn ziemlich einfach: Nicht El-Kaida oder Bin Laden, sondern eine Gruppe von Mächtigen tyrannisiert die USA. Deshalb fordert Avery seine Landsleute zur Gegenwehr auf: Stellt Fragen und verlangt Antworten:

Avery: " What are we gonna do about it? Anything. Ask questions, demand answers. "

Mit schnellen Schnitten und einem rhythmischen Musikbett ist der Film ein popkulturelles Zeitdokument. Kein Wunder: Regisseur Avery ist gerade mal 22 Jahre alt, für die erste Version des Films hatte er nur 2000 Dollar zur Verfügung. Auch das könnte den Erfolg des Films erklären: Schließlich ist Avery ein einfacher Student von der Ostküste, der die Dokumentation ohne erkennbare ökonomische Motive gedreht hat. Das macht ihn glaubwürdig für die Millionen Nutzer der Internet-Community, die sich den Film schon angeschaut haben und oft kaum älter sein dürften als der Regisseur selbst.

Als Argumentationshilfe nutzt Avery Zeitungsausschnitte ebenso wie Fernsehbilder vom 11. September. Zum Beispiel wenn es um die Boing 757 geht, die am 11. September in das Pentagon-Gebäude stürzte. Auf den Fernsehbildern waren jegliche Spuren des Flugzeugs nach dem Absturz verschwunden.

Avery: " A Boing 757 is a 155 ft long, 44 ft high, has a 124 ft wingspan, weighs 100 tons – are we supposed to believe that it disappeared into this hole?"

Ein riesiges Flugzeug – verschwunden in einem Loch in der Wand des Pentagon. Regisseur Avery mag das natürlich nicht glauben. Er ist ein Überzeugungstäter. Wohl deshalb heißt der Film "Loose Change" – zu deutsch etwa "beginnender Wandel". Avery will die öffentliche Meinung ändern – und die Verschwörungstheorie mehrheitsfähig machen.

"Film so erfolgreich, weil er alles, was in der Welt und im Internet kursiert, geschickt zusammenfasst" - Gespräch mit dem Autor Tobias Jaecker



Über den Film "Loose Change" sprach Deutschlandradio Kultur mit dem Tobias Jaecker in Chicago. Er ist Autor des Buches "Antisemitische Verschwörungstheorien nach dem 11. September - Neue Varianten eines alten Denkmusters".

Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Gespräch mit dem Moderator Jürgen König:

König: Sie haben die Verschwörungstheorien zum 11. September auf ihre antisemitischen Motive hin untersucht. Den Film "Loose Change" kennen Sie. Welche Rolle spielen hier antisemitische Motive Ihrer Ansicht nach?

Jaecker: Im Film spielen Sie keine so große Rolle, allerdings tauchen Versatzstücke darin auf. Zum Beispiel wird behauptet, dass Larry Silverstein, ein amerikanischer Jude und Besitzer des World Trade Center, von dem Crash profitiert hätte, weil das Gebäude doppelt versichert gewesen sei. Und dann wird zum Beispiel behauptet, dass der Mossad seine Finger im Spiel gehabt hat. (…) Andere Verschwörungstheorien besagen zum Beispiel, dass überraschend wenig Juden oder Israelis in dem Gebäude gewesen seien, und das wäre doch ein Hinweis darauf, dass sie vorgewarnt worden seien. (…)

König: Warum ist dieser Film so erfolgreich?

Jaecker: Ich glaube, er ist so erfolgreich, vor allem weil er alles, was so in der Welt ist und was so im Internet kursiert, was zum Teil auch in seriösen Medien gesendet und geschrieben worden ist, in einer relativ geschickten Weise zusammenfasst. Man kann das so ein bisschen mit Michael Moore vergleichen. Es ist ein ansprechend gemachter Dokumentarfilm, mit Musik unterlegt in einer auch sehr suggestiven Weise. Da wird eine runde Geschichte erzählt. Das Ganze ist ja eingerahmt mit historischen amerikanischen Verschwörungstheorien um Kennedy, Kuba-Invasion und so weiter und dann wird die Geschichte des 11. September erzählt. (…)

Sie können das vollständige Gespräch mit Tobias Jaecker für begrenzte Zeit in unserem Audio-on-Demand-Angebot hören.

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsDie blutige Spur des Wolfs
Ein Kind berührt in einem Museum einen ausgestopften Wolf (imago stock&people)

Den Wolf und seine Rolle im Straßenverkehr diskutiert endlich auch das Feuilleton. Denn das Tier zog seine blutige Spur lange genug nur durch die Lokalspalten. Die "taz" interpretiert nun literaturkundig: Was früher der böse Wolf mit Rotkäppchen tat, macht heute das Auto.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 9Überwältigende Übergänge
Die Schauspielerin Sesede Terziyan (als Elisabeth) steht am 10.01.2018 in Berlin bei der Fotoprobe zu dem Stück "Glaube Liebe Hoffnung" im Maxim Gorki Theater auf der Bühne. (picture alliance / Britta Pedersen / dpa)

Ist das "Postmigrantische Theater" ein Erfolg? Wie erlebten jüdische Bühnenkünstler Deutschland eigentlich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil? Im Theaterpodcast #9 schauen wir auf einschneidende Übergänge und erinnern an den verstorbenen Theaterkritiker Dirk Pilz.Mehr

Folge 8"Siegreich" und "schiffbrüchig"
Porträt der Kulturmanagerin Adolphe Binder. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Was steckt hinter der Theaterkrise in Wuppertal und den Vorwürfen gegen Jan Fabre? Warum sind die Arbeiten des Regisseurs Jürgen Gosch so unvergesslich? Im September-Theaterpodcast schauen wir auf "siegreiche" und "schiffbrüchige" Theatermacher.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur