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Fazit | Beitrag vom 17.01.2021

Dokumentarfilm über Ursprung des CoronavirusAuf den Spuren der Fledermaus

Von Hartwig Tegeler

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Eine Hufeisenfledermaus im Flug. (picture alliance / blickwinkel / AGAMI / T. Douma)
Hufeisenfledermäuse haben ein so gutes Immunsystem, dass sie viele Viren in sich tragen können, ohne selbst zu erkranken. (picture alliance / blickwinkel / AGAMI / T. Douma)

Die Weltgesundheitsorganisation untersucht nun im chinesischen Wuhan den Ursprung der Pandemie. Warum das so wichtig ist, behandelt die Doku "Die Virusjäger" auf sachliche und eindrückliche Art.

Sie ist nur wenige Gramm schwer: die Hufeisenfledermaus. Für Pascal Moeschler vom Genfer Naturkundemuseum ein faszinierendes Tier. "Diese Fledermäuse haben einen einzigartigen Charakterzug, der uns Menschen fehlt: Sie besitzen ein unglaublich gut entwickeltes Immunsystem. So ist eine Fledermaus in der Lage, viele Viren zu tragen, dabei aber nur wenige Symptome zu entwickeln", sagt der Biologe in der Doku "Die Virusjäger".

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Dieses kleine Tier, das das Nipah- oder das MERS-Virus, das SARS-CoV-1- oder Ebola-Virus und auch den Corona-Krankheitserreger trägt, es ist verdächtig, die ursprüngliche Quelle für die weltweite Pandemie zu sein. Ausgehend vom Großhandelsmarkt in der Innenstadt der chinesischen Wirtschaftsmetropole Wuhan, auf dem für die traditionelle chinesische Küche auch lebendige Wildtiere verkauft werden. Das Problem dabei ist die Nähe bei der Haltung dieser Tiere, die die Käfige zu Brutkästen für Krankheiten machen, die auf den Menschen überspringen. Zoonotische Krankheiten.

Die meisten Seuchen wurden von Tieren übertragen

Die Filmemacher Daniel Bohnenblust, Cédric Louis und Maria Pia Mascara reisen in diesem Film auch nach Wuhan. Die Leiterin des dortigen Instituts für Virologie, Zheng-Li Shi, war vor einem Jahr weltweit die erste Wissenschaftlerin, die ein Virus in Fledermäusen identifizierte, das eine 96-prozentige Übereinstimmung mit dem Coronavirus hat, das jetzt die Menschen infiziert. Inzwischen haben die chinesischen Behörden Zheng-Li Shi zum Schweigen gebracht.

Eine unabhängige Untersuchung für die weltweite Wissenschaftsgemeinschaft über diese Quelle der globalen Pandemie hat es bisher nicht gegeben. Man kann also nur hoffen, dass die WHO-Experten, die in dieser Woche nach Wuhan reisen konnten, nun die notwendigen Daten erheben können. In "Die Virusjäger" erklärt Peter Ben Embarek, Spezialist für zoonotische Krankheiten bei der WHO, das Problem:

"Vom Moment, von dem an das Virus durch Fledermäuse verbreitet wird, bis zu dem Punkt, an dem es sich auf die Menschen auszubreiten beginnt", so der Wissenschaftler, "gibt es eine Lücke in der Zeitlinie, die wir identifizieren müssen. Wenn dieses fehlende Glied ein Nutztier ist, kann es möglich sein, dass das Virus noch in diesen Tierpopulationen ist", so Peter Ben Embarek. "Deshalb ist es wichtig, dass wir dieses Problem in den Griff bekommen, um zu verhindern, dass künftige Viren übertragen werden."

Das internationale Expertenteam der WHO in Wuhan. (picture alliance / Kyodo)Am 14. Januar traf das internationale Expertenteam der WHO in Wuhan ein. (picture alliance / Kyodo)

Nüchtern, sachlich, ohne angestrengte formale Spielereien macht dieser Dokumentarfilm klar, wie entscheidend es für die Bekämpfung eines Virus ist, die Ursprünge einer Epidemie an ihrer Quelle zurückzuverfolgen. Nicht zu vergessen: Drei Viertel der Seuchen, die sich unter Menschen verbreitet haben – von der Pest bis jetzt zu Covid –, wurden durch Tiere übertragen.

Die These vom Laborunfall in Wuhan

Wobei in "Die Virusjäger" auch diskutiert wird, ob das Hochsicherheitslabor in Wuhan das Coronavirus hat entweichen lassen. Die Filmemacher vertreten folgende Position: Auf der bisherigen Datenbasis ist die These vom Laborunfall nicht zu verifizieren.

Die Immunologin Branka Horvat aus Lyon, die mit dem chinesischen Labor in den vergangenen Jahren immer wieder zusammengearbeitet hat, meint im Film, dass dieses Gerücht jeglicher wissenschaftlichen Grundlage entbehre:

"Vor allem, da wir wissen, dass Fledermäuse voller Viren sind und überall hinfliegen. Da musste das Virus nicht in einem Labor ausgeheckt werden. Die Leute verstehen nicht oder wollen nicht verstehen, dass das größte, mächtigste Labor der Welt die Natur selbst ist."

So sehen Ökologen nicht erst seit Corona inzwischen das schwerwiegendste Problem für die öffentliche Gesundheit denn auch in der Einschränkung der natürlichen Lebensräume der potenziellen tierischen Überträger von Viren. Denn damit wird der Kontakt zwischen Menschen, Tieren und Erregern immer wahrscheinlicher.

Größte Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg

In "Die Virusjäger" kommt gegen Ende Suerie Moon, Co-Direktorin der WHO in Genf, mit einem bedrückenden Appell zu Wort. Angesichts der Toten, der Rezession und dem Verlust von Millionen von Arbeitsplätzen in der Coronapandemie redet sie von der größten Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg. Diese mache auf erschreckende Weise deutlich, welch für uns wohl bisher unvorstellbare Verwüstung ein natürliches Virus verursachen könne:

"Wir müssen das als extreme Sicherheitsbedrohung begreifen und bereit sein, es auf den höchsten politischen Ebenen zu behandeln, um uns auf neue Ausbrüche vorzubereiten", sagt Suerie Moon. Spätestens mit diesem Statement der WHO-Frau wird der eindringliche wie nachdenkliche Dokumentarfilm zum politischen Weckruf.

"Die Virusjäger: Auf der Spur der Bestie, die die Welt stoppte" gibt es als Video-on-demand bei iTunes.

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